Das Museum für bergmännische Volkskunst in Schneeberg würdigt unter dem Motto “Bewahren vor dem Vergessen” das beeindruckende Werk des 1929 Geborenen in einer Sonderausstellung

Holzbildhauerkunst.

Diese “Schwarzenberger Marktfrau” und die “Beobachtung eines Klöppelmädchens” erinnern tatsächlich an Ernst Barlach. Wie die Marktfrau da sitzt, freundlich den kleinen Jungen anlächelnd, der sich nach den Lebkuchenherzen auf ihrem Verkaufstisch streckt, den Kopf von einem Tuch verhüllt, die lebensdralle Figur unter dicken, nicht näher ausgearbeiteten Winterkleidern verpackt. Oder der alte Mann, leicht stilisiert wie das klöppelnde Mädchen, dem er neugierig, aber auch ein wenig abgelenkt zuschaut, weil er sicher selbst noch zu tun hat, worauf die Arbeitskleidung hindeutet. So ist es, das pralle Leben. Nicht immer grazil und elegant, nicht reich und schön, sondern den Umständen abgetrotzt, die Erfahrungen eines halben Jahrhunderts tief ins Gesicht gegraben.

Diese Figuren hat Gotthard Richter, manchmal “der erzgebirgische Ernst Barlach” genannt, geschaffen. Jetzt sind sie zusammen mit vielen anderen im Schneeberger Museum für bergmännische Volkskunst zu sehen. Doch ein Volkskünstler ist Gotthard Richter eigentlich gar nicht, als “Schnitzer” hat er sich nicht gesehen, sagt Museumsleiterin Regina Krippner.

Die Schnitzkunst steht im Erzgebirge noch immer hoch im Kurs. Und in jeder Generation gehen aus dieser jahrhundertealten Tradition Künstler hervor, die über das Volkstümliche hinausgehen, der Holzkunst im Erzgebirge neue Impulse verleihen. Hans Brockhage und sein Sohn Peter Paul, Jörg Beier und Christoph Roßner sind Beispiele dafür – und eben auch Gotthard Richter.

Am Schnitzen kommt man im Erzgebirge nicht vorbei

Wenn man vor fast 100 Jahren im Erzgebirge geboren und aufgewachsen ist, noch dazu der Vater einen kleinen Steinmetzbetrieb führte, dann kam man am Schnitzen, an der Bildhauerei kaum vorbei. So wird es auch Gotthard Richter gegangen sein. Geboren am 29. März 1929 in Pöhla, heute ein Ortsteil von Schwarzenberg, als Sohn des Ehepaars Johanne und Arthur Richter, arbeitete er schon ab 1945, nach einer Ausbildung als Technischer Zeichner in den Schwarzenberger Krauss-Werken, im väterlichen Steinmetzbetrieb “Grabstein-Richter” mit. Arthur Richter war selbst künstlerisch interessiert und schnitzte auch. So hat er seinen Sohn als Kind in Lindenholz festgehalten und Aquarelle mit Landschaften der näheren Umgebung gemalt.

Gotthard Richter schloss 1947 ein Studium an der Staatlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig an. 1953 bestand er die Gesellenprüfung, 1956 die Meisterprüfung als Steinbildhauer. Sein Meisterstück: ein formvollendeter Mädchenkopf aus Sandstein, figürlich, freundlich, offen in eine Zukunft blickend, die zumindest nicht vom Krieg belastet sein sollte wie die Ver-gangenheit. Er fertigte Grabmale, aber auch Schnitzwerke und Skulpturen. Im Alter von 50 Jahren studierte Richter noch einmal, nun im Abendstudium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, bildete sich zudem in Karl-Marx-Stadt bei dem Bildhauer Harald Stephan weiter, wurde selbst Zirkelleiter für Plastik im Kreiskabinett für Kulturarbeit. Etwa um diese Zeit setzte auch die Anerkennung seiner künstlerischen Arbeit ein; so durfte er 1980 an der Bezirkskunstausstellung in Karl-Marx-Stadt teilnehmen.

Künstlerisch gearbeitet hat er aber neben dem Broterwerb als Steinmetz auch zuvor schon experimentierfreudig in verschiedenen Materialien. Zeichnungen aus dem Grundstudium belegen sein Talent, an der Akademie in Leipzig, Vorgängerin der heutigen Hochschule für Grafik und Buchkunst, hatte er sich unter anderem mit einem geschnitzten Entenpaar beworben, das stolz und sehr lebensnah seiner Wege geht. Tiere hat er auch später immer wieder geschnitzt, besonders aber interessierten ihn die Menschen. Seine Figuren folgen nur zum Teil der erzgebirgischen Schnitztradition, oft gehen sie darüber hinaus. So hat Richter wie viele Männer (und auch ein paar wenige Frauen) im Erzgebirge Bergleute und andere traditionelle erzgebirgische Figuren wie Waldbauern und Holzfrauen geschnitzt. Aber nur wenige erreichen die Lebensfülle, strahlen so viel Lebensweisheit und Güte aus wie die Figuren von Gotthard Richter. Man hört sie förmlich sprechen, lachen, klagen, die Frauen und Männer mit Rucksack oder Holzkiepe, Stock und Schürze, den ernsten Bergmann im traditionellen Habit, der den echten Bergbau noch lebte. Die Aktfiguren, die er in den 1960er- bis 1980er-Jahren schuf, zeigen selbstbewusste, oft etwas nachdenkliche Menschen, wie sie der Zeit entsprechen, die eine Zeit der nur leisen Hoffnung, der immerwährenden Arbeit in der Welt des kalten Krieges war, in der das Glück oft nur im Persönlichen lag. In den 1980er-Jahren hatte er auch erste Ausstellungen, kann öffentliche Aufträge ausführen.

Neuer Aufschwung im  Ruhestand

Nachdem Gotthard Richter 1995 den Steinmetzbetrieb aufgab, nahm sein künstlerisches Schaffen nochmals einen deutlichen Aufschwung. In Aquarellen und Zeichnungen widmet er sich dem Akt- und Porträtstudium. Er malt wunderbar lebendige Menschenbilder, die manchmal wie ein Stück nachgeholter Jugend und Lebensfreude wirken, da doch die eigene Jugend von Nationalsozialismus und Krieg, den Hungerjahren danach geprägt waren. Auch christliche Motive bearbeitet er wieder, so eine “Heilige Familie mit der Anbetung der Hirten” 2011, die die Protagonisten nicht idealisiert, sondern ihnen die Züge gegenwärtiger Menschen gibt. Daneben gab Gotthard Richter sein Wissen und Können in zahlreichen Kursen an junge Menschen weiter. Dabei warb er auch mitunter für das Unperfekte: “Es muss das Schnitzwerkzeug nicht immer poliert werden”, wird er in der Ausstellung zitiert. “Mit stumpfem Werkzeug bringt man Struktur und Leben ins Werk.”

Anerkennung fand Gotthard Richter auch bei seiner Teilnahme am Schwarzenberger Art-Figura-Wettbewerb 2009. Er reichte eine lebensgroße Mädchenfigur ein, auf die die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach aufmerksam wurde. “Sie erinnert mich an die … jungen stehenden Mädchen von Aristide Maillol”, schreibt sie im Katalog zur Schneeberger Ausstellung: “Das ist klassische Bildhauerei. Das ist eine Mädchengestalt, wie sie heutzutage kaum mehr formuliert wird. Die menschliche Bildhauersprache ist für jeden verständlich … Es ist unmissverständlich. Gotthard Richter bewegt sich mit seiner Bildhauerei in diesem uralten Formenkanon und er bewegt sich uneitel, selbstbewusst und mit leiser Zurückhaltung. Er ist wunderbar konservativ. Das meint nicht altmodisch, sondern behüten, beobachten, bewahren, retten.”

“Bewahren vor dem Vergessen” heißt die besondere Ausstellung in Schneeberg, und zu danken ist sie insbesondere Johannes Düring, einem jungen Tischler, der sich aber auf vielen Gebieten der Schnitzkunst, Bildhauerei und Gestaltung versucht. Er lernte Gotthard Richter vor zwei Jahren kennen, erinnert er sich im Gespräch mit der “Freien Presse”. “In Johanngeorgenstadt stand ein hölzerner Bergmann, der war zusammengefault, musste gesichert, repariert werden”, sagt Johannes Düring. Also habe er recherchiert, nachgefragt- zunächst erfolglos. “Keiner wusste, von wem der Bergmann stammte.” Er fragte bei den Enkeln des Holzgestalters Hans Brockhage nach, aber erst der Schwarzenberger Holzbildhauer Hartmut Rademann konnte helfen. Er habe auf Gotthard Richter verwiesen – nun mit Erfolg. Düring nahm Kontakt zu Gotthard Richter auf, holte sich die Genehmigung, den Bergmann nachzubilden, der demnächst wieder in Johanngeorgenstadt aufgestellt werden soll.

“Der Ernst Barlach des Erzgebirges”

In den vergangenen beiden Jahren saß Johannes Düring oft mit Gotthard Richter zusammen und lernte dessen beeindruckendes Lebenswerk kennen, das sich fast komplett bei der Familie des Künstlers zu Hause befindet. So entstand auch die Idee für die Ausstellung im Schneeberger Museum. Denn Gotthard Richters Arbeiten – “vereinfacht, ausdrucksstark; ich nenne ihn gern den Ernst Barlach des Erzgebirges, mit erzgebirgischen Themen eben”, sagt Johannes Düring – sei es unbedingt wert, der Öffentlichkeit gezeigt zu werden. 65 Arbeiten trug Düring zusammen, “alles, was ich greifen konnte, auch einige Leihgaben sind darunter”. Und zur Eröffnung der Ausstellung, an der der inzwischen 93-jährige Gotthard Richter mit seiner Frau Anneliese teilnehmen konnte, traf er auf einige Kollegen, die einst an seinen Kursen teilnahmen. Der Schwarzenberger Holzbildhauer Hartmut Rademann wird in dem kleinen, informativen Katalog zur Ausstellung zitiert: “Gotthard Richter hat viele junge Künstler der Region geprägt … Seine Werke sind von kraftvollem, natürlichem Ausdruck.”

Eine Reihe von Werken Gotthard Richters steht im öffentlichen Raum, oft jedoch, ohne dass der Schöpfer bekannt ist, und zum Teil in beklagenswertem Zustand, weil auch das härteste Holz mit der Zeit unter der Witterung leidet. Johannes Düring ist deshalb dabei, die Standorte der Skulpturen zu recherchieren und einige zu restaurieren. So wurde das Ensemble “Familie” in Tellerhäuser wiederhergestellt, von anderen Arbeiten werden Abgüsse geformt, um sie der Nachwelt zu bewahren. Auch dafür ist ein Beispiel in der Ausstellung zu sehen. Außerdem, so Düring, soll gemeinsam mit der Journalistin Katja Lippmann-Wagner ein Film über Gotthard Richter entstehen, “dessen Fertigstellung scheitert aber im Moment noch an der Finanzierung”. Mit all diesen Aktivitäten möchte Düring die erzgebirgische Tradition der Schnitz- und Bildhauerkunst am Leben erhalten. “Das ist ein großes Gut”, sagt er, “ich möchte, dass dieses Handwerk nicht ausstirbt.” Viele Arbeiten im öffentlichen Raum stünden schon nicht mehr, würden zu wenig gepflegt – “da ist noch viel Arbeit”.

Die Ausstellung “Bewahren vor dem Vergessen – Das Lebenswerk des Bildhauers Gotthard Richter” im Museum für bergmännische Volkskunst in Schneeberg ist bis zum 26. Februar zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr.  »



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Von Veritatis

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