Was müssen das für Zeiten gewesen sein, als es genügte, kein schlechter Vater zu sein, um als guter Vater zu gelten! Heute sind die Anforderungen an gelungene Vaterschaft hoch, um nicht zu sagen: regelrecht überbordend. Das bekam jüngst Finanzminister Christian Lindner zu spüren. Ein Zeit-Journalist hatte Lindner mit der Aussage zitiert, dass er in Absprache mit seiner Ehefrau Franca Lehfeldt Care-Zeit für zukünftige Kinder des Paares übernehmen werde. Für diese Lebensphase habe sich der Minister viel vorgenommen, unter anderem wolle er jagen, fischen und imkern. Vielleicht könne er auch ein Buch schreiben. Vom Wickeln und Wäschewaschen war dagegen keine Rede. Potz Blitz! Wer hätte gedacht, dass Elternzeit bedeutet, dass man sich tatsächlich Zeit für Sorgearbeit nehmen muss?

Erwartungsgemäß kassierte der Finanzminister, Supervater in spe und erstklassige Rücken-Freihalter Hohn und Spott für seine Äußerungen. Nicht wenige Frauen reagierten gar wütend, war der Minister doch in das saftigste aller Fettnäpfchen getreten: die Elternurlaubsfalle. Jene Vorstellung, wonach sich eine betreuende Person, ob Frau oder Mann, in ein Luxusleben mit viel Freizeit verabschiedet, wenn sie sich Elternzeit nimmt.

Ich kenne das. Als mein Mann seine Elternzeit antrat, wünschten ihm seine Kollegen einen schönen „Babyurlaub“. Auch er selbst hegte insgeheim die Hoffnung, er könne das nächste Album seiner Band in Rekordzeit produzieren, schließlich wäre er ja auf Monate hinaus von der Erwerbsarbeit befreit. Er musste schließlich einsehen, dass Elternschichten, im Gegensatz zu Arbeitsschichten, nicht zwingend nach acht, zehn oder zwölf Stunden enden. Fürs Erste ist auch keine Elterngewerkschaft denkbar, die gegen die Interessen eines zahnenden Babys humanere Elterndienstzeiten durchsetzen könnte. Der Baby-Bourgeoisie ist nicht beizukommen.

Schon deshalb sollte man mit dem naiven Noch-nicht-Vater Lindner nicht allzu hart ins Gericht gehen. Erweist er sich nicht als aufrechter Kommunist? Seinen Marx jedenfalls hat er gründlich gelesen. Zweifelsfrei lässt sich seine Ausführung nur als Fortführung der legendären Deutschen Ideologie begreifen; darin träumt Marx bekanntermaßen davon, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Warum also sollte der Minister auf seine Rolle als Minister, Vater oder Jäger festgeschrieben werden? Man gönne ihm doch die volle Entfaltung seines Wesens; wo sonst Arbeitsteilung und Entfremdung herrschen, da bejaht Lindner die Einheit von traditioneller Männlichkeit (Nahrung heranschaffen) und Mütterlichkeit. Reden wir nicht ständig über die Vereinbarkeit? Und wenn eine Mutti, genau genommen die Mutti, die diese Kolumne schreibt, in Elternzeit ein Buch schreiben konnte, dann doch wohl auch ein Tausendsassa wie Lindner. Ich sehe den Minister förmlich mit umgeschnallter Babytrage durch einen Forst schleichen: die Ohren gespitzt, das Kindchen sanft wiegend, während er die ersten Absätze seiner Autobiografie in sein Diktiergerät wispert. Auf dass ihm seine Frau später beim Abtippen helfe.

Doch Scherz beiseite. Was das Lindner-Gate offenlegt, ist gerade nicht die Gender-Gap in Fragen der Fürsorgearbeit. Tatsächlich beweist Lindner nur, dass Elternschaft immer auch eine Klassenfrage ist. Ob Lehfeldt oder Lindner: Beide würden wohl selbstverständlich Care-Aufgaben outsourcen, um sich den angenehmen Dingen des Lebens widmen zu können. Wie entspannt Care-Zeit ausfällt, ist am Ende stets eine Frage des Geldbeutels.



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Von Veritatis

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