Der Sänger über seine coronabedingte Auszeit und ein von den Nazis verbotenes Weihnachtslied

Klassik.

Nach der zumeist ausverkauften Jubiläumstour “10 Jahre Christmas Lovesongs” war nach 2019 erst einmal Schluss. Coronabedingt musste Björn Casapietra eine lange Pause einlegen und hat sein Publikum sehr vermisst. Doch nun ist er wieder unterwegs und freut sich auf die Konzerte, wie der populäre Tenor in einem Gespräch mit Maurice Querner verriet.

Freie Presse: Was ist das Geheimnis Ihrer Show?
Björn Casapietra: Wenn ein Tenor Weihnachtslieder in einer Kirche oder in einem Theater singt, kommt das bei den Menschen gut an. Wissen Sie, die meisten Sänger mögen keine Weihnachtslieder und auch keine Weihnachts-CDs, sie machen das, weil sie wissen, dass es sich gut verkauft. Bei mir ist das aber anders. Mit meinem Vater, Herbert Kegel, der als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie und des Leipziger Rundfunkchors ein ziemlich berühmter Mann in der DDR war, hat mit mir bereits als Fünf- oder Sechsjährigem Weihnachtslieder am Klavier geübt. Da gibt es sogar noch Fotos davon. Er arbeitete mit mir sämtliche Weihnachtslieder durch. Dann hat er die Nachbarn zu einem Privatkonzert eingeladen. Ich fühle mich meinem Papa sehr nahe, wenn ich diese Lieder singe. Deshalb gebe ich heute auch so gerne Weihnachtskonzerte.
Freie Presse: Wie haben Sie die Coronazeit als Künstler erlebt, es gab viele Klagen, dass die Kulturszene nicht ausreichend unterstützt wurde?
Björn Casapietra: Diese Klagen kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe wie andere Künstler auch Hilfen bekommen. Und die waren teilweise so hoch, dass ich eigentlich Geld zurückgeben wollte. Doch ein mit mir befreundeter Politiker meinte, ich solle das Geld behalten, weil man nicht wisse, wie lange die Pandemie mit ihren Auswirkungen anhalten würde. Und er hatte Recht, weil die Pandemie eben nicht nur ein paar Monate dauerte. Ein Freund, der in Berlin ein Restaurant leitet, sagte mir, er habe so viele staatliche Hilfen erhalten, dass er sagen müsse: “Wir leben im großartigsten Land der Welt.” Und ich dachte: Wow, was für ein schöner Satz. Den mache ich mir gern zu eigen.
Freie Presse: Doch was konnten Sie außer Proben tun?
Björn Casapietra: Ich habe eine Tochter, die damals in die 7. Klasse ging. Ich bin ja ein typischer Helikopter-Vater, und wir haben so viel zusammen gelernt. Das hat sich auch ausgezahlt: In den Zeugnissen hatte sie nur Einsen und Zweien, und ich war so stolz. Das waren ein bisschen auch meine Zeugnisse. (lacht) Und außerdem habe ich auch einen Hund “Sir Winston”, mit dem ich viel unterwegs gewesen bin.
Freie Presse: Momentan fallen viele Konzerte aus, und auch Theater müssen sich mit einem Zuschauerschwund auseinandersetzen. Wie lief bei Ihnen der Ticketvorverkauf?
Björn Casapietra: Ja, kennen Sie den Spruch aus dem Theater: “Halbleer ist das neue ausverkauft?” (lacht) Aber ich klopfe auf Holz. Wir sind seit Ende März wieder unterwegs, fast jedes Wochenende woanders und meine Konzerte funktionieren. Sicher merken wir auch einen Zuschauerschwund. Da, wo früher 500 Besucher kamen, kommen jetzt 300. Aber ich habe ja keine großen Fixkosten. Ich werde von einem Pianisten und einem Techniker begleitet. Der wirtschaftliche Aspekt ist jedoch nur eine Facette. Ich möchte mit meinen Weihnachtsliedern den Menschen gerne klar machen, dass gerade jetzt Musik und Kultur so wichtig sind.
Freie Presse: Wie meinen Sie das?
Björn Casapietra: Es sind in Deutschland 150.000 Menschen durch Covid 19 gestorben, und dann ist da der furchtbare Krieg in der Ukraine, der uns alle betrifft. In diesen Zeiten brauchen wir Seelenbrot, wie es einst Liedermacher Wolf Biermann formulierte. Wir brauchen Musik, Kunst, Kultur, also Dinge, die uns Kraft geben, die uns Mut machen. Ich möchte, dass mein Publikum nach meinem Konzert am nächsten Morgen gut gelaunt aufsteht und die Welt besser machen will. Ich kann natürlich nachvollziehen, dass in diesen Zeiten, in denen viele Menschen nicht wissen, wie hoch die Gasrechnung wird, sie nicht so gerne Geld ausgeben. Doch man sollte nicht daran sparen, was der Seele gut tun würde. Deshalb sage ich: Besucht die Konzerte, unterstützt vor allem junge Künstlerinnen und Künstler.
Freie Presse: Welche Weihnachtslieder bekommt Ihr Publikum zu hören?
Björn Casapietra: Neben Liebesliedern singe ich Weihnachtslieder aus England, Schottland, Frankreich oder Italien. Es ist eine Weltreise, aber der Fokus liegt schon auf unseren alten deutschen Weihnachtsliedern wie “Maria durch den Dornwald ging” oder “Tochter Zion”. Das schätzt mein Publikum sehr. Und es liebt natürlich das “Ave Maria” von Schubert, es berührt die Menschen in unglaublicher Weise. Am Ende ist “Hallelujah” der Höhepunkt. Ich habe viele Versionen von Leonard Cohens Klassiker gehört. Doch unsere Version, bei der ich nur von einem Pianisten begleitet werde, und zunächst mit ganz leiser Stimme beginne, die schließlich in einen kraftvollen Tenor übergeht, kommt unfassbar gut an. Auch das DDR-Lied “Sind die Lichter angezündet” ist sehr beliebt. Da habe ich jedes Mal das Gefühl, dass die Temperatur um fünf Grad ansteigt, wenn ich dieses Lied singe.
Freie Presse: Sie sind bekannt dafür, sich auch politisch zu äußern. Tun sie das auch in Ihren Konzerten?
Björn Casapietra: Ich erzähle dem Publikum auch immer kleine Geschichten. So war “Tochter Zion, freue dich” von Georg Friedrich Händel von 1933 bis 1945 verboten. Die Nazis haben sich daran gestört, dass in dem Lied der Jude Zion als Friedensfürst gewürdigt wurde. Ich versuche, zu zeigen, dass man keine Angst vor Ausländern, Fremden und anderem Denken haben muss. Ich bin ja selbst als Deutsch-Italiener der beste Beweis, dass Multikulti funktionieren kann. Mit Humanismus versuche ich immer wieder daran zu erinnern, dass rechtes Gedankengut, egal in welcher Maske, keine gute Wahl ist.
Freie Presse: Sie treten viel in Kirchen auf, sind Sie gläubig?
Björn Casapietra: Mein kirchenfeindlicher Vater und meine katholische Mutter einigen sich in mir in der Bergpredigt von Jesus. Sie ist gerade heute ein eindrucksvolles Plädoyer für Frieden, Miteinander und Toleranz. |mqu

Tickets für die Konzerte der Tour “Christmas Lovesongs” mit Björn Casapietra in Glauchau am 9.  Dezember, in Crimmitschau am 17. und in Bad Elster am 23. Dezember gibt es in allen “Freie Presse”-Shops.



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Von Veritatis

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