„Echte Personen, die ihr Schicksal erläutern“, hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach als Protagonist bei der neuen, 32,7 Millionen Euro teuren Impf-Kampagne der Bundesregierung versprochen: „Jeder Mensch ist echt, keine Schauspieler, keine Modelle“, hatte Lauterbach bei einer Bundespressekonferenz gesagt, als er das Konzept der Kampagne vorstellte. Für die ersten Schlagzeilen sorgte bereits, dass die Kampagne in Zusammenarbeit mit einem verdienten Genossen des Ministers erfolge – dem Sozialdemokraten Raphael Brinkert. Kritiker sprachen von Vettern- bzw. Genossenwirtschaft.

Dazu kommen nun neue Vorwürfe. Entgegen den Beteuerungen des Ministers seien nicht „echte Personen“ vor der Kamera zu sehen, sondern – zumindest teilweise – Schauspieler. So zumindest ist es derzeit vermehrt im Internet und in den sozialen Netzwerken zu lesen. Ich ging dem Verdacht nach.

Besonders auf zwei Protagonisten der Reklame-Kampagne konzentrieren sich die Kritiker. Konkret geht es um eine Frau, die sagt, sie sei Lehrerin und wolle sich und ihre Kinder mit der Impfung schützen (was Kritiker für Desinformation halten, aber darüber hatte ich bereits berichtet). Die Frau wird als „Anika“ vorgestellt. Die Kritiker sagen nun, es handle sich um die Schauspielern Annika Sh. – zu finden auf einer Casting-Seite.

Im zweiten Fall geht es um „Uwe, Rentner“, wie er im Video vorgestellt wird. Er soll in Wirklichkeit der Schauspieler Uwe R. sein, zu finden bei der gleichen Casting-Seite wie Annika Sh.

Nach leidvollen Erfahrungen mit Bildern habe ich mich entschlossen, diesmal nicht nur vorsichtig, sondern mehrfach vorsichtig zu sein. Die Lehrerin Anika aus dem Ministeriums-Video, so mein Schluss, sieht Schauspielerin Annika Sh. zwar sehr ähnlich – ist aber eine andere Person. So unterscheidet sich etwa die Augenfarbe und der Haaransatz.

Im Falle Uwe R. fand ich keine Unterschiede – außer dem Alter bei Aufnahme der Bilder.

Um ganz sicher zu gehen, schrieb ich das Bundesgesundheitsministerium an und fragte dort, ob es sich bei den beiden Personen um Schauspieler handelt.

Hanno Kautz, Chef-Sprecher des Ministeriums, mit dem ich in der Bundespressekonferenz so manches Wortgefecht hatte, antwortete binnen kürzester Zeit. „Die Lehrerin ist Lehrerin – und keine Schauspielerin“, so Kautz. Anderslautende Beteuerungen seien „schlicht eine falsche Behauptung bzw. eine Verwechslung“. Anders im Falle von Uwe Raue. Er arbeite tatsächlich auch als Laien-Schauspieler. Dies habe aber „weder mit seiner Auswahl, noch mit der Kampagne zu tun“. Die Bundesregierung habe ihn „vielmehr als DDR-Widerständler und Impf-Befürworter für die Kampagne begeistern können“, schreibt Kautz: „Wie Sie im Spot sehen, wird hier sein Freiheitsdrang mit der Freiheit, sich schützen zu können, verbunden. Wörtlich sagt er: ‚Ich schütze mich, weil ich die Freiheit habe, es zu tun.’ Dazu wird folgende Erklärung eingeblendet: ‚Uwe hat den Mauerfall 1989 hautnah erlebt. Heute genießt er seine Freiheit, indem er sich und andere schützt‘.“

Die Geschichte dahinter sei folgende, erläutert Kautz: “Uwe Raue hat zwei Fluchtversuche aus der DDR unternommen: 1978 und 1989. Er ist deshalb verhaftet und zudem wegen ‚Herabwürdigung der DDR und Angehöriger der Grenztruppen‘ zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt worden. Zudem war er 1989 beim Mauerfall tatsächlich in Berlin vor Ort. Bezüglich Corona: Raue ist Impf-Befürworter und hat bereits seine fünfte Impfung erhalten.“

Tatsächlich hat Raue früher unter anderem bei einer polnischen Nackt-Castingshow mitgemacht. Auch in der Serie „Babylon Berlin“ war er zu sehen.

‘Keine weitere Gage‘

Weiter führte Lauterbachs Sprecher Kautz aus: „Wie alle anderen Teilnehmer an der Kampagne haben Raue und die Lehrerin Anika eine niedrige Aufwandsentschädigung, aber keine weitere Gage erhalten.“

Wie hoch die „geringe Aufwandsentschädigung“ ist, führte Kautz nicht an. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte Lauterbach auf einer Bundespressekonferenz von Beträgen im untersten dreistelligen Bereich gesprochen. Per se sind die wohl sicher kein sonderlich hoher Anreiz. Allerdings ist davon auszugehen, dass auch eine „soziale Belohnung“ eine Motivation für die Teilnahme an der Impfkampagne sein kann: Etwa in Form besserer Chancen auf neue Engagements oder Weiterkommen oder Prämien im Beruf.

Ich hatte dem Ministerium auch noch eine weitere Frage gestellt: „Die Lehrerin sagt in ihrem Video, mit der Impfung schütze sie sich und ihre Kinder. Wie passt das zu der Erkenntnis, dass die Impfung weder vor Ansteckung noch vor Erkrankung einen zuverlässigen Schutz bietet?“

 Ich hoffe, auch hierzu kommt bald die Antwort.

Keine offenen Karten

Meine Moral aus der Geschichte: Auf der einen Seite zeigt sie wieder einmal, wie irreführend Bilder im Internet-Zeitalter sein können. Und wie sorgfältigst man alles prüfen muss. Andererseits ist auch klar: Das Ministerium hat im Fall von Uwe Raue nicht mit offenen Karten gespielt. Man hätte erwähnen müssen in der Reklame, dass Raue Schauspieler ist. Umso mehr, nachdem Lauterbach vorher versichert hatte, es seien eben keine Schauspieler. Insofern ist der Vorwurf einer Irreführung hier nicht von der Hand zu weisen.

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Von Veritatis

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