Eine Frau wird vergewaltigt, der Täter steht fest, er ist geständig und sitzt in Untersuchungshaft – hier gibt es nichts aufzuklären. Zumindest nicht in üblicher Krimimanier. In Sophie Sumburanes Kriminalroman Tote Winkel geht es nicht um das Wer und Warum, sondern um das Davor und vor allem das Danach: Was hat zu diesem Verbrechen geführt? Wie gehen die Betroffenen damit um?

Geschildert wird dies aus drei unterschiedlichen Perspektiven: aus Sicht des Opfers Katja, vom Standpunkt Valentinas, der Ehefrau des Vergewaltigers, und aus dem Blickwinkel von Katjas Ehepartner Kay. Der Täter erhält keine Stimme. Seine Motive stehen hier nicht im Mittelpunkt.

Jeweils als Ich-Erzähler_innen kommen Katja, Valentina und Kay zu Wort. So entsteht Multiperspektivität: Die unterschiedlichen Sichtweisen erweitern, relativieren, korrigieren sich gegenseitig, sodass sich ein komplexes, facettenreiches Bild der Figuren entwickelt. Race, Class und Gender werden dabei stets mitgedacht, ohne Zeigefinger, nicht aufgesetzt, sondern als selbstverständliche Bestandteile und Determinanten des täglichen Lebens.

Hochspannend ist dabei, wie Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinanderklaffen und was aus diesen Lücken erwächst. Valentina wirkt zunächst wie das Abziehbild der typischen Mittelschichtsehefrau: Hausfrau und Mutter, bemüht, die Fassade des glücklichen Familienlebens aufrechtzuerhalten, obwohl bereits in ihren ersten Äußerungen die Risse in dieser offenkundig werden, wenn sie erzählt, dass sie noch die Hämatome überschminken muss. Das wirkt zunächst ein wenig klischeehaft: die Ehefrau, die sich weigert, die Gewalttätigkeit ihres Mannes ihr selbst und anderen Frauen gegenüber zuzugeben. Doch das täuscht. Durch die Spiegelung Valentinas in den Augen von Katja und Kay gewinnt sie an Tiefe, an Widersprüchlichkeiten und an Ungereimtheiten.

Heime, Alkohol, Aufstieg

Ähnlich ist es mit Katja. Ohne leibliche Eltern ist sie in unterschiedlichen Pflegefamilien und Heimen aufgewachsen, hat als junges Mädchen den Halt verloren, wurde als Teenager Alkoholikerin, schaffte den Entzug, den gesellschaftlichen Aufstieg. Sie ist Journalistin und Publizistin, als die Vergewaltigung sie aus der Bahn wirft. Ihr Partner Kay stammt aus einfachen Verhältnissen in Südafrika, hat mit einem Stipendium studiert, promoviert und ist nun Professor für Linguistik in Potsdam. Zwei Erfolgsgeschichten, wie es auf den ersten Blick erscheint. Doch auch hier eröffnen sich durch die Multiperspektivität neue Aspekte. Der soziale Aufstieg hat seinen Preis: Die Arbeit zuerst, so lautet das Motto der beiden, das geht auf Kosten von Nähe und Verbindlichkeit. „Katja hat nie wirklich über das Wesentliche, ihre Gefühle und ihre Vergangenheit gesprochen. Und jetzt ist sie daran erstickt“, stellt Kay fest. Und auch er flüchtet sich in Arbeit, um mit der Vergewaltigung umzugehen; eine andere Strategie steht ihm nicht zur Verfügung. Katja hingegen wird psychotisch, sie muss in eine Klinik. Und Valentina beginnt zögerlich, sich Vergangenheit und Gegenwart zu stellen.

Kay gewinnt zusätzliche Tiefe dadurch, dass erst spät im Roman klar wird, dass es sich bei ihm um eine Schwarze non-binäre Person handelt. Was auch bedeutet: Erst gegen Ende fällt einem auf, dass man den Roman auch anders hätte lesen können. Dass das, was zunächst so klar schien, sich deutlich komplexer verhält – und vielleicht auch völlig anders. Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie Sophie Sumburane ihre Figuren erzählen lässt.

Die unterschiedlichen Perspektiven und die Mehrdeutigkeit der Figuren machen immer offenkundiger, dass es sich bei allen dreien um unzuverlässige Erzähler_innen handelt. Das sind sie nicht aus Kalkül, sondern aus Verdrängung. Sie belügen und manipulieren nicht andere, sondern in erster Linie sich selbst. Erst durch das Gegen- und Ineinander der unterschiedlichen Blickwinkel werden die Verleugnungen offensichtlich, die Scheuklappen, die die Figuren tragen, um sich ihren Verletzungen nicht zu stellen. Auf diese Weise lotet Sumburane die toten Winkel aus, die jede Figur hat. Und nicht immer werden dadurch Fragen geklärt: Manches bleibt rätselhaft, wirft gar weitere Fragen auf – was den Konventionen des Kriminalromans eigentlich entgegenläuft. Aber Tote Winkel ist kein konventioneller Kriminalroman, und das ist auch gut so.

Dissidenten aus der DDR

Sumburane erzählt nicht stringent chronologisch. Zwischendrin lässt sie ihre drei Protagonist_innen mehrfach in die Vergangenheit blicken, dadurch wird manches Verhalten in der Gegenwart verständlicher. Alle drei wurden auf unterschiedliche Weise mit Gewalterfahrungen konfrontiert, die sie geprägt haben. So berichten die Figuren zum Beispiel in mehreren Kapiteln von ihren Erfahrungen mit Einsamkeit, Freundschaft und Familie, mit Wärme und Grausamkeit, auch von Missbrauch und Sucht. Das bewirkt eine Parallelisierung und einen Vergleich der unterschiedlichen Lebenswege. Die Autorin spielt dabei mit Klischees, scheint den emotional kalten, aber wohlhabenden und strukturierten Norden auszuspielen gegen den vermeintlich unregulierten und gefährlicheren Süden, der aber angeblich mehr Familienzusammenhalt biete. Doch gleichzeitig unterläuft und zerlegt sie diese Vorurteile.

Das macht sie auf der Handlungsebene souverän und stilistisch auf hohem Niveau. Sophie Sumburane hat sich in ihrem Kriminalroman viel vorgenommen: Ihr Roman von Missbrauch und Verdrängung ist eingebettet in zeithistorische Bezüge, so geht es zum Beispiel auch um den Umgang mit Dissidentinnen in der ehemaligen DDR; sie nutzt Versatzstücke, indem sie unter anderem auf Virginia Woolf anspielt, aber auch aktuelle Fälle krasser Misogynie anzitiert. Zwischenzeitlich scheint auch die Gefahr zu bestehen, dass sich eine kitschige Wohlfühllösung auftut – bis auch hier deutlich wird: Das ist die Wunschvorstellung, in die sich eine der Figuren flüchtet, um die Realität nicht wahrhaben zu müssen. Sumburane nähert sich ihren Figuren mit viel Wärme, behält jedoch stets einen sezierenden Blick auf sie. Das berührt beim Lesen und rührt auf, ohne aber rührselig zu machen.

Tote Winkel Sophie Sumburane Edition Nautilus 2022, 198 S., 18 €



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Von Veritatis

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