Den Herbst habe ich einmal, in einem bislang unveröffentlichten Text, als „eschatologische Jahreszeit“ bezeichnet. Was heißt das? Eschatologie ist die Lehre von den sogenannten letzten Dingen und von der Endzeit, dem finalen Umbruch der Menschheitsgeschichte, meist als Verheißung verstanden, als Überwindung all dessen, was uns das Leben oft zur Qual macht, uns den schöpferischen Atem nimmt und uns erniedrigt und bösartig bedrängt.

Wenn jemand wie ich (Jahrgang 1944)den Herbst heraufbeschwört, bietet es sich an, von dem berühmten „Herbst des Lebens“ zu sprechen — den ich vielleicht schon hinter mir gelassen habe. Die „vielen Herbste“ in der Gedichtzeile von Gottfried Benn, den ich mit 18/19 Jahren sehr verehrte — und heute immer noch schätze —, sind anders gemeint, als ich dies in der Titelzeile anklingen lassen will. Es geht bei Benn um die Herbste, die „des Sommers Glücke richten“, wie es wörtlich heißt, und alles hinwegfegen, was an echtem Glück und echter Freude, aber auch an eitler Anmaßung und Selbstüberhebung den Menschen bewegt und erfüllt. Und dies in dem Wissen, dass all das nicht bleiben kann, ja darf!

So steigen einige Herbste meines Lebens vor mir auf wie aus dem „Brunnen der Vergangenheit“, so Thomas Mann, heraufgeweht. Es sind Bilder des Vergangenen, die die Helle der Gegenwart jäh durchstrahlen, ihr sozusagen den Rang streitig machen. Das Alte — das ja ohnehin niemals wirklich vergangen ist und sein kann — überstrahlt oder übertönt das Jetzige, das sich so prall und dicht präsentiert, als sei alles Gestern schlicht nicht vorhanden, was, wie jeder im Grunde weiß, ein Wahn ist.

Das vielleicht traurigste mir bekannte Herbstlied stammt aus Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ mit Text von Hans Bethge. Es trägt den Titel Der Einsame im Herbst und beginnt mit der schönen Zeile „Herbstnebel wallen bläulich übern See.“ Und gegen Ende heißt es: „Der Herbst in meinem Herzen währt zu lange …“ Man muss die Musik dazu hören. Ich will es mir ersparen, sie zu beschreiben; das kann ihr nicht gerecht werden.

Es gab große Trauerherbste in meinem Leben, die mir, wie im Lied, „zu lange“ erschienen. Viel zu lange. Aber sie waren für mich stets auch eine Herausforderung, die zu bewältigen ich mir selbst abverlangte, auch wenn es nicht immer gelang. Aber schon das Bemühen wirkte lindernd und klärend.

Der Monat November „hat es in sich“, wenn man sich ihm wirklich öffnet, wenn man sein Lied versteht, das Lied der Vergänglichkeit und der Todesnähe. Als wirkliches, melodisch erklingendes Lied verbirgt und entbirgt es zugleich den „Klang der Welt“, den Klang der Ewigkeit gleichsam — und nicht nur „gleichsam“ — und des geistig-kosmischen „Gemeint-Seins“ als dem Gegenpol zu dem Tag für Tag in der herrschenden Intellektualkultur zelebrierten „Du-bist-nicht-gemeint-Universum“. Diesen Irrsinn auszuhalten, ist im November schwieriger als in der Sonnenfülle des Sommers. Im November, so scheint es, haucht uns der als trostlos und leer imaginierte Weltraum besonders kalt an, auch wenn dieser eigentlich eine geradezu pathologische Fiktion darstellt, die aber weltweit geglaubt wird. Eigentlich rätselhaft. Und auch wieder nicht …

Der Oktober ist häufig noch sozusagen „Altweibersommer“, wenn sich nicht zu früh schon die kalte Pranke des Vorwinters zeigt. In der heutigen Situation kann diese kalte Pranke verheerende Auswirkungen haben, wie sich unschwer voraussehen lässt. Dafür gibt es klar zu benennende Verantwortliche. Auf den alten und eingeführten Begriff des „Altweibersommers“ wird wahrscheinlich längst der Bannstrahl der ideologisch motivierten Sprachkorrektoren gefallen sein oder in Bälde fallen. Das nur am Rande erwähnt. Auf jeden Fall zeigt der Oktober-Herbst eine Farben- und Gestaltungsfülle von einzigartiger Pracht. Ein Fest gewissermaßen für Fotografen, Maler, Literaten und andere, wenn sie denn noch offen sind für derlei Phänomene der Natur und deren sublime Schönheit, ja Hoheit, die etwas Ehrfurchtgebietendes hat

Es ist hier ähnlich wie beim Frühling: Der farbengesättigte Herbst überfordert viele Menschen, macht sie verlegen und hilflos, weil hier Tieferes anklingt als das rein Visuelle. Das natürliche Licht tritt in eine ganz eigene Konstellation und auch Intensität, gerade weil die Tage kürzer werden und im fortschreitenden Prozess des Herbstes wie abtauchen in das ohnehin allgegenwärtige Dunkel des Alls, in dem sich möglicherweise ein anderes und höheres Licht zeigt, ein inneres Licht. Wobei die Frage aufscheint, wie das sogenannte äußere Licht zum inneren steht, wenn solcherart Kategorien beim Licht überhaupt greifen.

Das Licht überhaupt ist ein abgrundtiefes Mysterium, was selbst die Physiker zugeben müssen, obwohl sie in öffentlichkeitswirksamen Auftritten oft den Eindruck erwecken, mit dem Weltgeist auf Du und Du zu stehen und ihm geradezu auf die Schulter zu klopfen.

Das Herbst-Oktoberlicht wirkt wie gefangen oder besser wie kunstvoll eingefügt in die Farbenfülle der kürzer werdenden Tage, bevor dann der November zunehmend das Zepter ergreift und die Farben verschwinden lässt. Die große Entblätterung setzt ein und rückt gnadenlos und unaufhaltbar voran. Ich spreche hier von „unseren Breiten“, wie sich versteht. Dem muss man sich stellen. Das verändert die Seelenlage auf vielfältige Weise. Und das kann durchaus unheimliche und beängstigende Züge annehmen. Irgendwie werden wir beraubt; wir verlieren etwas. Die sich steigernde Zurücknahme der Lichtfülle kann wie eine Bedrohung wirken:

Die große Finsternis könnte uns alle verschlucken wie eines jener ominösen und nach meiner Überzeugung rein fiktiven Schwarzen Löcher. Das berühmte Foto eines Schwarzen Lochs, das seinerzeit Furore gemacht hat und wohl von den meisten für real gehalten wurde, ist mehr oder weniger eine Photoshop-ähnliche Konstruktion. Was wirklich gesehen wird, ist nicht seriös zu ermitteln.

Das Sichtbare verliert seine Kraft. Kann nun das Unsichtbare walten, das hinter und in allem wirkt und webt? Es könnte dies tun, aber meist geschieht es nicht, weil der moderne/postmoderne Mensch diese Seelenspannung schlecht aushält und sie eher flieht oder technisch-medial übertönt oder zudeckt.

Die Jahreszeiten überhaupt greifen machtvoll in unser Leben ein; es sind kosmische Rhythmen, denen wir nicht ausweichen können, auch wenn wir uns dagegen sträuben. Das ist wie mit dem Tod. Überhaupt spiegeln die Jahreszeiten auch das menschliche Los, die Unentrinnbarkeit natürlich-kosmischer Abläufe, die uns ergreifen und umbauen, uns umfassend fordern. Bis zum physischen Tod. Und wohl auch darüber hinaus. Zumindest gibt es dafür Indizien, die sich nicht in Gänze abweisen lassen.

Was macht der Herbst mit uns? Trägt er uns gütig weiter im Atem des großen Zyklus oder fordert er uns scharf heraus, lässt uns nicht los, zwingt uns geradezu, uns zu verwandeln? Wahrscheinlich ist beides der Fall.

Ist der Herbst eine eschatologische Jahreszeit? Davon war ja schon einleitend die Rede. Darauf will ich zurückkommen. Wir leben, so scheint es, in einer eschatologischen Zeit, in der sich — vielleicht, vielleicht — jene große Wende ankündigt, die wir sowohl ersehnen als auch fürchten, weil sie uns viel abverlangt. Eine epochale Umwälzung steht offenbar ins Haus. Oder ist das eine Phantasmagorie? Ein Wunschtraum vieler Menschen, wenn der Irrsinn flächendeckend tobt und kein Hoffnungsschimmer erkennbar ist innerhalb der herrschenden Koordinaten?

Diese selbst müssen zerbrechen und sich ganz neu konstellieren. Das sagt sich leicht, aber was bedeutet es wirklich und eigentlich, wenn wir uns nicht nur im Fantastischen und Utopischen tummeln wollen, während der uns tragende Boden zunehmend wegbricht? Wer oder was hält uns, wenn wir abzustürzen drohen? Die herrschenden Großideologien jedenfalls nicht, zu denen auch, oder eigentlich primär, die abstrakte Naturwissenschaft gehört, die die Deutungshoheit oder das Deutungsmonopol beansprucht, obwohl sie zu den eigentlich entscheidenden Fragen gar nichts beisteuern kann.

Anfang Oktober war ich an einem wunderbaren Ort in Berlin, an dem viele vorbeigehen. Jedenfalls trifft man dort vergleichsweise wenige Menschen. Zu viert erstiegen wir eine kleine Anhöhe, um schließlich an einen Aussichtspunkt zu gelangen, der uns den Blick auf eine Schneise, die zugleich eine Senke darstellt, im Südwesten des Hügels gestattete. Was wir sahen, waren vertraute und zugleich ferne und anmutige Landschaften, die sich in zarten Nebel getaucht aufspannten. Man fühlte sich irgendwie „ganz woanders“, in einem seelisch-leiblichen Raum, der uns durchströmt und zugleich umgürtet.

Das frühherbstliche Licht eines Spätnachmittags manifestierte sich machtvoll und in blendender Fülle. Beglückend und rätselhaft. Und auch in dieser Form unerwartet. Nicht einzuhegen im Bewusstsein, etwas uns weit Übersteigendes, Gewaltiges, das tiefe — eigentlich eher hohe — Seelenschichten aufruft und in die Wahrnehmung rückt. Wie können wir vor diesem Hohen bestehen?

„Was bin ich denn gegen das All?“, fragt Wilhelm Meister in Goethes berühmtem Roman beim erstmaligen und tief erschütterten Blick durch ein Fernrohr. Diese Frage kann sich auch an einem solchen Nachmittag und an einem solchen Ort herstellen. Sie ist eigentlich immer relevant und wohl unhintergehbar.

Wir stehen als Menschen, auch unbewusst, eigentlich fast immer im Wirkungsfeld dieser Frage. Können wir ihr ausweichen? Eigentlich nicht. Sie berührt die geistig-kosmische Existenz des Menschen, also das, was wir in der Tiefe sind oder, abgeschwächt, sein könnten oder vielleicht sollten, wenn es um so etwas wie „Sollen“ überhaupt gehen kann.

Wenn sich „viele Herbste verdichten“, wie Gottfried Benn sagt, kann sich manches herstellen, das sich zunächst verbirgt oder verborgen gehalten wird.

Es stellt sich schlicht Substanz her, Wesen, Sinn und Verantwortung für das, was zur Wesensnatur des Menschen gehört, wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht. Aber das soll kein moralisches Postulat sein. Solche Postulate bringen in der Regel nichts. Es muss von innen aufbrechen, aus dem eigenen inneren Prozess heraus. Es geht nicht um Ideologie, um „Meinungen“, die zur Debatte stehen und endlos öde diskutiert werden können.

Mit siebzehn, und im November, las ich den Roman November von Gustave Flaubert. Er beeindruckte mich tief, auch weil er das Erotische mit der Einsamkeit des „Jünglings“ zusammenführte. Wohl zum ersten Mal in meinem Leben begriff ich etwas von der Kraft und Magie des Herbstes. Ich begriff den Eros und die Schönheit der Vergänglichkeit überhaupt. Das rätselhafte Aufscheinen dessen, was nicht bleibt und bleiben kann. Der Liebesverlust im Herbst ist grausam, aber heilsam, weil er so tief geht .Er fordert uns auf das Äußerste heraus. Der Herbst, tief empfunden, wird zum Bardo, zum „Zwischenzustand“, wie ihn das tibetische Totenbuch, das Bardo Thödol, beschreibt. Und wachruft.

Der Herbst, wenn er sich dem Winter nähert, ist ein großer Weckruf oder Mahnruf, der auch die nach dem Verhältnis des Innen und des Außen enthält, das sich nicht rational ausloten lässt. Es bleibt ein Mysterium. Der kalte Rasterblick der Wissenschaft in der Intellektualkultur kennt nur das Außen. Der sogenannte moderne oder auch postmoderne Zeitgenosse ist mehrheitlich abgestürzt auf die Betondecke der puren Außenwelt. Dass ihn das langfristig ruiniert, ahnt er vielleicht, aber der kollektive Sog in diese Richtung erscheint irreversibel.

Der Imperialismus der weitgehend entseelten Außenwelt ist ein ungeheurer Machtfaktor; er gehört zu dem, was ich seit Jahrzehnten den „megatechnischen Pharao“ nenne, den Großgötzen unserer Zeit, vor dem fast alle auf dem Bauch liegen, dem sie ständig Opfergaben darbieten und dem sie sich — freiwillig zumeist! — unterwerfen. Es ist wie bei den alten Phöniziern, nur „schicker“ und „smarter“ und suggestiver.

Doch nun zum Ende dieser kleinen Herbstgrübelei. Der Herbst, in den wir jetzt hineingehen, ist einerseits die alte und uns tief vertraute Jahreszeit, aber er zeigt zugleich, was sich schon ankündigt, auf geradezu tückische Weise politisch, machtförmig, dogmatisch und damit auch bedrohlich. Das rührt an das Eschatologische, um das noch einmal heraufzubeschwören, das als Verheißung dasteht, als Chance auch. Und „Gegenprogramm“. „Die Krise als Chance“: Das klingt fast trivial und irgendwie vernutzt. Aber es liegt etwas darin, was diese Vernutzung übersteigt. Und das ahnen viele. Und darum geht es.

Haben wir noch eine Chance, oder sind wir verloren? Ein harter Ritt steht uns vielleicht bevor. Aber es besteht kein Grund zur Resignation. Zur Kapitulation ohnehin nicht. Jeder Wahn zerstiebt irgendwann, und dann wird deutlich, dass wir genau das immer gewusst haben. Wir erinnern uns daran. Im Herbst begreifen wir einmal mehr: Es ist alles auch Erinnerung, Anamnesis als Erkenntnisweg, wie Platon sagt.


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Von Veritatis

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