Filmgeschichte 1972 kam „Der letzte Tango in Paris“ in die Kinos; ein Klassiker, eine Zumutung und typisch für die 70er Jahre. Denn dieses Jahrzehnt erschuf Filme, die heute nicht mehr möglich wären. Schade und doch: Gut so


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Maria Schneider und Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“

Maria Schneider und Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“

Foto: Imago/Milestone Media

Das große Fressen, Im Reich der Sinne, Star Wars, Harold and Maude, Der weiße Hai, Clockwork Orange, Taxi Driver und Apocalypse Now, Polanskis Der Mieter, Coppolas Der Pate, Viscontis Der Tod in Venedig. Ein Blick zurück zeigt, dass unverhältnismäßig viele Filmklassiker aus den 1970er Jahren stammen. Es war ein cinematografisch besonders reiches, aber auch ein radikales Jahrzehnt. Filmszenen brennen sich ins Gedächtnis ein, etwa wie in Hitchcocks Frenzie (1972) der Krawattenmörder seine Leiche hinterlässt: wie eine hingeworfene Puppe mit abgeknickten, gespreizten Beinen, der Hals ist fest mit einer gestreiften Krawatte abgeschnürt und die Zunge hängt blöde aus dem Mundwinkel, 21, 22, 23, – endlose Sekunden lang nur diese Ein

52;rt und die Zunge hängt blöde aus dem Mundwinkel, 21, 22, 23, – endlose Sekunden lang nur diese Einstellung. „Die Bilder wurden in den siebziger Jahren aufdringlich“, schreibt die Filmwissenschaftlerin Claudia Lenssen, „man begann zu spüren, daß mit ihnen umzugehen, nicht mehr nur heißen konnte, sich kritisch zu distanzieren.“ Radikale Bilder gab es seither zuhauf, aber es ist die Mischung aus Wagnis, Geschmacklosigkeit und ausgehaltener Ambivalenz, die die Filme der 70er so besonders macht. Nehmen wir zum Beispiel Il portiere di Notte (The Nightporter) der italienischen Regisseurin Liliana Cavani von 1974. Charlotte Rampling spielt darin Lili, eine junge KZ-Überlebende, die bei einem Besuch in Wien 1957 zufällig auf ihren ehemaligen Peiniger trifft (gespielt von Dirk Bogarde), der jetzt als Nachtportier arbeitet, und es entspinnt sich eine sadomasochistische amour fou zwischen Opfer und Täter, die im KZ begann und sich in Friedenszeiten fortsetzt. The Nightporter provozierte einen Skandal, in den USA wurde er als „a piece of junk“ bezeichnet, und in Italien war er zunächst verboten. Tatsächlich schwankt Cavanis Film zwischen billiger NS-Staffage und einer extrem gut inszenierten, tief empfundenen Darstellung rückhaltloser Hingabe. Gegen Ende hin sehen wir Rampling und Bogarde 30 Minuten lang in ihrer Liebe verhungern, langsamer wird alles, schwächer, bis das Leben verwahrlost und fast ganz verglommen ist.Die 1970er Jahre waren eine Hochzeit des Skandalfilms, und die Bausteine der Geschichten waren Liebe, Sex, Gewalt, Wahnsinn, Ich und Tod. Von der Schlussszene in The Nightporter lässt sich eine Linie ziehen zu Nagisa Oshimas Im Reich der Sinne (1976). Skandalös ist Salo, die 120 Tage von Sodom (1975), ein Film, den Pier Paolo Pasolini vermutlich nur gedreht hat, um Faschisten Scheiße fressen zu sehen. Skandalös auf andere Weise sind Stanley Kubricks Clockwork Orange (1971), Der Exorzist (1973) und die Porno-Klassiker Behind the green Door und Deep Throat (1972). Berühmt und berüchtigt ist Der letzte Tango in Paris (1972) für die Szene, in der Marlon Brando zur Butter greift, um die junge Frau, die sich mit ihm im leeren Apartment trifft, dargestellt von Maria Schrader, anal zu penetrieren. Der Sex war nicht echt, wohl aber Schraders wütend-verzweifelte Tränen, weil sie von dieser demütigenden Szene, die so nicht im Drehbuch stand, völlig überrascht wurde.70er Jahre sind Coming of Age unserer GegenwartWas ist los mit den Filmen der 70er? Das Kino konnte experimentieren und sich neu erproben, weil in den USA 1967 der moralhütende Hays-Code aufgehoben worden war, und man einige Jahre später auch in Europa die Pornografie-Bestimmungen lockerte. Plötzlich war vieles vor der Kamera möglich und man probierte alles aus. Keine Frage: Die Radikalität der Filme der 70er Jahre verdankt sich zu einem guten Teil der Selbstverständlichkeit, mit der Frauen in ihnen schlecht behandelt werden konnten.Fast alle zeitdiagnostischen Einschätzungen sehen in den Siebzigern ein zerrissenes Jahrzehnt. Michael Rutschky spricht in seinem Essay „Erfahrungshunger“ von einer „allgemeinen Melancholie der 70er Jahre“, einem Lebensgefühl geprägt vom massiven Hangover nach 1968. Jens Balzer nennt die 70er ein „Jahrzehnt der Entfesselung“, eingespannt in eine eigenartige „Dialektik von Utopie und Utopieverlust“; sie seien „die Dekade, die den Glauben an die Zukunft verlor“, meint Philipp Felsch und Frank Bösch sieht in ihnen die „Vorgeschichte für die Herausforderungen unserer Gegenwart“. Alles, was uns heute beschäftige, habe hier angefangen: Digitalisierung, Umbau der Arbeitswelt, neoliberales Finanzsystem, das Bewusstsein einer ökologischen Katastrophe. Nichts ist eindeutig in diesem Jahrzehnt, das unruhig im Kern alle Widersprüche enthält, die sich später erst entfalten werden. Die 70er sind eine Pubertät, ein Aufbruch, das Coming of Age unserer Gegenwart. Die expressive Kraft des Kinos dieser Zeit hatte nicht nur mit den Aufhebungen der Zensurbeschränkungen zu tun, sondern auch mit den einmalig guten Produktionsbedingungen damals. Hollywood entdeckte den Autorenfilm, was dann unter dem Label „New Hollywood“ tatsächlich viele erstklassige, eigenwillige Produktionen ermöglichte. Und folglich ist dieses Jahrzehnt auch voll von Namen großer Regisseure: Kubrick, Altman, Visconti, Fellini, Pasolini, Cassavetes, Bergmann, Tarkowski, Polanski, Carpenter, Scorsese, Truffaut, Antonioni. Viele deutsche Filmemacher wurden international berühmt wie Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, und auch ungewöhnlich viele Regisseurinnen traten auf die Bildfläche: Chantal Akerman, Catherine Breillat, Helke Sander, Margarethe von Trotha, Helga Reidemeister, Lina Wertmüller, Ulrike Ottinger, Agnes Varda.Die aufregendste Kartoffelschälszene der KinogeschichteEiner der ungeheuersten Filme stammt aus dem Jahr 1975, trägt den langen Titel: Jeanne Dielman 23, Quai du commerce, 1080 Bruxelles und enthält die aufregendste Kartoffelschälszene der ganzen Kinogeschichte. Die Protagonistin ist in erster und fast ausschließlicher Weise eine Hausfrau – und zwischenzeitlich, genau einmal am Tag, immer zur selben Stunde nachmittags, empfängt sie bezahlenden Herrenbesuch. In diesem Film der Regisseurin Chantal Akerman wird kaum gesprochen, es gibt nur Räume, Geräusche und Gesten. In starren, immer frontalen Kameraeinstellungen sehen wir: Küche – Flur – Wohnzimmer – Flur – Badezimmer – Flur – Schlafzimmer. Jeanne Dielmann (Delphine Syring) knipst das Licht aus, wenn sie einen Raum verlässt, sie knipst das Licht an, wenn sie ihn betritt; ihre Schritte hallen auf den Dielen. Sie legt morgens schon ein Frotteetuch auf das glatt mit einer gesteppten Tagesdecke überzogene Bett, für den kleinen Schmutz, der bei jenem Beischlaf entsteht, der genau so lange dauern wird wie die Garzeit der Kartoffeln.Konzentriert und in zwanghafter Präzision vollzieht Jeanne Dielman die Haushaltsroutinen, und wir sehen ihr in Echtzeit dabei zu, wie sie dem Kaffee dabei zuschaut, wie er durch den Filter rinnt. Erstickende Panik beim Zuschauen tritt allerspätestens mit Minute 54 ein, wenn der nächste Tag angebrochen ist und alles wieder von vorn beginnt: die Zubereitung des Frühstücks, Dielman putzt die Schuhe für den Sohn, das Abspülen, jeder Löffel wird einzeln abgetrocknet. Und wir haben noch mehr als zwei Stunden Film vor uns, bevor ein Mord geschieht. Als Jeane Dielman bei den Festspielen in Cannes vorgeführt wurde, habe sie im dunklen Vorführsaal permanent das Klappen der Sitze gehört von all den ZuschauerInnen, die den Raum verließen, erzählte Chantal Akerman. Marguerite Duras habe beim Hinausgehen geschimpft „Cette femme est folle!“ (Diese Frau ist verrückt!). Am nächsten Tag war Akerman berühmt. Die meisten Filme der 70er Jahre sind anstrengend, und ihre Wirkung beschreibt ein Ausdruck aus der Risikofolgenabschätzung am besten: „hohe Eingriffstiefe“. Sie brennen sich fest. Radikal sind diese Filme, weil ihre Bilder grobkörnig sind, schonungslos und direkt, und weil die Zeit lang dauert in ihnen. Sicher, die Brutalität der Bilder ist noch größer geworden seither, aber die Sequenzen sind kürzer. Wer es schafft, dreieinhalb Stunden lang nicht aus dem Kinosessel zu fliehen, wer es schafft, Jeanne Dielman zuzuschauen, von Anfang bis Ende, wird berauscht sein von dieser Beklemmung. Subtilität war nicht die Stärke dieses JahrzehntsDie guten Filme der Vergangenheit stammen zum großen Teil aus den Siebzigerjahren. Die schlechten allerdings auch. Vieles ist Trash in dieser Zeit, missratene Filme gibt es en masse, langweilige Thriller, dumme Komödien, banalen Machismo und sehr einfach gestrickte Sozialkritik. Im Rückblick erscheint auch der Klassiker der Antipsychiatrie, Einer flog über das Kuckucksnest mit Jack Nicholson von 1976 eher peinlich. Subtilität war nicht die Stärke dieses Jahrzehnts. Es gab die Melancholie, es gab die Gewalt und den Wahnsinn und es gab Monty Python und das Duo Bud Spencer/ Terence Hill. Noch vor ein paar Monaten schienen die 1970er-Jahre weit weg, ein bisschen Kult, ein bisschen Nostalgie, aber auch sehr passé. Seit dem Beginn des Ukrainekrieges allerdings holt das Vergangene die Gegenwart ein, Putin hat uns zurückgebombt in den Kalten Krieg, so scheint es, und in die Energiekrise von 1973 – diese erste Erschütterung des Wirtschaftswunders muss sich ähnlich angefühlt haben wie die drohende Stagflation heute. Und doch ist alles anders. Schwierig ist es, genau festzumachen, worin der Unterschied besteht, mentalitätsmäßig, zwischen damals und heute. Mir scheint, er liegt im Umgang mit der Angst, die erst in den 1980ern spießbürgerlich wurde. Die siebziger Jahre dagegen erscheinen im Rückblick wie eine Zeit ohne Furcht und ohne Ideologie. Sie sind ein reines Experiment, das sich nicht scheute, das Leben aufs Spiel zu setzen. Rücksichtslos. Daher ist es, als blitzte hier das Versprechen einer waghalsigen, kompromisslosen Freiheit auf, das niemals eingelöst wurde.



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Von Veritatis

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