Von Kai Rebmann

Vor vier Jahren schreckten der „Spiegel“ und Claas Relotius die deutsche Medienlandschaft auf. Der schon als neuer „Star“ gefeierte Reporter sorgte unter anderem mit Berichten über Bürgerwehren in den USA und Flüchtlingsbewegungen an der Grenze zu Mexiko für Aufsehen. Der spanische Journalist Juan Moreno enthüllte im Spätjahr 2018 schließlich, dass die Storys seines Kollegen in weiten Teilen frei erfunden waren. Im Dezember 2018 sah sich der „Spiegel“ dazu gezwungen, sich von Relotius zu trennen und mit der Sache an die Öffentlichkeit zu gehen. Jetzt steht dem Hamburger Magazin offenbar ein ganz ähnlicher Skandal ins Haus und wieder geht es um ein Flüchtlingsdrama. In insgesamt vier Artikeln hatte Giorgos Christides im Sommer 2022 über ein Mädchen berichtet, das auf der Flucht gestorben sein soll. Demnach soll die Fünfjährige auf einer Insel im östlichen Mittelmeer am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros den Tod gefunden haben.

Unter der Überschrift „Todesfalle EU-Grenze“ hieß es: „Nun ist Maria tot. Sie ist Anfang August an Europas Außengrenze gestorben, weil ihr griechische Behörden jede Hilfe versagten. Sie wurde gerade einmal fünf Jahre alt.“ Seit wenigen Tagen ist dort jetzt folgender Hinweis zu lesen: „An dieser Stelle befand sich ein Beitrag über das Schicksal einer Flüchtlingsgruppe am griechisch-türkischen Grenzfluss Evros im Sommer 2022. Mittlerweile gibt es Zweifel an der bisherigen Schilderung der damaligen Geschehnisse. Wir haben daher mehrere Beiträge zu diesem Thema vorläufig von unserer Website entfernt. Wir überprüfen unsere Berichterstattung und entscheiden nach Abschluss der Recherchen, ob die Beiträge gegebenenfalls in korrigierter und aktualisierter Form erneut veröffentlicht werden.“

Migrationsminister weist auf zahlreiche Ungereimtheiten hin

Schon kurz nach der Veröffentlichung der Artikel über den vermeintlichen Tod der Fünfjährigen wandte sich Griechenlands Migrationsminister Notis Mitarachi an Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann. Im September teilte der Grieche den Hamburgern mit: „Aus den Fakten und allen fotografischen Beweisen geht hervor, dass es kein vermisstes Kind gibt, geschweige denn ein totes Kind.“ Mit anderen Worten: Athen meldete nicht nur Zweifel an dem Tod des Mädchens an, sondern geht sogar davon aus, dass das Kind überhaupt nicht existierte. Und spätestens an dieser Stelle wird die Sache für den „Spiegel“ prekär. Wie kann eine Story mit womöglich frei erfundenen Sachverhalten sämtliche Kontrollinstanzen der Redaktion eines der größten Medienhäuser Deutschlands passieren? Noch dazu nur vier Jahre nach einem ganz ähnlich gelagerten Skandal?

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Der „Spiegel“ wolle den Vorwürfen intern nachgehen, wie der „Medieninsider“ berichtet. Auch wenn sich die Aufklärung „aus unterschiedlichen Gründen“ schwierig gestaltet, will die Redaktion versuchen, die Recherchearbeit ihres Reporters zu rekonstruieren. Gegen Ende seiner Erklärung versucht der „Spiegel“ dann, sich in die Opferrolle zu flüchten. Demnach könne eine „gezielte Kampagne“ der griechischen Regierung gegen ihren Reporter „nicht ausgeschlossen“ werden, wie die Hamburger weiter mitteilen. Weshalb es in Athen aber jemand auf den Autor der umstrittenen Artikel abgesehen haben soll, blieb leider offen.

Erneute Instrumentalisierung eines Flüchtlingsdramas?

Und was sagt der Beschuldigte selbst zu den Vorwürfen? Giorgos Christides will eigenen Angaben zufolge im Rahmen seiner Recherchen selbst mit den Eltern und Geschwistern des Mädchens gesprochen haben. Darüber hinaus seien ihm von weiteren Zeugen sowohl die Existenz des Mädchens als auch der von ihm geschilderte Ablauf der Ereignisse bestätigt worden. Dann folgt aber der womöglich entscheidende Satz in der Erklärung des Journalisten. Er habe, „anders als die Politik“ nicht an den Aussagen seiner Informanten zweifeln wollen. Oder anders ausgedrückt: Christides „wollte“ offenbar einfach zu sehr, dass die Geschichte stimmt.

Schon im Jahr 2015 sorgte ein ähnliches Flüchtlingsdrama für Aufsehen, die Bilder eines toten Jungen, der am Strand in Bodrum im Südwesten der Türkei angespült worden war, gingen um die Welt. Das ZDF schrieb im September 2020 rückblickend: „Die emotionale Wucht des Fotos vom ertrunkenen Kind löste in der Bevölkerung eine Welle der Empathie aus, änderte die Wahrnehmung zur Flüchtlingskatastrophe und richtete den Blick auf das Sterben im Mittelmeer.“ Schon damals wurden Vorwürfe laut, dass das Bild des toten Kindes instrumentalisiert werde, um eben die allgemeine „Wahrnehmung zur Flüchtlingskatastrophe“ zu beeinflussen. Untermauert wurden diese Vermutungen vor allem dadurch, dass zunächst mehrere Versionen vom Ablauf des Dramas in Umlauf gebracht worden waren.

Eine gewichtige Rolle in den Refugees-Welcome-Kampagnen spielen aber nicht nur linksgrüne Journalisten, sondern allen voran die NGOs, die die illegale Einreise von Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa unterstützen. Da passt es ins Bild, dass der griechische Migrationsminister dem Spiegel-Reporter vorwirft, die Hintergründe zum vermeintlichen Tod des fünfjährigen Mädchens vollständig und vor allem ungeprüft von den vor Ort tätigen NGOs übernommen zu haben.

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Kai Rebmann ist Publizist und Verleger. Er leitet einen Verlag und betreibt einen eigenen Blog.

Bild: Shuttserstock

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