von Claudio Miranda, Brasilien

São Paulo ist eine Stadt mit extremen sozialen Unterschieden. Die Welt der Armen grenzt unmittelbar an die der Reichen. Viele denken, das Zentrum von São Paulo mit seinen Hochhäusern und Schaufenstern sei der sicherste Ort zum Leben. Aber das stimmt nicht, denn dort müssen die Menschen sich voreinander schützen. Für mich ist die Favela eindeutig die bessere Alternative. Sie liegt am Rande der Stadt, so sind wir der Natur näher, vor allem aber sind wir einander näher.

In unserer Favela leben insgesamt 800.000 Menschen. Mit vielen Menschen auf so engem Raum zusammenzuleben ist natürlich eine Herausforderung. Aber wir haben dadurch auch gelernt, zusammenzuarbeiten und zu teilen. Die Situation, in der wir leben, macht uns stark und kreativ.

Die UN hat unsere Favela Jardim Ângela lange als den gefährlichsten Ort der Welt bezeichnet. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Die Medien berichten auf diese Art auch, um uns auszugrenzen. Ich habe viel Gewalt erlebt, aber ich habe auch viele positive Erfahrungen gemacht. Indem wir diese positiven Erfahrungen veröffentlicht haben, konnten wir das Bild der Favela in den Medien nach und nach etwas verändern.

Ich bin in der Favela geboren, doch meine Eltern stammen aus dem Norden Brasiliens. Ich wuchs in einem Haus voller Freude und Liebe auf. Mein Vater arbeitete jahrzehntelang als Bademeister in einem Schwimmbad. Als Kind sah ich ihn dort Gitarre spielen. Alle liebten ihn, auch die Menschen von außerhalb des Slums. Er nutzte Musik, um Kontakt zu knüpfen. Das bezauberte mich. Als ich neun Jahre alt war, fragte mein Vater, was ich einmal werden wolle. Ich sagte: „Musiker.“ Seine Reaktion: „Dann werde Musiker.“ Das war etwas Besonderes. Welcher Vater unterstützt seinen Sohn schon bei einem solchen Berufswunsch?

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Claudio Miranda während der Kunstaktion gegen die geplanten Ölbohrungen am Strand von Odeceixe, Portugal, 2017

Wenn ich zurückblicke, war es dieser Moment, der mir eine Welt der Freiheit öffnete. Ich bat meinen jüngeren Bruder Fabio, uns Musikinstrumente aus Blechdosen und anderem Schrott zu bauen. Er war schon immer sehr geschickt in solchen technischen Dingen. Wir brachten uns selbst bei, auf diesen Schrott-Instrumenten Musik zu machen. Das war der Anfang einer großen Leidenschaft. Ich probierte immer neue Instrumente aus. 1989 eröffneten wir ein Musikstudio und unterrichteten immer mehr Menschen aus der Favela. Musik bringt Menschen zusammen, dadurch konnten wir eine erste Schicht Vertrauen schaffen.

Einmal gab es einen Bandenkrieg zwischen Drogendealern. Die Polizei schoss auf alle Beteiligten. Alle Bewohner mussten in ihren Häusern bleiben. Nur wir als Musiker durften uns frei bewegen und haben mittendrin Musik gemacht. Auf diese Weise wurden wir im ganzen Slum bekannt. Wir lernten andere Aktivisten und Künstler kennen und begannen, gemeinsame Aktionen zu planen.

Ich denke, ich wurde in einem Slum geboren, weil ich dort eine Aufgabe habe. Und ich habe dort — in einem Leben voller Armut und Bedrohung — etwas beobachten können, was ich auch bei unseren Freunden in Kolumbien und Palästina wiedergefunden habe: Glück und Freude scheinen in allen Slums der Welt zu existieren.

Wir können diese Werte nicht für Geld kaufen. Glück und Freude erleben wir nur, wenn wir anderen Menschen nahe sind, wenn wir mit ihnen teilen und kooperieren. Niemand kann uns das wegnehmen.

Auf dieser Basis entsteht auch eine andere, solidarische Ökonomie. Wir teilen in der Favela mit viel Liebe das Wenige, das wir haben. Es geht nicht darum, viel für sich anzusammeln. Menschen, die selbst wenig besitzen, haben oft ein großes Mitgefühl füreinander, und sie hören einander mit offenen Herzen zu. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen trotz aller Gewalt bereit sind, anderen zu helfen. Das funktioniert, weil wir uns als Teil einer Gemeinschaft fühlen.

Einmal kamen zwei Menschen in unser Musikstudio, denen man sofort ansah, dass sie viel Geld hatten und aus der Innenstadt von São Paulo kamen. Der Ältere bat mich, seinen Sohn zu unterrichten. Auf die Frage, was es kostet, sagte ich ihm, er solle mir einfach geben, was er möchte.

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Claudio Miranda und seine Band integrieren auch andere Protagonisten des Globalen Campus in ihrer Musik, hier Philip Munyasia aus Kenia

Es sei für mich schon Bezahlung genug, dass sie zu uns in den Slum kämen, um Ausbildung zu erhalten. Das hat sie sehr berührt, und seitdem hatten wir eine besondere Verbindung. Einige Zeit später bekamen mein Vater und mein Onkel Prostata-Krebs. Eine Operation hätten wir uns niemals leisten können. Als der Vater dieses Schülers wieder einmal anrief und fragte, wie es meiner Familie geht, berichtete ich ihm von der Situation meines Vaters und Onkels. Es stellte sich heraus, dass er einer der besten Fachärzte des Landes für Prostata-Krebs war. Er sagte: „Bring mir deinen Vater und deinen Onkel“ und operierte sie beide kostenlos. Beide leben heute noch. Das war ein Tausch auf der Basis von Freundschaft und Kooperation.

2009 lernte ich Tamera kennen. Das hat unser Leben sehr verändert. Die Menschen aus Tamera haben mich dann auch eingeladen, nach Kolumbien und Israel-Palästina mitzukommen. Ich habe dadurch viel gelernt. Heute fühlen wir uns vom Institut „Favela da Paz“ als Teil einer globalen Gemeinschaft.

Es gibt mir Kraft, ein Friedensaktivist zu sein. Friedensaktivist sein heißt: Wir schlagen nicht zurück, wenn wir angegriffen werden. Das war und ist ein großer Lernschritt — auch in meinem persönlichen Leben.

Wir sind zu einem Akupunkturpunkt in unserer Favela geworden — bzw. wir haben verstanden, dass wir immer schon ein solcher waren, ohne es zu wissen.

Wir arbeiten heute auch an nachhaltigen Lösungen für Energie und Ernährung und bringen das ökologische und technologische Wissen von Tamera in den Slum. In unserem Haus haben wir eine Biogasanlage und Solaranlagen installiert. Das macht andere Menschen neugierig. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch. Mein Bruder Fabio war schon immer ein Erfinder, aber sehr schüchtern und zurückhaltend. Als er in Tamera die Geräte für erneuerbare Energien sah, hat ihn das unglaublich inspiriert. Heute verbreitet er diese Techniken, insbesondere Biogas, in ganz Brasilien, verändert sie und passt sie an und ist sogar dabei, sie weiterentwickeln.

„Über eine Milliarde Menschen leben heute in Slums. Wenn die Vision eines „Slums des Friedens“ an einem Ort manifestiert wird, kann sich das Wissen, wie man unabhängig von den Mega-Systemen überlebt, weltweit verbreiten“ (Vera Kleinhammes, Koordinatorin des Globalen Campus).

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Montage einer Biogasanlage auf den Dächern der Favela da Paz.

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Fabio Miranda und Ulrich Stempel aus Deutschland (links) montieren solare Module auf eine im Schrott gefundene Satellitenschüssel in der Favela da Paz. Die Schüssel dient als bewegliche Halterung, damit die Module der Sonne nachgeführt werden können. Der gewonnene Strom wird für die nächtliche Beleuchtung um Haus und Hof verwendet.

Ich glaube mittlerweile, dass wir Teil eines großen Plans sind. Wir können ihm gar nicht entkommen, selbst wenn wir wollten. Nach unseren ersten Besuchen in Tamera haben wir begonnen, uns über unsere Ernährung Gedanken zu machen, und meine Partnerin Elem hat daraufhin ein vegetarisches Ernährungsprojekt ins Leben gerufen, das „Vegearte“. Dadurch ernährt sie nicht nur viele in der Favela, sondern sie verkauft auch Essen an große Firmen, bringt dieses Bewusstsein dorthin und finanziert damit viele unserer Projekte.

Und noch etwas Wichtiges haben wir in Tamera entdeckt: die Macht des kleinen Wortes namens Vertrauen. Vertrauen lässt dich an das Unmögliche glauben. Indem wir an das Unmögliche glauben, entdecken wir eine neue Welt. Vor vielen Jahren kam ich einmal in die Situation, dass jemand mir eine Pistole an den Kopf hielt, aber ich hatte keine Angst und fühlte mich nicht als Opfer. Ich dachte, der mit der Pistole ist das Opfer des Systems.

Es war einer dieser Momente, wo neben allem Adrenalin noch ein bisschen Platz ist für Gedanken. Ich habe mich gefragt, wie kommen wir beide friedlich aus dieser Situation heraus? Ich habe ihm gesagt, dass ich Musiker sei. Er meinte: „Dann mach Musik!“ Und so habe ich mitten in der Nacht mit einer Waffe an meinem Kopf Cavaquinho gespielt. Ich durfte ihn nicht anschauen. Ich wusste aber, dass ich den Raum mit Vertrauen füllen konnte. Nach einer Weile hat er tatsächlich die Waffe sinken lassen. Es war eine unglaubliche Erfahrung.

Wir brauchen nicht gegen die Gewalt zu kämpfen, denn dadurch schaffen wir nur Trennung. Wir müssen verstehen, wie wir die Macht des Vertrauens nutzen können. Wir haben angefangen, einen der gewalttätigen Orte der Erde zu verändern. Wenn wir wollen, können wir zusammen die ganze Welt heilen. Es hängt ganz davon ab, wie sehr wir uns selbst und anderen vertrauen.


Das Institut „Favela da Paz“ entstand in einem Slum (brasilianisch: Favela) in São Paulo, der noch vor 15 Jahren als eine der gefährlichsten und gewalttätigsten Gegenden der Welt galt. Claudio und Fabio Miranda, Elem Fernandes, Paulo Torres und Alessandro „Pikeno“ Neres wuchsen in diesem Slum auf und gründeten dort eine Musikband. Sie unterhalten ein Musikstudio, das sie der Jugend zur Verfügung stellen, um ihr eine kreative Ausdrucksmöglichkeit und eine positive und friedliche Lebensperspektive zu eröffnen. Nachdem Claudio 2009 Tamera kennenlernte, begannen sie, ihr Zentrum zu einem Modell für Nachhaltigkeit in Slums auszubauen. Mittlerweile schauen Menschen in ganz Brasilien auf das innovative Projekt.


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Von Veritatis

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