Er galt als sensibel, seltsam, schreibwütig und verfasste das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts.

Schwere Krankheit diktierte von Jugend an den Existenzrhythmus von Marcel Proust. Mit neun Jahren befiel ihn die erste Asthma-Attacke. Das Leiden zwang ihn immer wieder, sich wochen-, ja monatelang in einen hermetisch abgeriegelten Raum zurückzuziehen, dessen Fenster stets verschlossen bleiben mussten. Er selbst berichtete über diese Phasen der totalen Abschottung: “Ich führe ein fantastisches Dasein. Ich gehe überhaupt nicht mehr aus, ich verlasse gegen elf Uhr abends das Bett, wenn ich überhaupt aufstehe.” Alt wurde der französische Schriftsteller Marcel Proust nicht: Vor 100 Jahren, am 18. November 1922, starb er im Alter von 51 Jahren. Sein Hauptwerk “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” besteht aus sieben Bänden und über 4500 Seiten, es hat ihn weltberühmt gemacht und gilt als das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts.

Dem Freund Leon-Paul Fargue erschien Proust trotz seiner eleganten Kleidung und seines noblen Auftretens “wie ein Eremit, der lange schon seine hohle Eiche nicht mehr verlassen hat”. Proust versuchte seinen sensiblen und stark angegriffenen Körper mit allen Mitteln zu schonen, aber seine Neigung zur Isolation war nicht nur durch mangelnde Gesundheit bedingt. Von Kindheit an verspürte er einen starken Drang, sich abzusondern. Diese Form der Klaustrophilie trieb seltsame Blüten: Er ließ die Wände seiner Klause mit Korktafeln austäfeln, die jedes auch noch so geringfügige Geräusch von außen absorbieren sollten. In der Stille der schallgedämmten Zelle arbeitete der geniale Neurotiker an seinen Manuskripten, die er aus einem wirren Konvolut von Zetteln kombinierte. Tausende von Seiten verfasste er in dieser freiwilligen Gefangenschaft. Vieles blieb fragmentarisch wie etwa der Roman “Jean Santeuil”, der erst 30 Jahre nach seinem Tode aus dem Erbfundus ans Licht der Öffentlichkeit kam.
Intellektuelle schmücken sich gern mit Zitaten aus Prousts Oeuvre, aber außer Fachleuten beschäftigt sich heute kaum noch jemand mit ihm. Sein Monumentalprojekt “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” erinnert in seiner Undurchdringlichkeit an den “Ulysses” von James Joyce. Der gigantische Prosazyklus zehrt von einem ausladenden, impressionistischen Stil. Proust betonte, er habe dieses Werk so geschrieben, “wie man eine Kathedrale baut”.

Die frühen Erzählungen eignen sich besser als Einstieg in den Kosmos seiner Dichtung. Diese Texte stehen in einer fast organischen Verbindung zum Malstil von Claude Monet oder Camille Pissarro. Verschwommen und zugleich doch klar liefern diese Novellen Eindrücke von der ungeheuer komplizierten seelischen Situation eines Schriftstellers, dem sowohl grenzenlose Überempfindlichkeit wie auch ein Ödipus-Komplex und die uneingestandene Homosexualität zu schaffen machten.

Proust gehört zu den Meistern der Selbstbeobachtung, für die das Sezieren der eigenen Psyche zum erregenden Kunstereignis gedieh. Seine Schriften verkörpern somit stets auch ein Stück Selbstbeobachtung. Zugleich aber bilden sie ein sinnliches Panorama der nervösen und überfeinerten Kultur an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert.



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Von Veritatis

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