Eins muss man Mariam Kühsel-Hussainis Tatsachenroman Emil lassen: Er scheut nicht das kühne Experiment. Das NS-System hat bei der Reichstagswahl vom 12. November 1933 seine uneingeschränkte Macht etabliert, die SA unter Ernst Röhm befindet sich auf dem Höhepunkt ihres Einflusses, die Brutalität ihrer politischen Säuberungen kulminiert, jüdisches Leben ist akut bedroht. Doch die zwei Protagonisten des Romans sind nicht politische Gegner der Nazis, auch nicht deren jüdische Opfer, sondern ambivalente, wenn nicht sogar lupenreine Täterfiguren. Damit weist der Roman ein moralisches Urteilen von sich und überlässt es seinen Lesern.

Einer der Protagonisten ist der titelgebende Emil Cioran, ein junger rumänischer Doktorand in Psychologie. Er reist im Jahr 1933 mit einem Stipendium der Humboldtstiftung nach Berlin und ist bei der akademischen Elite der Friedrich-Wilhelms-Universität prompt ein geschätzter Reichsausländer, nicht nur, wie bald deutlich wird, wegen seiner fachlichen Kompetenz in verschiedenen Geisteswissenschaften, sondern auch wegen seiner Begeisterung für die faschistische „Eiserne Garde“ Rumäniens und die sich allmählich aus ihr bildende „Legionärsbewegung“, welchen „der nationalsozialistische Gedanke genauso das Grundelement“ sei: „Die Eiserne Garde entspringt dem rumänischen Volk in seiner ursprünglichsten Weise, seiner Einfachheit. Wir wollen keinen König an der Macht. Diese Reinheit, Belassenheit, Wahrhaftigkeit wird seit geraumer Zeit bekämpft, von der aussaugenden Dekadenz und dem Werteverfall eines hauptsächlich jüdischen Liberalismus.“ In Hitler erkennt Cioran, nicht zuletzt ein Denker des Messianismus, schließlich einen Erlöser. Er wird zu einem glühenden Anhänger.

Im Gespräch mit Carl Schmitt

Kühsel-Hussaini integriert die Figur des Emil Cioran nur mit Mühen in die Handlungsabläufe des Romans. Das gelingt ihr etwa, wenn sie ihn zum Gesprächspartner des Staatsrechtlers Carl Schmitt macht, dem gegenüber er als Antimoralist auftritt und als Meister darin, den eigenen Selbstmord aufzuschieben. Ansonsten dient er ihr mehr als verbindendes Glied zwischen Kapiteln, als Stimme philosophischer Reflexion letzter Dinge und Vermittler recht klischierter Rumänien-Bilder.

Die Figur des Emil Cioran deckt sich weitgehend mit der des historischen, mit einem bis dato ungekannten essayistisch-aphoristischen Stil später zu Weltruhm gelangten Emil Cioran, aber sie bleibt unverständlich, aus mindestens zwei Gründen: Weder macht sich der Roman die Mühe, die Spezifik des rumänischen Antisemitismus historisch herzuleiten, noch unternimmt er den Versuch, Ciorans Hitler-Anhängerschaft auch als eine Konsequenz nihilistischer und kulturpessimistischer Überzeugungen zu erklären. Dementsprechend rätselhaft bleibt, was der literarisierte Cioran über seine Hassliebe zu Juden bekennt: „ich hasse sie, weil ich sie viel zu sehr liebe, und da ich nicht weiß, warum ich sie so bewundere, hasse ich sie noch mehr, und weil sich die ganze Welt um sie allein dreht und kein bisschen um mich, hasse ich sie dreifach.“

Hinzu kommt eine irritierende Ahistorizität des Romans: Gegen Ende seines Aufenthalts in Deutschland, also nach nur etwa zwei Jahren, soll sich im literarisierten Cioran eine gewisse Ernüchterung manifestieren. Wann die Distanzierung des historischen Cioran von seinen studentischen Irrungen wirklich erfolgte, wird man nicht genau feststellen können. Auch in seinem französischen Werk, lange nach der Konversion, wird man vergeblich nach entsprechenden Äußerungen suchen. Eher wird man sein Schweigen darüber als Selbstkritik werten müssen oder in Tagebüchern und Briefen wühlen, um auf Stichhaltiges zu stoßen: „Alle Ideen sind absurd und falsch, real sind nur die Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder Religion. Ich habe mich in dieser Hinsicht sehr verändert. Ich glaube, ich werde nie wieder irgendeine Ideologie annehmen“, schrieb Cioran 1946 an seine Eltern.

Weil Kühsel-Hussaini großen Wert auf eine authentische Wiedergabe der Ausdrucksweisen ihrer Figuren legt, manövriert sie sich stracks in die Sackgasse. Die Berliner Schnauze der Witwe Heilscher, bei der der junge Cioran in Berlin zur Miete unterkommt und die von der NSDAP für ihre Denunziationskünste mit einer Miele-Waschmaschine belohnt wird, fängt sie ausgezeichnet ein. Wie aber ahmt man den unnachahmlichen Stil eines der größten Stilisten der Welt wie Cioran nach, von dem Eugen Simion, einer seiner besten Kenner, sagte, der ästhetische Wert seines originellen Schreibens entschärfe den Inhalt seiner Negationen, sodass man ihm die Inhalte gar nicht übel nehmen könne? Die Frage stellt sich auch deshalb, weil der historische Cioran bis 1935 nur einen Bruchteil dessen veröffentlicht hat, was Kühsel-Hussaini laut Anhang für ihre „Weitererzählung“ berücksichtigt. Was wiederum bedeutet, dass sie den literarisierten Cioran mit einem Werk ausstattet, das der historische Cioran noch gar nicht geschrieben hat.

Der andere, eigentlich alleinige Protagonist ist Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo bis April 1934. Als ambivalente Figur beabsichtigt, fällt er einseitig und flach aus. Was es bedeutet, sich mit dem NS-Regime überhaupt einzulassen, interessiert nicht. Der Roman konzentriert sich auf das Samaritertum Diels’ und erhebt ihn zum schlechten Gewissen der Schreckensherrschaft. Protegiert von Hitler und noch mehr von Göring, mit beiden befreundet und Klartext redend, wird er als jemand porträtiert, der stets darauf aus ist, die Willkür der SA einzuzäunen und am besten abzuschaffen, die Verantwortlichen und ihre Folterknechte juristisch zu belangen und die KZ-Häftlinge schnell wieder zu entlassen. Von „Tausenden KZ-Häftlingen“ ist da sogar die Rede: „Weil ich nicht vergessen werde, wie meine Polizeikollegen nachdenklich wurden, wenn ich zu den Tausenden KZ-Häftlingen, die wir zu Weihnachten entließen, sprach.“ Er schwärmt von Carl von Ossietzky, kann die Qualitäten politischer Gegner anerkennen, widersetzt sich höchsten Befehlen, etwa selbst tätig zu werden bei der Beseitigung der „großen Halunken“ – „der Röhm … der Strasser … der Schleicher“ –, und der „heimliche Reichsfeind Nummer 1“ muss während des Röhm-Putsches selbst um sein Leben bangen. Als Kölner Regierungspräsident beklagt er bei Hitler schließlich die Exzesse gegen Katholiken. Das Gespräch findet während einer gemächlichen Dampferfahrt mit der „Preußen“ statt. Auf den letzten Metern des Romans werden die Figuren des Emil Cioran und Rudolf Diels kurzgeschlossen zu einer Einheit, so, als seien sie ein und derselbe Mensch.

Das Kofferwort „Lohengöring“

Das Buch bleibt ein Rätsel. Es ergießt sich in explizite Sex- und Gewaltszenen, ohne dass ihre Funktion ersichtlich wäre. Es kommt nicht über ein „Who’s who“ der frühen NS-Elite hinaus, lässt aber dafür Figuren versanden, die ihrerseits einen Roman verdienten: etwa der überassimilierte, deutschnationale und Hitler-Sympathien hegende Jude Hans-Joachim Schoeps oder der drogensüchtige, homosexuelle Otto Krause, der nach der Auflösung der SA den Sprung in die SS schafft und im KZ Dachau sein Unwesen treibt, bis zu der scheinbaren Überdosis oder dem Selbstmord.

Natürlich hat das Buch auch Stärken. Es unterstreicht die Psychopathologie des NS-Kollektivs. In seinen gelungenen Teilen liest es sich wie eine Chaplin’sche Satire auf den NS, in der auch die Frage mitschwingt, wie eine so reiche Kultur wie die deutsche in die Barbarei führen konnte. Am effektvollsten manifestiert sich dies am Kofferwort „Lohengöring“. Doch das historische Material fliegt dem Buch um die Ohren, und es gleitet ab in revisionistischen Nazi-Kitsch.

Emil Mariam Kühsel-Hussaini Klett-Cotta 2022, 320 S., 24 €

Alexandru Bulucz, geboren 1987 in Alba Iulia in Rumänien, ist ein deutschsprachiger Lyriker. Beim Wettlesen in Klagenfurt erhielt er dieses Jahr den Deutschlandfunk-Preis

oktorand in Psychologie. Er reist im Jahr 1933 mit einem Stipendium der Humboldtstiftung nach Berlin und ist bei der akademischen Elite der Friedrich-Wilhelms-Universität prompt ein geschätzter Reichsausländer, nicht nur, wie bald deutlich wird, wegen seiner fachlichen Kompetenz in verschiedenen Geisteswissenschaften, sondern auch wegen seiner Begeisterung für die faschistische „Eiserne Garde“ Rumäniens und die sich allmählich aus ihr bildende „Legionärsbewegung“, welchen „der nationalsozialistische Gedanke genauso das Grundelement“ sei: „Die Eiserne Garde entspringt dem rumänischen Volk in seiner ursprünglichsten Weise, seiner Einfachheit. Wir wollen keinen König an der Macht. Diese Reinheit, Belassenheit, Wahrhaftigkeit wird seit geraumer Zeit bekämpft, von der aussaugenden Dekadenz und dem Werteverfall eines hauptsächlich jüdischen Liberalismus.“ In Hitler erkennt Cioran, nicht zuletzt ein Denker des Messianismus, schließlich einen Erlöser. Er wird zu einem glühenden Anhänger.Im Gespräch mit Carl SchmittKühsel-Hussaini integriert die Figur des Emil Cioran nur mit Mühen in die Handlungsabläufe des Romans. Das gelingt ihr etwa, wenn sie ihn zum Gesprächspartner des Staatsrechtlers Carl Schmitt macht, dem gegenüber er als Antimoralist auftritt und als Meister darin, den eigenen Selbstmord aufzuschieben. Ansonsten dient er ihr mehr als verbindendes Glied zwischen Kapiteln, als Stimme philosophischer Reflexion letzter Dinge und Vermittler recht klischierter Rumänien-Bilder.Die Figur des Emil Cioran deckt sich weitgehend mit der des historischen, mit einem bis dato ungekannten essayistisch-aphoristischen Stil später zu Weltruhm gelangten Emil Cioran, aber sie bleibt unverständlich, aus mindestens zwei Gründen: Weder macht sich der Roman die Mühe, die Spezifik des rumänischen Antisemitismus historisch herzuleiten, noch unternimmt er den Versuch, Ciorans Hitler-Anhängerschaft auch als eine Konsequenz nihilistischer und kulturpessimistischer Überzeugungen zu erklären. Dementsprechend rätselhaft bleibt, was der literarisierte Cioran über seine Hassliebe zu Juden bekennt: „ich hasse sie, weil ich sie viel zu sehr liebe, und da ich nicht weiß, warum ich sie so bewundere, hasse ich sie noch mehr, und weil sich die ganze Welt um sie allein dreht und kein bisschen um mich, hasse ich sie dreifach.“Hinzu kommt eine irritierende Ahistorizität des Romans: Gegen Ende seines Aufenthalts in Deutschland, also nach nur etwa zwei Jahren, soll sich im literarisierten Cioran eine gewisse Ernüchterung manifestieren. Wann die Distanzierung des historischen Cioran von seinen studentischen Irrungen wirklich erfolgte, wird man nicht genau feststellen können. Auch in seinem französischen Werk, lange nach der Konversion, wird man vergeblich nach entsprechenden Äußerungen suchen. Eher wird man sein Schweigen darüber als Selbstkritik werten müssen oder in Tagebüchern und Briefen wühlen, um auf Stichhaltiges zu stoßen: „Alle Ideen sind absurd und falsch, real sind nur die Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder Religion. Ich habe mich in dieser Hinsicht sehr verändert. Ich glaube, ich werde nie wieder irgendeine Ideologie annehmen“, schrieb Cioran 1946 an seine Eltern.Weil Kühsel-Hussaini großen Wert auf eine authentische Wiedergabe der Ausdrucksweisen ihrer Figuren legt, manövriert sie sich stracks in die Sackgasse. Die Berliner Schnauze der Witwe Heilscher, bei der der junge Cioran in Berlin zur Miete unterkommt und die von der NSDAP für ihre Denunziationskünste mit einer Miele-Waschmaschine belohnt wird, fängt sie ausgezeichnet ein. Wie aber ahmt man den unnachahmlichen Stil eines der größten Stilisten der Welt wie Cioran nach, von dem Eugen Simion, einer seiner besten Kenner, sagte, der ästhetische Wert seines originellen Schreibens entschärfe den Inhalt seiner Negationen, sodass man ihm die Inhalte gar nicht übel nehmen könne? Die Frage stellt sich auch deshalb, weil der historische Cioran bis 1935 nur einen Bruchteil dessen veröffentlicht hat, was Kühsel-Hussaini laut Anhang für ihre „Weitererzählung“ berücksichtigt. Was wiederum bedeutet, dass sie den literarisierten Cioran mit einem Werk ausstattet, das der historische Cioran noch gar nicht geschrieben hat.Der andere, eigentlich alleinige Protagonist ist Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo bis April 1934. Als ambivalente Figur beabsichtigt, fällt er einseitig und flach aus. Was es bedeutet, sich mit dem NS-Regime überhaupt einzulassen, interessiert nicht. Der Roman konzentriert sich auf das Samaritertum Diels’ und erhebt ihn zum schlechten Gewissen der Schreckensherrschaft. Protegiert von Hitler und noch mehr von Göring, mit beiden befreundet und Klartext redend, wird er als jemand porträtiert, der stets darauf aus ist, die Willkür der SA einzuzäunen und am besten abzuschaffen, die Verantwortlichen und ihre Folterknechte juristisch zu belangen und die KZ-Häftlinge schnell wieder zu entlassen. Von „Tausenden KZ-Häftlingen“ ist da sogar die Rede: „Weil ich nicht vergessen werde, wie meine Polizeikollegen nachdenklich wurden, wenn ich zu den Tausenden KZ-Häftlingen, die wir zu Weihnachten entließen, sprach.“ Er schwärmt von Carl von Ossietzky, kann die Qualitäten politischer Gegner anerkennen, widersetzt sich höchsten Befehlen, etwa selbst tätig zu werden bei der Beseitigung der „großen Halunken“ – „der Röhm … der Strasser … der Schleicher“ –, und der „heimliche Reichsfeind Nummer 1“ muss während des Röhm-Putsches selbst um sein Leben bangen. Als Kölner Regierungspräsident beklagt er bei Hitler schließlich die Exzesse gegen Katholiken. Das Gespräch findet während einer gemächlichen Dampferfahrt mit der „Preußen“ statt. Auf den letzten Metern des Romans werden die Figuren des Emil Cioran und Rudolf Diels kurzgeschlossen zu einer Einheit, so, als seien sie ein und derselbe Mensch.Das Kofferwort „Lohengöring“Das Buch bleibt ein Rätsel. Es ergießt sich in explizite Sex- und Gewaltszenen, ohne dass ihre Funktion ersichtlich wäre. Es kommt nicht über ein „Who’s who“ der frühen NS-Elite hinaus, lässt aber dafür Figuren versanden, die ihrerseits einen Roman verdienten: etwa der überassimilierte, deutschnationale und Hitler-Sympathien hegende Jude Hans-Joachim Schoeps oder der drogensüchtige, homosexuelle Otto Krause, der nach der Auflösung der SA den Sprung in die SS schafft und im KZ Dachau sein Unwesen treibt, bis zu der scheinbaren Überdosis oder dem Selbstmord.Natürlich hat das Buch auch Stärken. Es unterstreicht die Psychopathologie des NS-Kollektivs. In seinen gelungenen Teilen liest es sich wie eine Chaplin’sche Satire auf den NS, in der auch die Frage mitschwingt, wie eine so reiche Kultur wie die deutsche in die Barbarei führen konnte. Am effektvollsten manifestiert sich dies am Kofferwort „Lohengöring“. Doch das historische Material fliegt dem Buch um die Ohren, und es gleitet ab in revisionistischen Nazi-Kitsch.Placeholder infobox-1Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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