Sehr geehrter Herr Markus Söder, sehr geehrter Herr Christian Lindner und sehr geehrter Herr Friedrich Merz,

bald ist Weihnachten, und ich würde Sie gerne zu mir nach Hause einladen. Das wird für Sie ein prägendes Erlebnis sein, denn ich bin armutsbetroffen. Dieses Weihnachten bin ich an Heiligabend allein, da meine Tochter bei ihrem Vater sein wird. Wir wechseln uns da jedes Jahr ab. Für Sie ist das super, denn dadurch kann ich Sie gut im Kinderzimmer einquartieren.

Wissen Sie, offiziell wohne ich in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, aber eigentlich sind es eher eineinhalb Zimmer: Durch die Wohnungstür gelangt man in einen winzigen Flur, der von der Garderobe gefüllt ist, rechts dann ein kleines Badezimmer mit Dusche und Toilette, links ein Wohnzimmer, das gleichzeitig Schlafzimmer, Esszimmer, Büro und Küche ist, weil da mein Bett drin steht, mein Schreibtisch da drin steht, unser Esstisch da drin steht, die Küchenregale da drin stehen und die Küche eigentlich nur eine kleine Kochnische ist. Der zweite Raum ist das Kinderzimmer. Da es sehr eng ist, habe ich ein Hochbett dort hineingestellt, und unter dem Hochbett gibt es einen kleinen Schreibtisch, falls Sie noch Regierungsarbeiten zu erledigen haben, ist das sicher praktisch.

Das Haus, in dem ich wohne, wurde in den 1980er Jahren gebaut, daher sind Badezimmer und Wohnung in beige-braunem Retroschick. Mein Warmwasser und die Heizung werden von einer Gastherme erwärmt, diese ist Energieklasse E und hält, nach Aussagen des Technikers, höchstens noch fünf Jahre. Gerne würde ich ein energieeffizienteres Gerät anschaffen, aber Sie wissen ja, dass ich jetzt 38,07 Euro, ab Januar dann 42,55 Euro im Monat für Strom, Wohnungsinstandsetzung sowie neue Geräte bekomme. Da meine monatliche Stromrechnung aber die 38 Euro übersteigt – ganz ehrlich, wann hat der Strom das letzte Mal 38 Euro gekostet? – war mir die Rücklagenbildung für eine neue Gastherme 2022 leider nicht möglich.

Küchengeräte – außer einem Herd, einem Wasserkocher und einem Toaster – suchen Sie bei mir also vergebens, der Strompreis ist so angestiegen, dass ich froh bin, dass ich meinen Gefrierschrank vor ein paar Jahren schon aus Spargründen aussortiert habe. Wenn ich mir die Strompreise für nächstes Jahr so anschaue, werde ich mich wohl auch besser von meinem Toaster verabschieden. Schade, mit ihm konnte ich mehre Tage altes Brot wieder genießbarer machen. Frisches Brot vom Bäcker gibt es ohnehin seit Jahren nicht mehr für uns. Aber vielleicht kommen Sie ja an einem Tag, an dem ich gerade eine Packung abgepackten Brotes neu aufmache?

Erwarten Sie bitte keinen Weihnachtsbaum, den habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehabt, er ist teuer, ich empfinde dieses Tannenmassengeschäft gegenüber der Umwelt nicht fair und habe eh zu wenig Platz. Da ich ab dem 20. des Monats kaum noch Geld habe, weil die Inflation meinen mir zugewiesenen Lebensmitteletat von 155,82 Euro sprengt, können wir uns zu Weihnachten gern ein paar Konserven oder Nudeln mit Tomatensoße teilen. 🙂 Und weil es in meiner Wohnung etwas kälter ist (Heizkosten sparen!), mache ich Ihnen gern einen Weihnachtstee.

Ob ich mir etwas wünsche? Oh, das ist nett. Ja, tatsächlich hätte ich gerne, dass ich mir den ganzen Monat lang, also bis Monatsende, keine Sorgen um meine Lebensmittelversorgung machen muss. 50 Euro gibt es im Januar mehr, ob das reicht, fragen Sie? Naja, die Erhöhung meines Regelsatzes beträgt unter 12 Prozent, die Inflation liegt bei Lebensmitteln bei fast 17 Prozent, ich habe einen Taschenrechner, den können wir dann ja mal rausholen und zusammen knobeln. Aber vermutlich schluckt das meiste ohnehin die Strompreiserhöhung. Denn die 40 Euro Strom im Bürgergeld … ach, das hatten wir ja schon. Aber gerne können wir darüber dann nochmal schnacken.

Denn nachdem 13,8 Millionen armutsbetroffene Menschen in Deutschland das ganze Jahr ignoriert wurden, besuchen Sie mich … natürlich nicht aus PR-Zwecken! Ich würde mich freuen, mit Ihnen auf Augenhöhe zu diskutieren, von Mensch zu Mensch, denn anders als eine Zahl in der Statistik habe ich Gehirn, Ohren und Mund, wir können uns also ganz wunderbar unterhalten. Ich könnte ihrem Menschenbild etwas unter die Arme greifen und vielleicht würden sie ja dann endlich verstehen, dass Armut in Deutschland ein Problem ist, das Sie schon längst hätten angehen können. Warum Sie stattdessen mit dem neuen Bürgergeld meinem Kind noch immer nur 3,43 Euro pro Tag – also für drei Mahlzeiten! – zur Verfügung stellen, das können Sie mir ja dann erklären.

Lieber Herr Söder, lieber Herr Lindner, lieber Herr Merz: Ich freue mich schon sehr auf unser Weihnachten. Meine Tür steht für Sie jederzeit offen.

Ihre Armutsbetroffene

Janina Lütt lebt mit ihrer Tochter in Elmshorn und bestreitet ihren Lebensalltag mit Erwerbsminderungsrente auf Hartz-IV-Niveau. Auf Twitter berichtet sie unter #ichbinarmutsbetroffen über ihren Alltag, ihre Depression und ihre Armut. Hinter dem Hashtag steht inzwischen eine bundesweite Initiative, lesen Sie selbst: #ichbinarmutsbetroffen @armutsbetroffen





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Von Veritatis

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