Die Folgen der Schulschließungen zeigen sich immer deutlicher: Grundschüler, die nicht Lesen und Rechnen können. 12-Jährige, die nicht Schwimmen können. Oberstufen-Schüler ohne Abiturwissen. Nachhilfe soll die Lücken schließen – ist das überhaupt noch möglich?

Die Corona-Krise hat die Schwachstellen des deutschen Schulsystems ans Licht gebracht. Während Länder wie beispielsweise Dänemark schon vor vielen Jahren seine Schulen modernisiert und digital ausgerüstet haben, hängt Deutschland komplett hinterher.

Als 2020 aufgrund der Pandemie die Schulen schließen mussten, waren Lehrer und Schüler gleichermaßen überfordert. Digitale Lernplattformen brachen in den meisten Bundesländern zusammen, Lehrer mussten die Aufgaben per E-Mail verschicken oder sie den Kindern selbst zu Hause vorbeibringen. Die meisten Familien waren auf Homeschooling nicht eingestellt, Eltern überlastet mit der Situation.

Im Jahr darauf sind sich Bildungsexperten und Wirtschaft einig: 2020 war ein verlorenes Jahr für die Bildung. Es sind vor allem die Kinder aus sozial schwächeren Familien und denen mit Migrationshintergrund, die den Anschluss verloren haben, was sich später auch auf die Berufswahl und das Erwerbsleben auswirken wird.

„Studien zufolge können schon 13 versäumte Schulwochen und die dadurch nicht erlernten Kompetenzen zur Folge haben, dass sich die Einkommensperspektiven später nachhaltig verschlechtern“, sagte Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands NiedersachsenMetall. „Dabei ist das Gravierende: Diese Einbußen sind dauerhaft.“

Auch „Das deutsche Schulportal“ der Robert-Bosch-Stiftung berichtet von „erheblichen Lernrückständen“ aufgrund der Einschränkungen im Unterrichtsbetrieb während der Corona-Pandemie. Um dem entgegenzuwirken, hatte die Kultusministerkonferenz 2021 ein zwei Milliarden starkes Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche beschlossen. Eine Milliarde Euro sollten für Lernförderprogramme zur Verfügung stehen, eine weitere Milliarde für die Aufstockung sozialer Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien.

Viele Grundschüler können nicht lesen

Joshua Körper und seinem 2019 gegründeten Unternehmen „Einfach Nachhilfe“ hat die Finanzspritze im Bildungssektor enormen Aufwind gegeben. Ursprünglich wollten der Heidelberger und seine beiden Geschäftspartner nur eine preisgünstige Alternative zu anderen Nachhilfeschulen sein. Als die Folgen der Schulschließungen zutage traten, ging dann alles rasant schnell.

Angefangen hatte alles mit privater Nachhilfe bei den Schülern zu Hause. Doch als die Landesregierung Baden-Württemberg das Förderprogramm „Lernen mit Rückenwind“ ins Leben rief, meldeten auch Schulen erheblichen Bedarf an Nachhilfestunden für ihre Schüler an. Dieser konnte nun finanziell über das Lernförderprogramm gedeckt werden. Davon profitierte auch Körpers Nachhilfeunternehmen, das inzwischen 250 Lehrkräfte, meist Studenten, an 45 Schulen in Baden-Württemberg vermittelt und verwaltet.

„Das ist natürlich eine erhebliche Entlastung für die Lehrer, die sich jetzt nicht mehr um die Nachhilfe der einzelnen Schüler kümmern müssen, noch dazu haben die Schulen gar nicht die personellen Ressourcen“, erklärt der Jungunternehmer, der BWL mit Schwerpunkt Personalmanagement studiert hat. Auch für die Eltern der Kinder sei es eine finanzielle Entlastung.

Das Förderprogramm finanziert sich über das 2-Milliarden-Euro-Programm des Bundes und ist auf zwei Jahre angelegt. Im derzeitigen Schuljahr liegt der Fokus auf den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und den Profilfächern der beruflichen Schulen. Im nächsten Schuljahr soll die Stärkung der sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Vordergrund stehen.

„Der größte Nachholbedarf besteht beim Lesen und beim Schwimmen“, stellt Körper fest. Es gebe eine erschreckend hohe Zahl von Grundschulkindern, die nicht lesen könnten. Auch mit dem Rechnen gebe es Probleme, aber das Lesedefizit sei eindeutig gravierender.

„Allerdings muss ich in diesem Zusammenhang auch feststellen, dass die kostenlosen Nachhilfe-Angebote meist nur von den Schülern angenommen werden, die auch schon zu Zeiten der Pandemie Zeit und Fleiß in die Bewältigung der Schulaufgaben investiert haben“, so Körper.

Dass die Kinder auch nicht mehr schwimmen können, sei offenbar der Pandemie geschuldet, da die Schwimmhallen geschlossen waren. „Wir haben Fünft- und Sechstklässler, die nicht schwimmen können.“

Lehrermangel verstärkt sich weiter

Die Probleme der deutschen Schullandschaft sind sehr komplex und nicht nur auf ein oder zwei Faktoren reduzierbar. „Der flächendeckende Lehrermangel war lange abzusehen und wird noch viele Jahre weiterbestehen“, sagt der 24-Jährige. Experten gehen davon aus, dass es noch schlimmer als vor der Pandemie werden wird. „Im Jahr 2025 fehlen mindestens 26.300 Absolventen für das Grundschullehramt“, urteilte die Bertelsmann Stiftung 2019. Die Folgen sind ausgebrannte und überforderte Lehrkräfte sowie zunehmender Bildungsmangel bei den Kindern.

„Was die Schulen derzeit nicht leisten können, muss eben durch Nachhilfe aufgefangen werden“, erzählt Körper weiter, „auch weil die Klassen immer größer werden und die Lehrer gar nicht in der Lage sind, jeden individuell zu fördern. Am Ende bleiben meist die Kinder mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien auf der Strecke.“

Es betreffe weniger Gymnasiasten, weil diese sich oft selbst helfen könnten. Aber Grundschulkinder seien teilweise weit zurückgefallen, vor allem, wenn niemand mit ihnen zu Hause gelesen habe.

„Nachhilfe sollte es gar nicht geben müssen“

„Egal, welche Probleme es gibt, es sollte sie eigentlich nicht geben“, sagt Körper und bezieht sich damit auf eine Aussage des Landeselternbeirats Baden-Württembergs, der feststellte, dass es die Nachhilfe im deutschen Schulsystem gar nicht geben müsste. Und doch wird der Bedarf in den nächsten Jahren wohl noch steigen.

Körpers Lösungsansatz für den Lehrermangel wäre, grundsätzlich Lehramtsstudenten an die Schulen zu holen – als Unterstützungskräfte, Vertretungslehrer, Krankheitsvertretungen oder für AG-Angebote, um das Lehrpersonal vor Ort zu entlasten. So wird das nämlich in der Schweiz gemacht. Schweizer Lehramtsstudis können so an Schulen arbeiten – mitunter sogar über einen Festvertrag.

Und er hat noch eine weitere Idee, wie Lehrern und Schulen geholfen werden könnte. Viele Lehrer seien vor allem wegen überbordender organisatorischer Aufgaben ausgebrannt. Sie könnten sich kaum noch aufs Unterrichten konzentrieren, weil sie gleichzeitig auch Manager für Verwaltungsaufgaben sein müssten und vor allem ältere Lehrer hätten Mühe, sich an die digitale Technik zu gewöhnen.

Niedersachsen habe da einen guten Ansatz verfolgt, meint Körper, und Leute per Minijob an die Schulen geholt, deren Aufgabe es ist, sich um die organisatorischen Dinge zu kümmern. „Warum schickt man nicht BWL-Studenten oder -Experten an die Schulen, um die Lehrer in Verwaltungsaufgaben zu entlasten?“, fragt er.

Online-Unterricht kann den Lehrer nicht ersetzen

Digital ist an den Schulen in den vergangenen beiden Jahren viel geschehen. Digitale Tafeln, Smartboards und genügend Laptops gehören in vielen Schulen inzwischen zum Inventar. Dass deutsche Schulen 2020 jedoch noch nicht einmal ein Mindestmaß an digitaler Ausrüstung vorweisen konnten, ist schwer nachzuvollziehen.

Im Jahr 2016 hatte die Bundesregierung den Digitalpakt Schule vorgestellt. 5,5 Milliarden Euro sollten für die Digitalisierung der Schulen bereitgestellt werden. Bis 2020 waren jedoch nur 5 Prozent des Geldes bewilligt worden und nur 0,3 Prozent waren bis dahin tatsächlich bei den Schulen angekommen. Das änderte sich erst zum Ende des Jahres, wo 25 Prozent bewilligt wurden und knapp neun Prozent des Geldes schließlich angekommen waren. Immerhin führte das dazu, dass zum zweiten Lockdown am 16.12.2020 Lehrer und Schüler schon etwas besser vorbereitet und ausgerüstet waren.

Dass online zu lernen ein erfolgreiches Modell der Zukunft ist, glaubt der Lehrkräfte-Vermittler nicht. „Du bekommst kein Kind in der Grundschule oder auch in der fünften, sechsten, siebten Klasse dazu, den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu hocken und still auf seinem Stuhl zu sitzen. Nein, das Kind muss raus, muss mit anderen interagieren, es muss Spaß haben, sich bewegen, es muss laufen und Dinge anfassen können“, sagt Körper.

Digitale Formate seien eine „tolle Ergänzung“, aber der persönliche Kontakt zum Lehrer oder Nachhilfelehrer sei unverzichtbar.

Das Onlinevideo kann etwas vermitteln, aber um es aufzuarbeiten oder um Nichtverstandenes nachzufragen, dafür braucht es den persönlichen Kontakt.“

Laut Körper habe die Wissenschaft bereits festgestellt, dass die soziale Kompetenz durch den erhöhten Onlineunterricht während der Corona-Pandemie nachgelassen hat. „Auch das sind Defizite, die jetzt alle aufgeholt werden müssen.“

Fazit: Im deutschen Schulsystem liegt einiges im Argen. Eine ausgezeichnete Bildung und Erlernen sozialer Kompetenzen sind teilweise nur mangelhaft gewährleistet.

Einiges wird über Nachhilfeunterricht aufgefangen – die staatliche finanzielle Förderung dessen ist aber nur auf zwei Jahre ausgelegt. Langfristig wird das die Mängel nicht beheben.

Eine flächendeckende Digitalisierung und damit Einsparung von Lehrpersonal wird die Probleme auch nicht lösen. Der menschliche Kontakt muss auch weiterhin der wichtigste Bestandteil einer ganzheitlichen Entwicklung der Kinder bleiben.



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Von Veritatis

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