Kali Akuno ist im Los Angeles der 1980er Jahre zwischen Drogenkrieg und Polizeigewalt als Sohn eines schwarzen Crack-Süchtigen aufgewachsen. Jetzt leitet er ein Sozialprojekt in Jackson, Mississippi. Die Chilenin Camila Cáceres schloss sich trotz elterlichen Drills zur karrieristischen Einzelkämpferin feministischen Frauenkollektiven an. Marlene Sonntag ging in das westkurdische Autonomiegebiet Rojava, weil ihr in der linksradikalen Szene Deutschlands die Ernsthaftigkeit fehlte. Judith Braband war als Teil der linken Opposition in der DDR aktiv am Sturz der SED und am Runden Tisch beteiligt. Und Shahida Issel kämpfte in Südafrika erfolgreich für die Befreiung von Mandela und anderen politischen Gefangenen.

Fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die von dem Berliner Videokollektiv leftvision und Autor Marco Heinig in ihrem ersten langen Film zusammengebracht werden, um Chancen und Hindernisse antikapitalistischen Aufbegehrens vorzustellen. Sonntag genießt vor allem die Solidarität unter Frauen. Akuno hält die US-Rechte um Trump für eine gezielt von Liberalen gegen eine erstarkende Linke „losgelassene“ Truppe. Schwärmt Cáceres enthusiastisch von der motivierenden Kraft staatlicher Gegengewalt und spricht davon, die „Wut gegen das verdammte System rauszulassen“, fallen einem mit einigem Unwohlsein nicht besonders fortschrittliche Kräfte ein, die ebendies in den letzten Jahren in Deutschland oder den USA taten. Und während Issel mittlerweile ernüchtert auf die Korruption in Südafrika blickt, beklagt Braband rückblickend den Fehler, 1990 nicht den letzten Schritt an die Schalthebel der Macht getan zu haben.

Eingebetteter Medieninhalt

Leider fragt im Film niemand nach, wie das dann konkret ausgesehen hätte. Und auch die Projekte hinter den Personen bleiben plakativ flach, als hätte sich von den FilmemacherInnen niemand wirklich intensiver mit ihnen beschäftigt. Gefüllt wird die visuelle Ebene des Films dagegen mit Archivmaterial und Pastiches, die betonierte Stadtansichten oder Klischees kapitalistischer Exzesse wie Jachten oder Luxuskarossen zeigen. Akustisch wird die Narration von Musik und einem mit weiblicher Stimme eingesprochenen Kommentar aus der angedeuteten subjektiven Perspektive einer links-ökologischen Dienstleisterin getragen, der im Ton zwischen Befindlichkeitsbefragung („Je mehr ich ich sein will, desto mehr spüre ich ein Gefühl von Leere“) und ostentativer Radikalität oszilliert: „Wie ist es möglich, dass die Straßen nicht leuchten von brennenden Barrikaden?“

In diesem den Film dominierenden Kommentar geht es in mehreren Kapiteln vom krisenhaften Jetzt-Zustand zum Kampf dagegen. Stilistisch kommt er schnoddrig daher („Irgendwer hat mal gesagt …“), argumentativ in der Art eines Schulaufsatzes, der die jeweiligen Pros (Gemeinschaft, Lernen, Sinnhaftigkeit) und Kontras (Macht des Kapitals, Manipulation, fehlender Mut) für mögliche Veränderungsprozesse abarbeitet. Doch wenn es um konkrete Ansatzpunkte zum Handeln geht, bleibt nach vielen verbalen Volten enttäuschend wenig übrig: die nicht wirklich neue Idee, dass theoretisch ein gutes Überleben aller auf Erden möglich wäre. Und dass dies in „kooperativen Formen des Arbeitens“ auch praktisch werden könnte. Doch wenn Rise Up dann behauptet, dass wir ja eigentlich in einer „Zeit voll verwirklichter Utopien“ leben, ist es zumindest ein kleines Handicap, dass der geografische Bezugsraum des Films (wie vieles andere) nie konkretisiert wird. So bleibt am Ende Revolutionsromantik mit roten Fahnen und ein als Filmidee schönes polyphones Straßenkonzert, das aber zu den Widersprüchen linker Politik im 21. Jahrhundert wenig aussagen kann. Festzuhalten wäre noch, dass der dezidiert antistaatlich ausgerichtete Film aus fast allen Töpfen staatlicher Filmförderung unterstützt wurde.

Rise Up Marco Heinig, Steffen Maurer, Luise Burchard, Luca Vogel Deutschland 2022, 89 Min.



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Von Veritatis

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