Von Dagmar Henn

US-Präsident Joe Biden hat jüngst noch einmal betont, er wolle keinen direkten Konflikt zwischen Russland und der NATO. Das klingt zwar nett, widerspricht aber zum einen den Fakten, und zum anderen besteht, selbst wenn man nur offen eingesetzte Truppen von NATO-Ländern als Beteiligung werten will, eine Gefahr, die man “schleichenden Einsatz” nennen könnte. Auf Englisch gibt es diesen Begriff bereits, er lautet “mission creep” und bezeichnet die langsame Ausweitung eines anfänglich begrenzten Engagements. Eines der Hauptbeispiele für einen schleichenden Einsatz ist der US-Krieg in Vietnam.

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Um sich diese Entwicklung genauer ansehen zu können, muss man ins Jahr 1954 zurückgehen. Damals fand in Genf eine Konferenz statt, die den Krieg zwischen Frankreich und den Việt Minh beendete. Kurz vor der Konferenz hatten die französischen Kolonialtruppen mit der Festung Điện Biên Phủ noch versucht, sich durch einen Sieg eine günstige Ausgangsposition für diese Verhandlungen zu verschaffen, was aber in einer Niederlage endete.

Die Genfer Konferenz teilte Vietnam vorläufig in zwei Teile, sah aber vor, dass im Juli 1956 Wahlen in ganz Vietnam unter internationaler Aufsicht stattfinden sollten, die dann zu einer souveränen Regierung für ganz Vietnam geführt hätten. Die geschlagene französische Kolonialmacht hätte diese Wahlen vermutlich zugelassen; aber seit 1954 begannen die USA, sich in dieser Gegend einzumischen.

Der erste Schritt war die Gründung der SEATO, in der Australien, Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Philippinen, Thailand, Großbritannien und die USA Mitglied waren. Die Zusammensetzung erinnert nicht umsonst an derzeitige Bestrebungen der USA im pazifischen Raum. Kambodscha, Laos und Südvietnam konnten aufgrund der Bestimmungen der Genfer Konferenz nicht Mitglied werden, sie wurden aber wie solche behandelt.

Im September 1954 verdrängten die USA Frankreich aus der direkten Kommunikation mit dem südvietnamesischen Diktator Ngô Đình Diệm. Im Oktober 1954 erfolgte der erste Schritt, der unter die Überschrift “mission creep” gehört: Der US-Präsident wies die Stabschefs an, “eine Ausbildungsmission beim MAAG Saigon anzuordnen, mit Vorsichtsmaßnahmen gegen französische Einmischung in die US-Ausbildungsmission” (Pentagon Papers IV-A-3 S. 8).

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Ausbilder sind im Grunde bereits die zweite Stufe; davor kommen die Militärberater. Und nachdem Diệm die Durchführung gesamtvietnamesischer Wahlen verweigert hatte, befand sich Vietnam bereits wieder mitten im Krieg; diesmal war es ein Aufstand im Süden, der vom nördlichen Landesteil unterstützt wurde.

Die Pentagon Papers beschreiben sehr genau, in welchen Schritten sich die Beteiligung der USA entwickelte. Neben Ausbildung blieb es erst einmal bei Waffenhilfe: “Bis 1960 war Vietnam einer der größten Empfänger von US-Militär- und Wirtschaftshilfe weltweit: an dritter Stelle der nicht-NATO-Empfänger und an siebter Stelle insgesamt.” (PP IV-A-4, S. 6)

Die USA lieferten nicht nur Waffen, sie übernahmen auch die Kosten für einen Teil der südvietnamesischen Armee. Juni 1960 forderte Diệm von John F. Kennedy nicht nur die Finanzierung von 100.000 Mann zusätzlicher südvietnamesischer Truppen, sondern auch die Entsendung “ausgewählter Elemente der amerikanischen Streitkräfte”, sowohl, um Ausbildungszentren zu errichten, als auch, um die US-Verpflichtung Vietnam gegenüber zu symbolisieren (PP IV-B-1 S. 7). Kennedy wollte allerdings nicht.

Aber er schickte zwei Generäle nach Vietnam, die einen Bericht verfassten, den Taylor Mission Report, in dem eine stärkere US-Beteiligung bis in den Regierungsapparat hinein empfohlen wurde. “Der Bericht empfahl die Entsendung von Hubschraubereinheiten und andere Arten von Kampfunterstützung aber ohne diese Einheiten sehr zu betonen.” (S. 9) Im Report wurde noch etwas gefordert: ein Anteil der US-Amerikaner an den Entscheidungen der südvietnamesischen Regierung.

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Offiziell reagierte Kennedy nicht auf diesen Bericht. Allerdings wird bereits 1962 ein US-Stützpunkt in Pleiku errichtet, der unter dem Namen Camp Holloway bekannt wird. Für die Errichtung dieses Stützpunkts gab es keine Ermächtigung durch den US-Kongress.

Im Oktober 1963 stirbt Kennedy durch das Attentat in Dallas. Im November 1963 wird der Diktator Diệm gestürzt und durch einen neuen ersetzt; ein Spiel, das sich bis zum Ende des Vietnamkriegs 1974 noch mehrfach wiederholen soll.

Lyndon Johnson, der Nachfolger Kennedys, legt es darauf an, die USA direkt am Krieg zu beteiligen. Längst steht fest, dass der Tonkin-Zwischenfall im August 1964, bei dem angeblich nordvietnamesische Schnellboote grundlos auf einen US-Kreuzer schossen, so nicht einmal stattgefunden hat. Schon die Bezeichnung selbst ist eine Täuschung – Tonkin war die Bezeichnung der französischen Kolonialmacht für Hanoi, es geht also nicht um irgendeine Bucht, sondern um die Bucht vor der nordvietnamesischen Hauptstadt. Auf jeden Fall genügte der vermeintliche nordvietnamesische Angriff, dass Johnson sich im US-Kongress die Legitimation für militärische Handlungen holte.

Im Februar 1965 wird der US-Stützpunkt in Pleiku angegriffen, genau jener, den es unter Kennedy gar nicht hätte geben dürfen, woraufhin die USA Nordvietnam bombardieren. Eine Woche später landeten zwei Bataillone Marines in Đà Nẵng, um für die Sicherheit dieses Stützpunkts zu sorgen. Schon am 1. April folgten eine weitere Flugzeugstaffel und zwei weitere Bataillone Marines. Es dauerte neun weitere Jahre und kostete zwei Millionen Vietnamesen das Leben, bis die USA ihre Niederlage eingestanden und am 30. April 1975 aus Saigon flüchteten.

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Welche Schlüsse lassen sich nun aus diesem Ablauf ziehen, wenn man ihn mit der Ukraine heute vergleicht? Ganz klar, der Anfang liegt in der Ukraine bereits 2014. Ab da sind nicht nur Berater, sondern auch Ausbilder unterwegs, oder ukrainische Truppen werden in anderen Ländern ausgebildet. Wie die Regierung Südvietnams ist die der Ukraine auf Unterstützung von außen angewiesen, nicht nur, um das Militär zu finanzieren, sondern um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Der Hauptgrund, warum die Ukraine wenig militärische Hilfe erhielt, war, dass sie eine beträchtliche Menge sowjetischen Materials besaß; Anfang 2022 wurde ihr Bestand beispielsweise noch auf 2.000 Kampfpanzer geschätzt. Zu sowjetischen Zeiten waren 8.000 Panzer dort stationiert, aber Truppenverlagerungen und die Kämpfe im Donbass hatten diese Zahl bereits deutlich verringert. Diesen Hintergrund muss man bedenken, wenn Waleri Saluschny in einem Interview mal eben 300 Kampfpanzer fordert. Schon die Gefechte um Donezk 2014/2015 hatten mehr Panzer “verbraucht” als jeder Krieg seit Korea.

Man kann selbst an den erbitterten Kämpfen um Orte wie Mariupol oder Artjomowsk immer wieder erkennen, wie defensiv die Sowjetunion tatsächlich aufgestellt war. Dort, wo die Kämpfe besonders langwierig sind, liegt das vor allem an sowjetischen Bunkeranlagen, die mehrere Stockwerke in die Tiefe gebaut worden waren. Jede einzelne Brücke über den Dnjepr legt Zeugnis davon ab, wie wichtig es dem sowjetischen Staat war, einem Eindringling widerstehen zu können. Und wie perfide es vor diesem Hintergrund ist, genau dieses sowjetische Erbe gegen Russland zu wenden.

Aber zurück zu Vietnam und dem Hubschrauberstützpunkt. Heute würde man ihn vermutlich einer Söldnerfirma zuschreiben, um auf diese Art das Problem zu lösen, dass es politisch keine Rechtfertigung dafür gibt. Das Söldnerlager, das im Frühjahr nahe der polnischen Grenze von russischen Raketen zerstört wurde, war schon ziemlich nahe dran an Camp Holloway.

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Der Grund, warum dieser illegale Stützpunkt ausgerechnet für Hubschrauber errichtet wurde, dürfte ein technischer sein. Der Vietnamkrieg war überwiegend ein Guerillakrieg; die Gegner, mit denen es die südvietnamesische Regierung zu tun hatte, waren die eigenen Bauern. Großes technisches Gerät wie Panzer nützt da wenig, aber Hubschrauber sind gerade über schwer einsehbarem Gebiet besser geeignet als Flugzeuge. Aber es dauert länger, die Beherrschung eines Hubschraubers zu erlernen, als die eines Flugzeugs (wir sind im Jahr 1962, als Computer noch Wohnzimmergröße hatten). Das heißt, gleich, ob nun die südvietnamesische Regierung nach Hubschraubern gefragt hat oder die Schlussfolgerungen der Taylor-Mission umgesetzt wurden – Hubschrauber dürfte es im Jahr 1962 nur mitsamt der Piloten gegeben haben oder gar nicht.

Womit wir wieder bei der Ukraine und all dem hübschen modernen Spielzeug wären, das sie bekommen hat, bekommen wird oder bekommen will. Die polnischen Krabs werden von polnischen Mannschaften bedient; das bestätigt ein ukrainisches Video, in dem sich ukrainische Soldaten darüber beschweren, die Polen kämen, feuerten ihre Krabs ab und verschwänden wieder, und sie bekämen dann das Gegenfeuer ab. Bei einer ganzen Reihe weiterer gelieferter Waffen, die deutschen Panzerhaubitzen eingeschlossen, von IRIS ganz zu schweigen, dürfte das ähnlich sein. Und bei den von den USA zugesagten Patriots steht absolut fest, dass sie von NATO-Mannschaften bedient werden müssen.

Es sind, wie bei den Hubschraubern in Vietnam, technische Gründe, die den Einsatz fremden Personals erzwingen. Die Ausbildungszeiten sind schlicht zu lang. Das ist auch das unausgesprochene Problem hinter der Frage, ob Deutschland Leopard-Panzer liefern soll oder nicht. Es geht nicht um die Lieferung der Panzer. Es geht um die Lieferung der Panzerbesatzung.

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Wenn man die zeitliche Entwicklung vergleicht, befänden wir uns jetzt ungefähr im Herbst 1963. Es gibt Indizien dafür, dass die USA Wladimir Selenskij gerne ersetzen würden. Und, das darf man nicht vergessen, ohne massivstes westliches Eingreifen wäre das Problem längst gelöst. Nicht nur, weil es ohne das Eingreifen des britischen Premiers Boris Johnson bereits im März zu einem Friedensschluss gekommen wäre. Sondern auch, weil die eigenen Kapazitäten der Ukraine auf dem Feld der objektiven Datenermittlung erbärmlich sind und diese Truppen ohne die stetige Bereitstellung von Feuerkoordinaten, Satellitenbildern und Kommunikation per Satellit längst untergegangen wären, wie es dem Abstand in den industriellen und technischen Fähigkeiten nahelegt.

Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Nordvietnam und Russland. Nordvietnam besaß zu keinem Zeitpunkt die technischen Möglichkeiten, die USA selbst anzugreifen. Wenn man betrachtet, wie weit sich dieser schleichende Einsatz seit 2014 bereits entwickelt hat, kommt man im Grunde zu dem Schluss, dass dies der einzige Grund ist, warum bisher noch keine Tonkin-Variation gezogen wurde. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass die USA schlicht den nächsten Stellvertreter ins Feuer werfen. Polen wäre ein Kandidat, der sich geradezu darum drängt; es will seine Armee mehr als verdoppeln.

Das Risiko einer unabsichtlichen Ausweitung ist jedoch weit höher, als es in Vietnam war. Das liegt an der bereits hohen Beteiligung einerseits, die im Grunde jederzeit als Teilnahme als Kriegspartei zu werten wäre, und zum anderen daran, dass sich, auch wenn die entscheidenden Schritte wie die Eröffnung von Camp Holloway im Verborgenen abspielten, doch wesentlich mehr Debatte über Sinn und Unsinn eines solchen Engagements stattfindet als heute. So ähnlich viele Details der Entwicklung sind, bis hin zu der Tatsache, dass die westliche Einmischung auf keiner Art Bündnis oder Abkommen beruht (ganz im Gegensatz zum speziellen Militäreinsatz der russischen Armee, der auf einem Beistandsabkommen mit den Donbassrepubliken beruht), die Art und Weise, wie im Westen derzeit selbst jede Erwähnung von Verhandlungen geahndet wird, schafft die idealen Voraussetzungen für fatale Fehler.

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Die Wunschvorstellung der NATO scheint zu sein, endlos gegen Russland austeilen zu können, ohne fürchten zu müssen, sich eine Antwort einzufangen. Aber der so geschaffene Zustand wird auf die eine oder andere Weise nicht auf Dauer haltbar sein. Alle technischen Mittel der NATO in die Ukraine zu gießen, samt verdeckten Personals, geht im – für die NATO – günstigsten Fall so lange gut, bis die eigenen Verluste einen Ausstieg oder einen Übergang zu einer offenen Beteiligung erzwingen. Es ist absolut lächerlich, zu glauben, man könne eine Großmacht wie Russland, die durchaus imstande wäre, gegnerische Satelliten auszuschalten, endlos unter Nutzung ebendieser Satelliten attackieren und dabei so tun, als könne man kein Wässerchen trüben.

Womöglich ist der einzige Grund, warum sich Russland dieses Theater bis heute bieten lässt, dass es praktische Vorteile bietet, wenn die NATO ihr Militärgerät zum Zwecke der Zerstörung freundlicherweise selbst vorbeibringt. Wenn dann noch einige Hundert oder Tausend mehr oder weniger NATO-Militärangehörige obendraufgelegt werden, ist das auch recht. Was allerdings in den Entscheidungszentralen des Westens nicht begriffen wird, ist, dass das, was sie durch ihren Krieg in der Ukraine anstreben – Russland auszubluten –, in ihrem eigenen Interesse nicht einmal ansatzweise wahr werden dürfte. Denn dann gäbe es keinen Grund mehr, Herrn Kinshal einen Besuch in Berlin, London oder Washington zu verwehren. Russland ist nicht Nordvietnam, und der schleichende Einsatz kann von zwei Seiten beendet werden.

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Am 24. Februar kündigte der russische Präsident Wladimir Putin an, gemeinsam mit den Streitkräften der Donbass-Republiken eine militärische Spezialoperation in der Ukraine zu starten, um die dortige Bevölkerung zu schützen. Die Ziele seien, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren. Die Ukraine spricht von einem Angriffskrieg. Noch am selben Tag rief der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij im ganzen Land den Kriegszustand aus.

Der Westen verurteilte den Angriff, reagierte mit neuen Waffenlieferungen, versprach Hilfe beim Wiederaufbau und verhängte Sanktionen gegen Russland.

Auf beiden Seiten des Konfliktes sind zahlreiche Soldaten und Zivilisten getötet worden. Moskau und Kiew haben sich gegenseitig verschiedener Kriegsverbrechen beschuldigt. Tausende Ukrainer sind mittlerweile aus ihrer Heimat geflohen.





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Von Veritatis

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