Zeitgeschichte Kurt von Schleicher versucht als Reichskanzler Ende 1932, den „linken“ Flügel der NSDAP, die SPD und Gewerkschaften zu gewinnen, um mit einer Links-Rechts-Front die Nazidiktatur zu verhindern. Industrie und Banken jedoch wollen Adolf Hitler

Als „sozialer General“ stellte sich Kurt von Schleicher vor

Als „sozialer General“ stellte sich Kurt von Schleicher vor

Foto: Photo12/Imago Images

Am 3. Dezember 1932 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den General Kurt von Schleicher zum Kanzler. Dieser sollte damit der letzte Inhaber dieses Amtes vor Adolf Hitler werden. Seit mindestens drei Jahren hatte Schleicher am Abbau der parlamentarischen Demokratie zugunsten eines autoritären Staates gearbeitet. Nach nicht einmal zwei Monaten seiner Kanzlerschaft fiel die Macht an Hitler. Schleicher hatte das einige Zeit zu verhindern gesucht. Insofern gilt er als zugleich erfolgreich und gescheitert.

Im Ersten Weltkrieg hatte Schleicher meist im Stab des Generalquartiermeisters Erich Ludendorff gedient. Im Oktober 1918 wurde dieser durch Wilhelm Groener abgelöst, ein Förderer Schleichers. Beide paktierten mit dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert, um die November

e Novemberrevolution einzudämmen und radikale Linke niederzuwerfen. Ebenso wie die Repräsentanten der Großindustrie und der ostelbischen Junker wollten Groener und Schleicher die Revision des Versailler Vertrags mit seinen Reparationen, Gebietsabtretungen und der auf 100.000 Mann beschränkten Reichswehr. Aber anders als ihre monarchistischen Offizierskameraden waren sie imstande, die wechselnden Kräfteverhältnisse innerhalb einer parlamentarischen Demokratie realistisch in ihr Kalkül einzubeziehen. Übereinstimmend mit der durch Ludendorff in die Welt gesetzten Dolchstoßlüge zogen sie die Konsequenz, das Reich könne nur dann Weltgeltung erlangen, wenn die innere Front stehe. Hierfür war eine auch durch soziale Zugeständnisse integrierte Massenbasis erforderlich. Zunächst aber, 1918/19, lag ein Arrangement mit Gewerkschaften und SPD nahe, so lange diese dafür gebraucht wurden.Später, 1930, wirkte Schleicher, inzwischen Chef des Ministeramtes im Reichswehrministerium, am Sturz des sozialdemokratischen Kanzlers Hermann Müller mit. 1929 war die Weltwirtschaftskrise ausgebrochen. Schleicher traute einer von der SPD geführten Regierung nicht zu, die Abwälzung der Lasten auf die Arbeiterklasse durchzusetzen. Und er hatte Zugang zur „Kamarilla“ im Umfeld Hindenburgs, der seit 1925 Reichspräsident war. Neuer Kanzler wurde der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning. Schleicher hatte ihn schon Ende 1929 ins Gespräch gebracht. Allerdings verfügte Brüning über keine Mehrheit im Parlament und vermochte nur mithilfe des Artikels 48 der Verfassung zu regieren. Mit diesem konnte der Reichspräsident durch Notverordnungen Entscheidungen treffen. Brüning war nicht nur von Hindenburg abhängig, sondern auch von der Tolerierung durch die nun oppositionelle SPD. Wenn eine Mehrheit des Parlaments die Aufhebung von Notverordnungen forderte, traten sie außer Kraft. Als bei einer vorgezogenen Reichstagswahl im Herbst 1930 die NSDAP – sie kam auf 18,3 Prozent – einen Durchbruch erzielte, verzichtete die SPD in der Folgezeit darauf, dieses Mittel anzuwenden. Sie wollte so verhindern, dass Brüning und Hindenburg sich auf die offen faschistische Rechte zubewegten. In Preußen, dem größten Land des Reichs, stellte sie nach wie vor den Ministerpräsidenten.Als klar wurde, dass Brüning niemals eine Massenbasis für seine Politik gewinnen konnte, arbeitete Schleicher auf seinen Sturz hin. Am 30. Mai 1932 musste der Kanzler zurücktreten. Schleicher schlug Hindenburg einen Ersatz vor: den Zentrumspolitiker Franz von Papen, der jetzt aus seiner Partei austrat. Dieser wurde Kanzler und bildete ein Kabinett ohne Parteibindungen. Schleicher wurde Reichswehrminister. Am 20. Juli 1932 führten er und Papen einen Schlag gegen die SPD. Die von ihr geführte preußische Regierung, die ihre Mehrheit verloren hatte, aber noch geschäftsführend im Amt war, wurde abgesetzt – dem Reichswehrminister, also Schleicher, die vollziehende Gewalt übertragen.Ihm musste klar sein, dass Papen nur eine Übergangslösung war. Dessen „Kabinett der Barone“ war noch weniger als Brüning imstande, eine Massenbasis zu gewinnen. Notverordnungen vom 4. und 5. September 1932 erlaubten den Unternehmern Lohnsenkungen und statteten sie mit Steuervergünstigungen aus. 1932 fanden zwei Reichstagswahlen statt. Am 31. Juli wurde die NSDAP mit 37,3 Prozent (Zugewinn: 19 Prozent) stärkste Partei. Im November 1932 ging sie auf 33,1 zurück. Für einen Moment schien es, als habe Hitler seinen Zenit überschritten. Eine Neuwahl sollte nunmehr vermieden werden. Von ihr wurden in Regierungs- und Industriekreisen weitere Verluste für die NSDAP sowie Zugewinne der KPD erwartet. Die war im November um 2,6 auf 16,9 Prozent gestiegen. Die Wahlergebnisse zeigten, wie perspektivlos der Kurs war, den von Papen eingeschlagen hatte. Als er abtreten musste, wurde Kurt von Schleicher neuer Reichskanzler, der weiterhin die Geschäfte des Reichswehrministers wahrnahm.Schleicher versuchte nun, eine Massenbasis durch eine sogenannte Querfront zu gewinnen, die vom sich antikapitalistisch gebenden Flügel der NSDAP um deren Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser bis zu kooperationsbereiten Teilen der SPD, der Zentrumspartei und der Gewerkschaften reichte. Das Konzept stammte von Konservativen, darunter vom „Tat-Kreis“ (benannt nach einer Zeitschrift) um den Publizisten Hans Zehrer, und propagierte eine Kombination aus – nicht näher bestimmtem – Sozialismus und Nationalismus. Schleicher stellte sich als „sozialer General“ dar. Als Vorbild für klassenübergreifenden Zusammenhalt nannte er das Heer im Weltkrieg. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm und Siedlerstellen unter anderem für Erwerbslose zur zumindest teilweisen Selbstversorgung waren geplant. Teile der Notverordnungen wurden zurückgenommen, aber weder bei der Arbeiterbewegung noch bei der Rechten fand Schleicher ausreichende Unterstützung.Gregor Strasser betonte „sozialrevolutionäre“ Momente im nationalen „Sozialismus“ und war zur Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften bereit. Jedoch unterlag er Hitler im internen Machtkampf der NSDAP, trat von seinen Parteiämtern zurück und verlor große Teile seiner Gefolgschaft, die er in eine Querfront hätte einbringen können. Auch die Hoffnung auf Beistand im sozialdemokratischen Spektrum erwies sich als trügerisch. Allerdings erwog der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Theodor Leipart, größere Unabhängigkeit von der SPD, um Abwanderungen zur kommunistischen Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) zu verhindern und eine Zusammenarbeit mit der Regierung zu erleichtern. In der Führung des stark sozialdemokratisch beeinflussten republikanischen Wehrverbandes „Reichsbanner“ versprach man sich etwas von einer Anlehnung an die Reichswehr. Doch letztlich setzte sich die Gegnerschaft des SPD-Vorstandes gegen Schleicher durch.Wichtiger noch waren Entscheidungen, die nunmehr innerhalb des Großkapitals fielen. Die Montanmagnaten an Rhein und Ruhr hatten Schleicher mehrheitlich immer misstraut. Mehr Chancen hatte er sich bei den sogenannten „Neuen Industrien“ der Chemie- und der Elektrobranche ausgerechnet. Sie schienen zu sozialen Kompromissen bereit. Nunmehr näherten sich diese beiden Kapitalfraktionen bei der Unterstützung Hitlers an. Begünstigend wirkte, dass er sich inzwischen Strassers entledigt hatte.Am 4. Januar 1933 einigten sich im Haus des Bankiers Kurt von Schröder Hitler und Papen auf ein Regierungsprogramm. Hindenburg entzog dem Kanzler das Vertrauen. Schleicher trat am 28. Januar 1933 zurück und trug dem Reichspräsidenten vor, nun sei es unausweichlich, dass Hitler sein Nachfolger werde. Der wurde zwei Tage später Reichskanzler. Franz von Papen kehrte als Vizekanzler ins Kabinett zurück. Als Hitler am 30. Juni 1934 Wegbereiter und Konkurrenten liquidieren ließ, wurde Schleicher von der SS erschossen, ebenso wie Gregor Strasser. Um die Volksgemeinschaft zu mobilisieren, brauchte er keine „Querfront“. Deren Protagonisten hielt der Diktator ebenso für Hemmnisse wie seine bisherigen konservativen Steigbügelhalter.



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Von Veritatis

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