Selbstliebe Von und für Frauen: Mit einem eigenen Unternehmen wollte Lora Haddock den Markt für Hightech-Sexspielzeug revolutionieren und scheiterte fast am Sexismus einer männlich dominierten Tech-Branche

Die Erfinderin Lora Haddock präsentiert Osé, den Hightech-Dildo

Die Erfinderin Lora Haddock präsentiert Osé, den Hightech-Dildo

Foto: Kimberly White/Getty Images

Es beginnt mit einem spektakulären Orgasmus. „Ich hatte diesen unglaublichen doppelten Orgasmus – klitoral und vaginal – mit meinem Partner und da wusste ich, dass ich ein Produkt entwickeln will, das dieses Sinneserlebnis auslöst“, erzählt Lora Haddock. Sie beschließt, ein Gerät zu entwickeln, das dieses überwältigende Gefühl im wahrsten Sinne des Wortes per Knopfdruck erlebbar machen kann.

Um dem doppelten Orgasmus auf die Spur zu kommen, benötigt sie Wissen darüber, wie Klitoris und G-Zone mit der Vagina in Verbindung stehen. Allerdings gibt es hierbei ein Problem: Es fehlt jegliche Forschung dazu. So macht sie sich selbst an die Arbeit und gründet 2017 das Sex-Tech-Start-up Lora DiCarlo. „Ich habe mehre

habe mehrere Tausend Menschen gebeten, ihre individuelle Anatomie zu messen“, erzählt Haddock. Das überraschende Ergebnis: „Bei den meisten Befragten liegt die G-Zone sehr viel näher am vaginalen Eingang als vermutet. Und die Abstände zwischen Klitoris, G-Zone und Vagina sind extrem unterschiedlich.“Unmoralisch und obszönUm einen doppelten Orgasmus auszulösen, braucht es mehr als einen herkömmlichen Dildo. Haddock wird schnell klar, dass das Verhältnis zwischen Klitoris, G-Zone und Vagina – und in welchen Winkeln diese stimuliert werden – entscheidend dafür ist, wie eine Frau zum Orgasmus kommt.Nun fehlt nur noch das passende Werkzeug. Die Lösung ist, dass Haddock mit dem Robotics & Engineering Lab der Oregon State University zusammen Osé, einen dildoartigen Roboter, entwickelt. Dieser passt sich den individuellen Formen der Nutzer*in an, stimuliert gleichzeitig Klitoris wie G-Zone und verspricht damit besonders intensive Doppelorgasmen.Damit hätte die Geschichte um Osé eigentlich beendet sein können. Das Start-up um Lora Haddock ist von seinem Produkt aber so überzeugt, dass es sich 2019 mit Osé für den Innovation Award der Elektronikmesse Consumer Electronics Show (CES), eine der weltweit größten Fachmessen für Unterhaltungselektronik, bewirbt. Und gewinnt. Die Freude ist groß und von kurzer Dauer. „Etwa einen Monat später kontaktierte uns der Veranstalter, die Consumer Technology Association (CTA), mit der Mitteilung, dass sie unser Produkt disqualifizieren und den Award zurückziehen“, erzählt Haddock. Als Grund wurde ihr nur genannt, dass den Veranstaltern ein Fehler unterlaufen sei. „Weil Osé unmoralisch und obszön sei“, so Haddock. Eine Begründung, die sie nicht gelten lässt: „Es ist rein gar nichts Unmoralisches an einem Produkt, das Menschen mit Vaginen dazu empowered, ihre Sexualität ganz ausleben zu können.“ Selbst wenn man der Argumentation der CTA folgen sollte, dass Sexprodukte nicht auszeichnungswürdig seien – dann widerspräche sich die Association. Nur ein Jahr vorher war etwa ein Sexroboter vorgestellt worden.Was also macht Osé unmoralischer als andere Erotikprodukte? Spricht man mit Haddock, ist es ein klarer Fall von Doppelmoral. „Die Sache ist quasi über Nacht viral geworden. Sexismus ist tatsächlich Teil der CES“, erinnert sie sich. Tief graben muss man dafür nicht. Die Messe ist in cis-männlicher Hand. Mittlerweile hat sich, ebenso wie auf anderen tech-affinen Messen wie der Gamescom oder der E3, etwas getan: Sexismus zum Anfassen – wie die Booth Babes, die normschönen Messehostessen – tritt kaum noch auf.Von echter Diversität ist man aber zumindest 2019 immer noch weit entfernt. Es gibt keine weiblichen Keynote-Speakerinnen. 2018 werden zwar nachträglich zwei Frauen ins Programm aufgenommen, dies geschieht aber erst nach massiver öffentlicher Kritik. Diese Unsichtbarkeit hat Konsequenzen, wie die Gründerin berichtet. „Unternehmen, die feministische Technologie entwickeln, haben oft gar nicht die Möglichkeit, bei Tech-Events und Tech-Messen zu sprechen, gerade wenn es um Erotikprodukte geht. Weil das den Menschen unangenehm ist“, ist sich die Unternehmerin sicher. „Bei solchen Events nicht sichtbar zu sein, bedeutet aber auch, weniger Aufmerksamkeit zu bekommen. Und dadurch weniger finanzielle Unterstützung zu erhalten. Letztlich herrscht hier also eine Ungleichheit der Möglichkeiten.“ 2018 machen Frauen auf der größten Fachmesse CES gerade mal ein Fünftel der Besucher:innen aus. Zum Vergleich: Bei der Gamescom, der weltgrößten Spielemesse in Köln, liegt der Frauenanteil bei etwa dreißig Prozent. Dass die Aberkennung des Preises auch mit der Tatsache zu tun hat, dass es sich hierbei um ein weiblich geführtes Unternehmen mit weiblichen Angestellten und einem ausschließlich für Frauen entwickelten Sexspielzeug handelt, liegt zumindest für Laura Haddock auf der Hand. Auffallend ist, dass die zu diesem Zeitpunkt auf der CES ausgestellten Erotikprodukte vorwiegend auf männliche Kunden zugeschnitten sind.Verdächtig: die Lust der Frau2010 stellt das US-Unternehmen TrueCompanion die Sexroboterin Roxxxy vor. 2018 ist ein sprechender Sex-Puppen-Kopf, der sich beliebig mit Körpern der Real-Doll-Sex-Puppen-Marke kombinieren lässt, der Hit. 2020 geht es unter anderem um vorzeitige Ejakulation. Produkte für und von cis-Männern stehen lange Zeit im Fokus. Im Jahr 2019, nach der öffentlichen Aufmerksamkeit und dem massiven Druck, muss die CTA ihre Entscheidung erneut begründen. Und argumentiert diesmal damit, dass Osé in keine der Produktkategorien passe und deshalb disqualifiziert worden sei.Auch das lässt Haddock nicht gelten. Sie bekommt schließlich recht. „Später im Jahr kontaktierte uns die CTA erneut und gestand den Fehler ein. Wir haben ihnen gesagt, dass wir nicht nur erwarten, dass uns der Preis wieder zuerkannt wird, sondern dass wir Änderungen in ihrer Verbandspolitik erwarten, die solche Fehler in Zukunft verhindern werden.“Ende gut, alles gut also? Das beantwortet Lora Haddock mit einem definitiven Nein. Es müsse noch viel getan werden. „Die Erfahrung mit Osé hat uns gezeigt, dass es höchste Zeit wird, dass die Tech- und die Erotikindustrie noch viel genderdiverser werden. Beide Industrien sind nach wie vor extrem cis-männlich dominiert.“ Die Probleme beginnen allerdings schon viel früher – noch vor der Entstehung eines Produkts und seiner Bewerbung auf Fachmessen. Denn auch im Forschungs- und Wissenschaftsbereich ist die nicht-männliche Anatomie bisher stoisch ignoriert worden. „Wir haben es bei der Entwicklung von Osé selbst erlebt, wie gering das Forschungsinteresse auf der weiblichen Anatomie liegt, auch weil es wenige Fördermittel dafür gibt. Obwohl es hier um eine große Betroffenengruppe geht“, so Haddock. Das Grundproblem sei die mangelnde Anerkennung weiblicher Sexualität. All der kulturelle Ballast, der seit Generationen und Jahrhunderten auf dem weiblichen Körper und der weiblichen Lust liegt. „Die Lust der Frau ist immer noch mit Konzepten von Scham und Schuld verbunden. Das muss sich ändern“, findet die Unternehmerin.Ein erster Anfang wäre es, sexpositive Aufklärung über die digitale Öffentlichkeit, über Google und beispielsweise Instagram, zu erreichen. Die rigide Netzpolitik vieler Anbieter sei nach wie vor wenig hilfreich: „Bei Google heißt es in den Werbungsrichtlinien: Wir erlauben bestimmte Arten von sexuellen Inhalten nicht. Die Beispiele sind sichtbare Genitalien und weibliche Brüste, Sexspielzeuge, Strip-Clubs und Models in sexuell aufgeladenen Posen“, erläutert Haddock. Sie frage sich, darum nur weibliche Brüste verboten seien und wer entscheide, was eine sexuell aufgeladene Pose sei. „Diese Richtlinien scheinen nicht nur ungenau und willkürlich, sondern diskriminierend. Sie benachteiligen alle, die keine cis-Männer sind. „Es sind ja oft vor allem Frauen und weibliche Körper, die sexualisiert dargestellt werden“, sagt Haddock. Weiblich gelesene Menschen hätten also vergleichsweise öfter mit dieser Art digitaler Zensur zu tun. Für ein Unternehmen wie Lora DiCarlo, das Erotikprodukte exklusiv für Frauen anbietet, ist das ein Minenfeld.Wie können feministische Sextoys in einer Netzwelt beworben werden, die den weiblichen Körper als zensurwürdig erachtet? Wo die Lust der Frau verdächtig ist? „Meiner Meinung nach gibt es, unabhängig von Gender, sexueller Orientierung und Präferenz, ein Recht darauf, Zugang zu Bildung, Information und Produkten zu haben, die das eigene Leben verbessern können“, sagt die Erfinderin. Und Sexspielzeuge gehörten dabei eindeutig dazu.Placeholder infobox-1Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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