Mit dem Begriffspaar „Wärmestrom – Kältestrom“ wollte Ernst Bloch zwei Aspekte im Werk von Karl Marx hervorheben, die er zugleich als Baugerüst seiner eigenen Philosophie ansah. Dabei steht die Kälte für Marx’ nüchtern-emotionslose Analyse der ökonomischen Verhältnisse und die Wärme für die Hoffnung und die daraus folgende Praxis, die von der Analyse nicht nur befeuert, sondern auch im Zaum gehalten werden.

Alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes Wesen ist, das ist die Hoffnung. Denn Veränderung ist möglich, „aber“, schreibt Bloch in seiner eigenwilligen Sprache, „mit dem Horizont als einem begrenzenden, als dem des begrenzt Möglichen. Ohne solche Abkühlung käme Jakobinertum oder gar völlig verstiegene, abstraktest-utopische Schwärmerei heraus“. Von Blochs eigenem Werk ist vor allem seine Erforschung der Hoffnungen und Utopien bekannt geworden, die er in Das Prinzip Hoffnung veröffentlich hat.

Solche Überlegungen scheinen heute völlig obsolet geworden zu sein. Wenn wir „Wärmestrom“ hören, denken wir nicht an die klassenlose Gesellschaft, sondern eher an die vom Bundestag freigegebenen Gelder für Gas- und Strompreisbremsen in Höhe von 200 Milliarden Euro. (Bloch dürfte bei seiner Strommetapher an den Wärmeaustausch in den Ozeanen gedacht haben, in denen sich Meeresströmungen aus vier der fünf Ozeane zu einer globalen „thermohalinen Zirkulation“ – also zu einem globalem Förderband – verbinden.) Die Gaspreisbremse verdankt sich nüchterner Analyse, zugleich soll sie die Hoffnung der Menschen auf gewohnt warme Wohnungen im Winter erfüllen. Was braucht es da hohe Worte? Die Erfüllung der Hoffnung ist doch selbst weiter nichts als eine nüchterne, ja ernüchternde Sache, sie besteht nämlich ganz einfach in einem hinreichend hohen Füllstand der Gasspeicher. Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass wir da etwas verdrängen. Hat uns nicht der Bundespräsident auf entbehrungsreiche Zeiten vorbereitet? „Alle müssen Opfer bringen“, hat er am 28. Oktober gesagt. Die Gaspreisbremse kann nur den Übergang in solche Zeiten abfedern.

Was unsere Hoffnung ist, verdecken wir heute vor uns selbst. Die DDR-Bürger:innen haben es 1990 genau gewusst: Sie hofften auf Teilnahme am westlichen Konsumismus. Und die Westdeutschen hatten auch schon längst aufgehört, auf etwas anderes zu hoffen als auf immer mehr Konsum. Diese Haltung ist von Soziologen wie Gerhard Schulze als Nachfolge früherer Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod im Paradies entziffert worden. Da man an ein Nachleben nicht mehr glaubt, muss das Paradies schon während des Lebens gesucht werden. Was ja auch eine vernünftige Idee ist; nur ob das Paradies in immer mehr Konsum besteht, erscheint fraglich. Aber viele klammern sich daran und glauben, das Paradieserlebnis stelle sich deshalb nicht ein, weil sie immer noch zu wenig konsumiert haben. Wie auch immer: Sollte die Konsumfülle wegbrechen, ist es mit dem Leben in der Scheinhoffnung vorbei. Dann kann es zu sozialen Krisen kommen, weil die Menschen sich auf einmal erinnern, Hoffnungen zu haben, die vom Konsum nur verdeckt waren.

Das eigentliche gute Leben

Die Ampel hat natürlich gut daran getan, die Gaspreisbremse zu beschließen. Zugleich aber zeigt sich ihre ökonomistische Schwäche, die besonders der SPD vorzuhalten ist. Die SPD war doch einmal eine marxistische Partei, sie müsste wissen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern auch von der Hoffnung. Und sie hat schon einmal die historische Erfahrung gemacht, dass, wenn das Brot knapp wird, Faschisten falsche Hoffnungen schüren. Das war am Ende der Weimarer Republik. Es war der Ausgangspunkt von Ernst Blochs Überlegungen zum „Wärme- und Kältestrom“. Die SPD spricht heute vom Heizen, dessen Notwendigkeit außer Frage steht, spricht aber nicht vom Problem all der Energie, die zur Erzeugung überflüssigen Konsums vergeudet wird. Überflüssig ist er, wohlgemerkt, für die Konsument:innen, nicht aber für die kapitalistischen Erzeuger, die anders nicht zum Profitwachstum, vulgo Wirtschaftswachstum kämen. Da wäre es doch besser, auf den „Wärmestrom“ zu setzen, der heute in der Erforschung des guten Lebens bestünde. Beginnen wir endlich mit dieser Forschung! Das gute Leben der meisten würde sich auf weniger Konsum stützen. Die Ärmeren freilich bekämen mehr.

Wärmen wir uns

Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise, Klimakrise: Traditionell erscheintder Freitagzum Jahresende monothematisch. In diesem Jahr haben wir uns entschieden, der gedrückten Stimmung etwas entgegenzusetzen.

Es geht dabei um die Temperatur in unserer Gesellschaft, um Armut und Liebe, um Weihnachten in der Ukraine, hitzige Debatten oder die Frage, wie der Rohstoff Holz die Weltgeschichte verändert hat.

Zur gesamten Ausgabe 51/2022

hne solche Abkühlung käme Jakobinertum oder gar völlig verstiegene, abstraktest-utopische Schwärmerei heraus“. Von Blochs eigenem Werk ist vor allem seine Erforschung der Hoffnungen und Utopien bekannt geworden, die er in Das Prinzip Hoffnung veröffentlich hat.Solche Überlegungen scheinen heute völlig obsolet geworden zu sein. Wenn wir „Wärmestrom“ hören, denken wir nicht an die klassenlose Gesellschaft, sondern eher an die vom Bundestag freigegebenen Gelder für Gas- und Strompreisbremsen in Höhe von 200 Milliarden Euro. (Bloch dürfte bei seiner Strommetapher an den Wärmeaustausch in den Ozeanen gedacht haben, in denen sich Meeresströmungen aus vier der fünf Ozeane zu einer globalen „thermohalinen Zirkulation“ – also zu einem globalem Förderband – verbinden.) Die Gaspreisbremse verdankt sich nüchterner Analyse, zugleich soll sie die Hoffnung der Menschen auf gewohnt warme Wohnungen im Winter erfüllen. Was braucht es da hohe Worte? Die Erfüllung der Hoffnung ist doch selbst weiter nichts als eine nüchterne, ja ernüchternde Sache, sie besteht nämlich ganz einfach in einem hinreichend hohen Füllstand der Gasspeicher. Aber Vorsicht: Es könnte sein, dass wir da etwas verdrängen. Hat uns nicht der Bundespräsident auf entbehrungsreiche Zeiten vorbereitet? „Alle müssen Opfer bringen“, hat er am 28. Oktober gesagt. Die Gaspreisbremse kann nur den Übergang in solche Zeiten abfedern.Was unsere Hoffnung ist, verdecken wir heute vor uns selbst. Die DDR-Bürger:innen haben es 1990 genau gewusst: Sie hofften auf Teilnahme am westlichen Konsumismus. Und die Westdeutschen hatten auch schon längst aufgehört, auf etwas anderes zu hoffen als auf immer mehr Konsum. Diese Haltung ist von Soziologen wie Gerhard Schulze als Nachfolge früherer Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod im Paradies entziffert worden. Da man an ein Nachleben nicht mehr glaubt, muss das Paradies schon während des Lebens gesucht werden. Was ja auch eine vernünftige Idee ist; nur ob das Paradies in immer mehr Konsum besteht, erscheint fraglich. Aber viele klammern sich daran und glauben, das Paradieserlebnis stelle sich deshalb nicht ein, weil sie immer noch zu wenig konsumiert haben. Wie auch immer: Sollte die Konsumfülle wegbrechen, ist es mit dem Leben in der Scheinhoffnung vorbei. Dann kann es zu sozialen Krisen kommen, weil die Menschen sich auf einmal erinnern, Hoffnungen zu haben, die vom Konsum nur verdeckt waren.Das eigentliche gute LebenDie Ampel hat natürlich gut daran getan, die Gaspreisbremse zu beschließen. Zugleich aber zeigt sich ihre ökonomistische Schwäche, die besonders der SPD vorzuhalten ist. Die SPD war doch einmal eine marxistische Partei, sie müsste wissen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern auch von der Hoffnung. Und sie hat schon einmal die historische Erfahrung gemacht, dass, wenn das Brot knapp wird, Faschisten falsche Hoffnungen schüren. Das war am Ende der Weimarer Republik. Es war der Ausgangspunkt von Ernst Blochs Überlegungen zum „Wärme- und Kältestrom“. Die SPD spricht heute vom Heizen, dessen Notwendigkeit außer Frage steht, spricht aber nicht vom Problem all der Energie, die zur Erzeugung überflüssigen Konsums vergeudet wird. Überflüssig ist er, wohlgemerkt, für die Konsument:innen, nicht aber für die kapitalistischen Erzeuger, die anders nicht zum Profitwachstum, vulgo Wirtschaftswachstum kämen. Da wäre es doch besser, auf den „Wärmestrom“ zu setzen, der heute in der Erforschung des guten Lebens bestünde. Beginnen wir endlich mit dieser Forschung! Das gute Leben der meisten würde sich auf weniger Konsum stützen. Die Ärmeren freilich bekämen mehr.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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