Musik Dean Josiah Clover ist der bekannteste Unbekannte im Pop-Business. Mit seinem Kollektiv SAULT hat er jetzt gleich fünf Alben auf einmal verschenkt

„Untitled (Black is)“ erschien kurz nach George Floyds Ermordung

„Untitled (Black is)“ erschien kurz nach George Floyds Ermordung

Niemand hat heutzutage mehr etwas zu verschenken. Außer dem englischen Musiker Dean Josiah Cover, der sich Inflo nennt und sein Profil verblüffend flach hält. Cover gibt keine, wirklich gar keine Interviews, posiert nicht in Musikvideos, und auf Tour geht er auch nicht. Trotzdem wurden er und seine Band SAULT innerhalb von drei Jahren zu einem globalen Pop-Phänomen. Sechs von der Kritik gefeierte Alben sind seit 2019 erschienen – und letzte Woche kamen auf einen Schlag noch einmal fünf weitere dazu: „Hier sind fünf Alben, veröffentlicht als Opfergabe an Gott. Sie sind fünf Tage als kostenloser Download verfügbar.“ Wer die Musik besitzen wollte, musste auf der Webseite sault.global nur das richtige Passwort eintippen. Und das st

. Und das stand bereits wenige Stunden später überall in den sozialen Netzwerken. Selbst große Newsportale raunten ihren Lesern zu: „godislove“, Gott ist Liebe.Wer den Folder entpackt, findet fünf stilistisch komplett unterschiedliche Alben, mit insgesamt 56 Songs. In allen geht es irgendwie um Glauben, Gemeinschaft und die Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Erlösung. Das 11 betitelte Album entspricht mit fantastischem urbanem Soul-Funk am ehesten den Erwartungen. Doch das musikalische Spektrum ist riesig. Guide My Steps, zum Beispiel, ist ein mit Streichorchester unterlegtes Gebet. Deutlich wütender geht es auf Today & Tomorrow zu. Getrieben von einem knochentrockenen Rocksound, kreischt ein Chor aus Kindern und Jugendlichen „Where’s my money at?“, Wo ist mein Geld geblieben? Aiir, das ambitionierteste Werk, ist eine Art Sinfonie für Chor und Orchester; während sich Earth mit viel Percussion einem imaginären Afrika nähert.Es müssen Dutzende von Musikern und Sängern sein, die auf den fünf Alben zu hören sind, Namen oder Erklärungen finden sich keine. Das war von Anfang an so. Auch dass SAULT ihre Alben völlig überraschend veröffentlichen und die MP3s ein paar Tage lang verschenken, ist nichts Neues. Eher ein Alleinstellungsmerkmal.Einzigartig ist auch die mysteriöse Geheimniskrämerei, die SAULT und ihr Anführer Inflo betreiben. Im Internet finden sich lediglich zwei Fotos des Londoner Produzenten. Das offizielle zeigt ein dunkles Gesicht in einem stockfinsteren Raum. 2014 taucht der Name Inflo zum ersten Mal in den Medien auf. Luke Pritchard, Sänger der britischen Rockband The Kooks, schwärmt da von einem „geheimnisvollen“ Hip-Hop-Produzenten, der sie beim Album Listen unterstützt habe: „Er ist so etwas wie ein junger Quincy Jones. Sehr konzeptionell bei der Produktion, sehr mutig.“Danach legt Inflo richtig los. Er koproduziert zwei Alben des britischen Soulsängers Michael Kiwanuka, das jüngste, Kiwanuka, gewinnt 2020 den renommierten Mercury Prize und gilt dem Guardian als „eins der besten Alben des Jahrzehnts“. Auch seine Jugendfreundin Little Simz unterstützt der umtriebige Inflo – wieder mit großem Erfolg: Das von ihm mitgeschriebene und produzierte Sometimes I Might Be Introvert erhält 2022 ebenfalls den Mercury Prize. Und an drei Songs des letzten Adele-Albums 30 hat Inflo ebenfalls mitgewirkt. Anfang des Jahres wird er als „British Producer of The Year“ ausgezeichnet.Ist der publicityscheue Künstler über den roten Teppich geschlendert, um mit einer lässigen Geste den Preis entgegenzunehmen? Natürlich nicht! Bloß ein schriftliches Statement hat Inflo geschickt und darauf hingewiesen, dass er der erste schwarze Musikproduzent ist, der mit einem Brit Award ausgezeichnet wurde: „Ich bewundere alle schwarzen Produzenten vor mir und habe euch studiert. Ich bin ihr. Danke, dass ihr den Weg geebnet habt.“Das Thema Blackness spielt auch bei SAULT eine wichtige Rolle. Nur wenige Mitglieder des Kollektivs sind namentlich bekannt – die Sängerinnen Cleo Sol und Kid Sister oder befreundete Gäste, wie Little Simz und Michael Kiwanuka. Was alle verbindet, ist, dass sie schwarz sind. Eine Tatsache, die das bisher beste Album Untitled (Black is) besonders betont. Das von Funk, Afrobeat und Hip-Hop geprägte Werk erschien im Juni 2020 – nur drei Wochen nach der Ermordung von George Floyd. Das Cover zeigt eine geballte schwarze Faust vor einem noch schwärzeren Hintergrund. Der anklagende Song Wildfires wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer Hymne der Black-Lives-Matter-Proteste: „You should be ashamed, the bloodshed on your hands. Another Man. Take of your badge, we all know it was murder.“ Musik als Form des politischen Aktivismus, schnell und präzise auf den Punkt.Den Vermarktungsmechanismen der Musikindustrie verweigert sich das Kollektiv komplett. Physische Tonträger sind ausschließlich über die eigene Plattenfirma Forever Living Originals erhältlich. Deutsche Plattenläden müssen deshalb direkt aus England ordern. Auch das Streaming bei Spotify & Co läuft direkt über die Band, die sich dann auch mal dafür entscheidet, bestimmte Alben nicht mehr zugänglich zu machen. Die neuen sind derzeit für sieben Pfund via Bandcamp erhältlich und auf Vinyl vorbestellbar.Die großen Plattenfirmen würden natürlich liebend gerne mit einer so coolen Marke ins Geschäft kommen. Eine Hamburger Firma bot bereits einen siebenstelligen Betrag, allein für den Vertrieb. Die Antwort: nein. Ein englisches Majorlabel verdreifachte den Betrag – ebenfalls ohne Erfolg. Eine solche Kontrolle über das eigene Werk muss man sich leisten können. SAULT verfügen über eine globale Fangemeinde, und ohne eine zwischengeschaltete Plattenfirma landen hundert Prozent der Einnahmen in der eigenen Kasse. Trotzdem: Die aufwendigen Produktionen sind nicht billig, und noch nie hat ein Künstler auf einen Schlag fünf Alben gleichzeitig veröffentlicht. Oder besser: verschenkt. Warum tun SAULT so etwas? Weil sie an den Pop-Imperativ des Jetzt! glauben? Üblicherweise vergehen sechs bis acht Monate von der Aufnahme bis zur Veröffentlichung eines Albums. Inflo und sein Team mögen es schneller, so viel ist klar. Und sie haben offensichtlich etwas gegen das Diktat der Ökonomie, dem sich jede Kreativität in der Regel unterordnen muss.Einfach nur narzisstisch?Dennoch mischt sich in die gewohnte Begeisterung erstmals auch Kritik: „Ich fand die Veröffentlichung in der fünffachen Wucht einfach nur übergriffig und narzisstisch“, sagt etwa der Hamburger Musikmanager André Luth, ein Fan der ersten Stunde. Und auf Facebook echauffiert sich der Pop-Kritiker Klaus Walter: „Oh my god, sagenhaft öder Eso-Sakralkitsch. Irre auch, wie (fast) alle davor in die Knie gehen, auf die harten Kirchenbänke.“Glaube und Spiritualität dominieren tatsächlich alle fünf Alben, eins trägt sogar den Titel Untitled (God). Doch muss man das den Musikern vorwerfen? Unzählige afroamerikanische Sänger:innen haben im Kirchenchor ihr Handwerk gelernt, das amerikanische Civil Rights Movement der 50er und 60er hatte eine starke christliche Komponente. Und in Sachen Esoterik ist der aktuell wieder sehr angesagte Jazz der späten 60er und frühen 70er ohnehin kaum zu toppen: The Creator Has A Masterplan, dessen war sich bereits Pharoah Sanders sicher. Auch SAULT sind auf der Suche nach einem Gott mit einem Masterplan, was angesichts der momentanen Weltlage nicht sonderlich überraschend ist. Zumal es hier immer auch um Community geht, dem Gedanken des „allein machen sie dich ein“ folgend. Die himmlische Musik des Londoner Kollektivs ist jedenfalls auch diesmal wieder eine Offenbarung. Inflo und sein Team haben nicht nur Gott ein Geschenk gemacht, sondern auch uns, den Hörern.



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Von Veritatis

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