Im Jahr 2014 wurde auf Zeit Online ein Aufruf mit dem Titel „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ veröffentlicht. Er warnte vor der zunehmenden Entfremdung zwischen Europa und Russland und vor einer drohenden Gewaltspirale anlässlich der Konflikte um die Ukraine. Das geschah, mehr als sieben Jahre bevor der Krieg, den die Autoren erahnten und verhindern wollten, dann wirklich ausbrach. Der Aufruf war parteiübergreifend initiiert und ungewöhnlich prominent unterzeichnet. „Niemand will Krieg“, begann er. „Aber Nordamerika, die Europäische Union und Russland treiben unausweichlich auf ihn zu, wenn sie der unheilvollen Spirale aus Drohung und Gegendrohung nicht endlich Einhalt gebieten. Alle Europäer, Russland eingeschloss

eingeschlossen, tragen gemeinsam die Verantwortung für Frieden und Sicherheit. (…) Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa.“Was heute auffällt: Trotz weniger Ausnahmen war dies kein Aufruf einer jungen Generation. Er markiert eine deutliche Differenz zum bellizistischen Grundton in Politik und Medien, der seit dem 24. Februar die Debatten bestimmt. Es gibt zwischen den Generationen einen scharfen Bruch in der Einordnung des Konflikts, seiner Ursachen und Folgen. Gespalten werden Familien und alte Freundschaften.Zwei Gründe für diesen Mentalitätswechsel werden meistens genannt. Einmal wird auf die „Zeitenwende“ verwiesen, die der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bedeute – zum anderen heißt es, die junge Generation in Politik und Medien gehe selbstbewusster mit der Last und den Lehren aus der deutschen Vergangenheit um. Sie gebe dem Motto „Nie wieder Auschwitz“ Vorrang vor anderen geopolitischen Zielen und traue sich und dem gesamten Westen damit auch größere Verantwortung in internationalen Konflikten zu.Das ist im Kern die Haltung der heutigen Grünen. Dabei waren die Grünen einmal die politische Kraft, die dichter und unerbittlicher an den zentralen Zukunftsproblemen des Globus orientiert war als alle anderen Parteien. In ihrem Zentrum standen der Pazifismus und die Ökologie. Beides waren keine moralischen Attitüden, sondern politische Konzepte, die den gefährdeten Zustand der Welt ernst nahmen. Die damalige Friedensbewegung war ihrem Ansatz nach blockübergreifend und auf dialogische Kompromisse und runde Tische zwischen Ost und West angelegt. Die Ökologie nahm ernst, dass die Rettung des Planeten eine Überwindung des materialistischen Ausbeutungsverhältnisses gegenüber der Natur erfordert, in dem sich Kapitalismus und Sozialismus im Grundsatz nicht unterschieden.Die Grünen sind zu Menschenrechts-Bellizisten gewordenDie heutigen Grünen aber teilen das hohe Selbstbewusstsein westlicher Überlegenheit und haben allein die Menschenrechtsposition radikalisiert. So sind sie, in vermeintlich idealistischer Absicht, zu Menschenrechts-Bellizisten geworden. Sie drohen darüber ihre Hauptaufgaben zu vergessen: Um die totalitären Regime, um die verhassten Diktatoren und Kriegsverbrecher moralisch und zunehmend militärisch zu bestrafen, verzichten sie darauf, die Welt zu retten. Sie haben – anders als Fridays for Future – vergessen, dass auch die Bewahrung der Schöpfung eine pazifistische Grundhaltung erfordert. Man kann den bedrohten Planeten nur retten, wenn man alle Länder, auch Russland und China, dafür gewinnt und überzeugt. So sehen sie sich genötigt, Stück für Stück ihr politisches Tafelsilber, nicht nur den Pazifismus, sondern inzwischen auch manche ökologische Position, zu entsorgen. Das strenge Sanktionsregime zwingt sie, den Kohleausstieg zu verschieben, den anstehenden Abschied von der Kernenergie, die Ausweisung neuer Naturschutzgebiete. Sie verabschieden sich von der Begrenzung der Rüstungsausgaben und vom Verbot des Exports von Rüstungsgütern in Krisengebiete.In Wahrheit – das haben Nelson Mandela, Mahatma Gandhi und Martin Luther King bewiesen – sind auch die Menschenrechte auf Dauer nur gewaltfrei durchzusetzen. Das mag länger dauern als der Weg der Gewalt und der Sanktionen. Aber es erzeugt stabilere Gesellschaften und verringert die Zahl der Opfer und der von Krieg, Bürgerkrieg und Demütigung traumatisierten Menschen.Es stimmt nicht, was Heiner Geißler einmal in der Hitze der Auseinandersetzung mit den Grünen sagte (und später zurücknahm): „Der Pazifismus hat Auschwitz erst möglich gemacht.“ Das war schon historisch falsch, denn das britische Empire, das das Münchner Abkommen von 1938 mit Hitler absegnete, war weit entfernt von pazifistischen Traditionen und Überzeugungen, es war selbst Akteur eines militaristischen Weltimperiums. Meine Gegenthese lautet: „Nicht der Pazifismus hat Auschwitz möglich gemacht, sondern der Krieg.“ Es war der Vernichtungskrieg mit der Brutalisierung seiner Ziele, seiner Mittel, Methoden und mit der unausweichlichen Verrohung aller Beteiligten, der die Inhumanität und die Verbrechen gegen die Menschheit gebar. Ist der Krieg einmal ausgebrochen, ist niemand davon ausgenommen und kann kaum einer seine Eskalation sicher stoppen, nicht die Generäle und nicht die Soldaten und schon gar nicht die zivilen Opfer.Deswegen sind und bleiben Kriegsvermeidung, die Fähigkeit zur Kriegsbeendigung durch Dialog und Kooperation und die Beherrschung der eigenen Feindbilder die vorrangige Aufgabe von Politik. Auch die Grünen müssen diese fundamentale Grundregel der Diplomatie neu lernen.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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