Was kaum jemand weiß: Bereits eine aus dem Jahr 2010 stammende EU-Richtlinie sieht eine vollständige Abschaffung von Tierversuchen vor. Dass sie ein Dasein als Papiertiger fristet, belegt Deutschland mit drastischen Zahlen. Noch immer werden allein hierzulande drei Millionen „verbraucht“, darunter ungefähr 60 Prozent für die Grundlagen- und lediglich 14 Prozent für die angewandte Forschung und etwa 23 Prozent für Giftigkeitsprüfungen.

Wie neue Recherchen des Investigativmagazins Frontal zutage gefördert haben, setzen einige Labore sogar nach wie vor Affen in Experimenten ein. Obschon im konkreten Fall der Uni Bremen selbst die zuständige Senatorin, gestützt durch mehr als 100.000 Unterschriften, eine Fortsetzung dieser Untersuchungsdesigns untersagt hatte, setzte sich die Universitätsleitung mithilfe des Rechtswegs über alle Belange des öffentlichen Interesses hinweg.

Angesichts dieser Missstände stellt sich umso dringender die Frage nach Sinn und Notwendigkeit des Einsatzes animalen Lebens zum Zwecke diverser Erkenntnisgewinne. Die engere tierethische Sicht, die wohl auch die Begründung für die zahnlose EU-Richtlinie lieferte, ist in ihrer Aussagekraft klar und weitestgehend einhellig: Tierversuche stellen eine Instrumentalisierung und Objektivierung einer Kreatur dar, der ein „Subjektstatus“ zukommen sollte, das heißt, auch Tiere haben eine unantastbare Würde. Begründungsansätze finden sich in der neueren praktischen Philosophie viele.

Spätestens nachdem die alten anthropozentristischen Theorien, die den Menschen in den Mittelpunkt der Welt stellten, durch die Neurowissenschaften abgeräumt wurden, lässt sich eine Abwertung tierischer Existenz kaum noch legitimieren. Einzig die Moral blieb dem Menschen lange Zeit als exklusive Eigenschaft übrig. Nur wenn schon selbst nicht alle von ihnen ihrer fähig sind und trotzdem den vollen Umfang von Grundrechten genießen, kann sie nicht das wichtige Begründungsmoment liefern.

Sinnvoller erscheint der Ansatz des Tierrechtstheoretikers Bernd Ladwig: Moralfähigkeit gibt es nur aufgrund einer vorhandenen Moralbedürftigkeit. Und die eint alle verletzlichen Wesen. Genauso wie die von dem Ethiker Tom Regan so vehement vertretene Kategorie des Interesses aller Kreatur, vor allem eben am Weiterleben.

Doch diese philosophischen Überlegungen allein können der Differenziertheit des Diskurses um das Für und Wider von Tierversuchen nur begrenzt Rechnung tragen. Bis man sich gänzlich ihrer entledigt, sollte man sich auf einen Geist der Reduktion verständigen. Der Philosoph und Ethik-Professor Dieter Birnbacher spricht ebenso von einer „Unabweisbarkeit von absoluten Grenzen der Leidzufügung“. Experimente an Primaten sind für Birnbacher jenseits der Grenze und gehören verboten.

Zahlreiche Gegner der momentanen Praxis fordern mit guten Argumenten eine massive Verminderung von Versuchen für die Grundlagenforschung. Erstens, weil der zu prognostizierende Mehrwert der meisten laborativen Anlagen oft völlig unklar oder umstritten ist, und zweitens, weil in diesem Bereich zu viele Versuche unnötig wiederholt werden. Im Gegensatz dazu plädiert der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ dafür, in angewandten, medizinisch erforderlichen Wissenschaftsexperimenten mehr auf alternative Methoden, etwa mit Zellgewebe, zu setzen.

Dass trotz dieser Stimmen derzeit nur wenige Fördergelder in die Optimierung jener ethisch unproblematischen Vorgehensweisen fließen, liegt auch an einem unzureichenden Bewusstsein in den universitären Einrichtungen. Allzu häufig finden Tierschutzorganisationen zufolge die sogenannten 3R – also die Gebote zur Vermeidung (Replacement), Verringerung (Reduction) und Verbesserung (Refinement) – bei VersuchsleiterInnen und den sie überwachenden Ethik-Kommissionen kaum Beachtung. Die deutsche Gesellschaft lehnt Tierversuche zu 80 Prozent ab (laut Bundeszentrale für politische Bildung, 2019), eine von ihr finanzierte Wissenschaft sollte sich nicht dauerhaft über diesen klaren Willen hinwegsetzen.



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Von Veritatis

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