121 Jahre lang sind Frankfurter Kinder diese Treppe hochgelaufen. Durch Weltkriege, Währungsreformen, Wirtschaftswunder und Wiedervereinigung. Keines ist gefallen. Keines ist gestorben. Und dann — im Jahr 2025 — entdeckt jemand mit einem Zollstock, dass das Geländer sieben Zentimeter zu niedrig ist. Was folgt, ist keine Posse. Es ist Deutschland.
In unserem Land, in dem Kinderschänder, Vergewaltiger und Mörder auf freien Fuß kommen, weil die Justiz überlastet ist (siehe hier), in dem angeblich überall Arbeitskräfte fehlen, gibt es Geld und Mittel dafür, dass jetzt 12 Wachleute diese Schultreppe beaufsichtigen – wegen der fehlenden sieben Zentimeter.
Sie glauben das nicht? Ich konnte es zuerst auch nicht glauben. Und die „Bild“ hat die Geschichte hinter einer Bezahlschranke und weit unten auf der Seite versteckt. Weil sonst zu vielen Menschen auffällt, in welcher Schizophrenie wir in diesem Land mittlerweile leben? In einem Land, in dem Schultoiletten, die buchstäblich zum Himmel stinken, weil das Geld für Instandhaltung fehlt, mit fehlenden Lehrkräften, mit Schulen, die bautechnisch heute weniger mit der alten Bundesrepublik oder der DDR zu tun haben als mit dem, wie man sich Schulen in Entwicklungsländern vorstellt – denen ich nicht zu nahe treten will.
Allein in Frankfurt hat sich eine Milliarde Euro Sanierungsstau bei den Schulen angehäuft! Zwei mussten gar geschlossen werden: Einsturzgefahr.
Und nun das: Von 7.30 Uhr bis 17 Uhr sind die Wachleute in der Frankfurter Schule im Einsatz. Die Kosten: 13.700 Euro brutto pro Woche. Geplant sind bis zu einem Umbau der Treppen rund vier Wochen Einsatz. Geplante Gesamt-Kosten für die „Security“: rund 40.000 Euro, weil während der Ferienbetreung „nur“ 5.000 bis 6.000 Euro pro Woche anfallen. Der Hintergrund: Laut „Muster-Schulbau-Richtlinie“ müssen die Geländer 1,10 Meter hoch sein. Hier sind’s nur 1,03 Meter – sieben Zentimeter zu wenig.
Empört ist laut „Bild“ auch die vorübergehende Schulleiterin, die momentan für zwei Grundschulen zuständig ist (was auch schon viel sagt): „Die Situation ist absurd und macht mich wütend. Das ist eine Verkettung von Missmanagement und Planlosigkeit. Hier werden öffentliche Gelder verpulvert, während wir darum betteln müssen, dass endlich die Wände im Schulhaus gestrichen werden.“
Die Frau zieht einen bitteren Vergleich: Sie habe in der Schule mit rund 400 Kindern etwa 20.000 Euro Jahresbudget. „Davon muss ich Seife, Klopapier, Kunstmaterial kaufen oder kaputte Stühle ersetzen“. Für die Treppen-Security wird im Monat doppelt so viel ausgegeben. Eine ähnliche Situation gab es dem Bericht zufolge an einer weiteren Frankfurter Schule. Auch dort waren teure Wachleute im Einsatz. Inzwischen sorgen Pressspanplatten für die vorgeschriebene Höhe des Geländers. Allein diese kosteten 28.000 Euro – zusätzlich zu den Kosten für die Security.
Leider eine Krankheit
In meinen Augen zeigt diese Geschichte musterhaft, wie sich dieses Land totreguliert und aus lauter Angst vor juristischer Verantwortung erstickt. Was hier in Frankfurt passiert, ist kein Einzelfall und kein Versehen. Es ist das Symptom einer nationalen Psychose.
Irgendwo in Frankfurt sitzt ein Beamter, der eine Checkliste abgearbeitet hat. Geländerhöhe: 1,03 Meter. Vorschrift: 1,10 Meter. Delta: sieben Zentimeter. Risiko: juristisch. Lösung: Security. Kosten: egal — denn die Kosten trägt das System, die Haftung aber der Mensch, der nicht gehandelt hätte. In dieser asymmetrischen Logik liegt der Kern des Problems. Wer handelt und etwas falsch macht, haftet. Wer überreagiert und Unsinn produziert, ist auf der sicheren Seite. Hinter jedem Wachmann auf diesem Treppenabsatz steht ein Jurist mit Angstschweiß und ein Bürokrat mit Paragraphenreiter-Komplex. Das Ergebnis ist eine Bürokratie, die nicht mehr verwaltet, sondern sich selbst absichert — und dabei das Land ruiniert.
Das Kind, das morgens an einem Wachmann vorbeiläuft, um eine Treppe hochzusteigen, die seit 121 Jahren sicher ist, lernt in diesem Moment etwas. Nicht Lesen, nicht Schreiben, nicht Rechnen. Es lernt: Wir misstrauen euch. Wir misstrauen der Physik, der Geschichte, dem gesunden Menschenverstand. Wir vertrauen der Richtlinie.
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Während andere Nationen in die Zukunft investieren, investieren wir in die lückenlose Absicherung des Stillstands. Wir verbarrikadieren uns hinter Pressspanplatten und Sicherheitsdiensten, während das Fundament unserer Gesellschaft längst riesige, tiefste Risse hat, die kein Wachmann der Welt mehr flicken kann. Wenn die Angst vor der Haftung größer ist als die Scham über zerfallende Schulen — dann ist das keine Verwaltung mehr. Dann ist das der organisierte Offenbarungseid eines Landes, das vor lauter Sicherheitswahn vergessen hat, wie man lebt, baut und schlicht funktioniert.
Sieben Zentimeter. 40.000 Euro. Eine Milliarde Sanierungsstau. Das ist nicht Pech. Das ist Methode. Und das Grabkreuz steht längst.
RIP.
Bild: KI-generiert/Grok