Maksim Timtschenko, der Chef von DTEK, dem größten ukrainischen Energieunternehmen, erklärte am 19. November gegenüber der BBC, die Ukrainer müssten sich darauf vorbereiten, zum Beginn des Winters „das Land zu verlassen“. Die Hälfte des Stromnetzes in der Ukraine sei beschädigt. Eine weitere russische Attacke könne zum kompletten Blackout führen. Auch der Kiewer Bürgermeister Klitschko sprach über die Notwendigkeit der Evakuierung. Noch bestehe aber „kein Grund zur Panik“. In Odessa kam es am 19. November zu Straßenblockaden gegen Stromabschaltungen. Von Ulrich Heyden.

Die seit dem 10. Oktober laufenden russischen Angriffe mit Raketen und Drohnen auf das Elektrizitätssystem der Ukraine haben insbesondere in Kiew dramatische Auswirkungen. Strom gibt es in der Hauptstadt nur noch acht bis zwölf Stunden am Tag. In vielen Wohnvierteln von Kiew ist es nachts stockdunkel. Vor den Wasserverteil-Stellen bilden sich lange Schlangen. Verkehrsampeln sind abgeschaltet. Polizisten werden zur Verkehrsregelung eingesetzt. Trolleybusse bleiben wegen Strom-Mangel auf offener Strecke liegen.

Wie das Internetportal strana.ua berichtete, war am 22. November um neun Uhr im Kiewer Umland der Strom in 39 Ortschaften vollständig und in 102 Orten teilweise abgeschaltet.

Nach ukrainischer Offensive im Gebiet Charkow begann Russland mit Luftschlägen

Seit dem 11. September 2022 – dem Tag des Abzuges der russischen Armee aus dem Nordteil des Gebietes Charkow – greift die russische Armee in der Ukraine in immer neuen Wellen stromerzeugende Werke, Transformatoren, Verteilstationen und Überlandleitungen mit Lenk-Raketen und Drohnen an.

Das Ziel ist offenbar, die Regierung in Kiew ins Wanken zu bringen, eine Kapitulation oder zumindest einen Waffenstillstand zu erzwingen. Diese Strategie scheint nicht völlig unrealistisch. Denn es wird für Präsident Selenski äußerst schwierig, den Krieg weiterzuführen, wenn in der Hauptstadt Kiew mit ihren drei Millionen Einwohnern die Menschen bei Minustemperaturen ohne Heizung in ihren Mehrfamilienhäusern sitzen und der Westen sich schwertut, den Ausfall der Stromversorgung durch die schnelle Lieferung von Strom-Generatoren zu kompensieren.

Man kann die russische Strategie als unmenschlich verurteilen, sollte sich dann aber auch vor Augen führen, wer mit dieser Taktik angefangen hat. Es waren die ukrainischen Streitkräfte, die im April 2014 eine „Antiterroristische Operation“ gegen die Aufständischen in Donezk und Lugansk starteten und seitdem gezielt das Stromnetz, Transformatoren, Verteilerstationen, aber auch Schulen und Krankenhäuser in den abtrünnigen „Volksrepubliken“ bombardieren, offenbar mit dem Ziel, die Menschen, die nicht unter der nationalistischen Kiewer Regierung leben wollen, aus den „Volksrepubliken“ zu vertreiben.

Eine zweite Welle von russischen Luftschlägen gab es am 10. Oktober 2022, zwei Tage nach dem mutmaßlich von ukrainischen Spezialeinheiten ausgeführten Bombenanschlag auf der Krim-Brücke. Russische Raketen und Drohnen trafen Infrastruktur-Objekte in Kiew, Charkow und Lviv und anderen Städten. In Kiew wurden zwölf Infrastrukturobjekte beschädigt.

Bei einer dritten russischen Angriffs-Welle am 15. November wurden – nach offiziellen Kiewer Angaben – 30 Objekte des ukrainischen Stromnetzes beschädigt. Besonders betroffen waren die westukrainischen Gebiete Lviv, Ternopil und Schitomir, aber auch Kiew, Odessa und Charkow.

Es war die bisher folgenschwerste russische Attacke. Nach Angaben des ukrainischen Innenministers Denis Monastyrski wurden einige Objekte wiederholt beschädigt.

Selenski: „Zehn Millionen Ukrainer ohne Strom“

Am 18. November erklärte Präsident Selenski in einer Videoansprache via Telegram, zehn Millionen Ukrainer seien wegen erzwungener Stromabschaltungen ohne Elektrizität. Betroffen seien die Gebiete Winniza, Odessa, Sumy und Kiew. „Den ganzen Tag laufen schon die Arbeiten zur Beseitigung der Beschädigungen durch die neue Attacke auf die Ukraine,“ so der ukrainische Präsident.

Um das ukrainische Elektrizitätssystem zu „stabilisieren“, versorgt das ukrainische Elektrizitäts-Unternehmen Ukrenergo nun viele Orte nur noch stundenweise mit Strom. Reparatur-Trupps seien rund um die Uhr im Einsatz. Doch es fehlen Ersatzteile. Ersatzteile aus Russland sind nicht mehr zu bekommen und die aus der EU passen nicht.

Quelle: Dunkles Kiew Screenshot tsargrad tv

Besonders schwierig ist die Situation in Kiew und im Umland der Stadt. Denn die Drei-Millionen-Metropole Kiew verbraucht doppelt soviel Elektrizität wie andere Regionen. Um das beschädigte Stromnetz der Stadt nicht zu überlasten, wurde die Einspeisung von Strom in das Netz um die Rekordmenge von 523 Megawatt gedrosselt.

Fabriken in Kiew müssen schließen

Gegenüber dem Internetportal Strana.ua erklärte Roman Rjabow, Inhaber einer Firma für Unternehmensbewertung, „in Kiew kann man nicht mehr leben. Wenn es acht bis zwölf Stunden am Tag keinen Strom und kein Internet gibt, dann ist es sehr schwer, zu leben und zu arbeiten.“ Rjabow, der via Internet arbeitet, erklärte, dass er sich jetzt nach einem neuen Wohnort mit stabilerer Stromversorgung in der Provinz umsehe.

Der Chef der Kiewer Nudelfabrik „Jaroslaw“, Aleksandr Barsuk, erklärte, sein Unternehmen sei schon seit zwei Wochen nicht mehr in Betrieb. Für die italienische und die Schweizer Produktionslinie brauche er eine stabile Stromversorgung. Wenn Anlagen beschädigt sind, sei es wegen der Kriegssituation jetzt fast unmöglich, Monteure aus Italien zu ordern. Nun suche man nach einem starken Stromgenerator, der sich autonom betreiben lässt. Leistungsfähige Stromgeneratoren sind in Kiew aber jetzt Mangelware. Sie müssen aus dem westlichen Ausland beschafft werden.

Quelle: Dunkles Kiew – Politnavigator

Strom-Generatoren werden jetzt auch von gutverdienenden Kiewern gesucht, die sich in abgelegenen Gebieten, die vom Krieg nicht betroffen sind, ein Haus kaufen wollen. Wie Kiewer Immobilien-Makler gegenüber Strana.ua erklärten, seien jetzt sogar alte Holzhäuser in Dörfern mit primitiven Öfen gefragt, die bisher niemand kaufen wollte.

Mehrfamilienhäusern droht der Verfall

Besonders dramatisch ist jetzt die Situation für die Normalverdiener und armen Menschen in Kiew, die in den mit Fernwärme beheizten hochgeschossigen Mehrfamilienhäusern leben. Wenn so ein mehrgeschossiges Haus bei Minustemperaturen einen Tag nicht geheizt wird, muss eigentlich sofort das Wasser aus den Heizkörpern abgelassen werden, um das Bersten der Heizkörper zu verhindern. Aber wie soll das funktionieren, wenn ein Teil der Hausbewohner flüchtet und ein anderer Teil bleibt?

Wenn es jetzt kälter wird, werde es für die Menschen in Kiew nicht mehr als sechs Stunden am Tag Strom geben, prophezeit Juri Koroltschuk, Mitarbeiter des Instituts für strategische Forschungen. Das Fernwärmesystem könne unter diesen Bedingungen nicht normal funktionieren. Die Stadt werde Wärmehallen einrichten und Gebläse mit warmer Luft aufstellen. Aber diese Maßnahmen könnten nur kurzzeitig Abhilfe schaffen. Eine komplette Evakuierung der Bevölkerung sei „nicht realistisch“.

Quelle: Dunkles Kiew Quelle chern-molnija livejournal

Das Elektrizitätsunternehmen Ukrenergo gab bekannt, dass die Europäische Union der Ukraine für die Wiederherstellung der Stromnetze 1,5 Milliarden Euro im Monat sowie die nötige Ausrüstung versprochen hat. Man hoffe auch, dass man aus der EU über das gemeinsame Stromnetz Elektrizität geliefert bekommt, hieß es von Seiten des Unternehmens.

Doch was bisher an Generatoren aus Deutschland geliefert wurde, ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Spiegel Online meldete am 22. November, Deutschland habe der Ukraine 2.430 Stromgeneratoren geliefert. Um einen Blackout in einem Land mit über 30 Millionen Einwohnern zu lindern, wären ganz andere Maßnahmen nötig. Am effektivsten für die Menschen wäre natürlich ein Waffenstillstand, für den Berlin sich einsetzen könnte.

Wer ist Spitzenreiter bei der Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge?

Wenn man den deutschen Medien glaubt, dann flüchten alle Ukrainer in den „freien Westen“. Über die Menschen, die seit dem Februar 2022 aus der Ukraine nach Russland geflüchtet sind, berichten die deutschen Mainstream-Medien nicht. Doch wie aus einem am 15. November veröffentlichten Bericht der UNHCR hervorgeht, sind seit Februar 2022 2,8 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Russland geflüchtet. Nach dieser Statistik ist Russland damit weltweit der Spitzenreiter bei der Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine. Nach Polen flüchteten 1,48 Millionen, nach Deutschland 1,01 Millionen und nach Tschechien 485.000 Menschen.

Wie kommt es zu der hohen Zahl von Flüchtlingen nach Russland? Nach meiner Vermutung hängt die hohe Zahl damit zusammen, dass sehr viele Menschen wegen ukrainischem Beschuss aus den Volksrepubliken Donezk und Lugansk nach Russland geflüchtet sind.

Titelbild: shutterstock / sandr



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Von Veritatis

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