David Engels: „Unser materielles wie geistiges Erbe verteidigen“
Bild David Engels: zvg

Info-DIREKT-Interview mit Historiker David Engels über Krisenjahre als Chance für die identitäre Rückbesinnung Europas.

Dieses Interview wurde von Hans Krafft für das Magazin Info-DIREKT, Ausgabe 44, geführt

Info-DIREKT: Herr Engels, seit vielen Jahren beschäftigten Sie sich mit der Frage der europäischen Identität. Können Sie einen Überblick geben, zu welchem Ergebnis Sie bislang gekommen sind?

David Engels: Mein neuester Sammelband, „Europa Aeterna“, ist nichts anderes als der Versuch, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Dabei habe ich in meinen eigenen Aufsätzen versucht, auf diese Frage in zwei Schritten zu antworten. Auf der einen Seite gilt es zu berücksichtigen, dass die abendländische Identität tiefreichende Wurzeln hat, ohne deren Kenntnis sie gar nicht erst verstanden werden kann, etwa im Vorderen Orient (durch das Alte Testament), im klassischen Griechenland (durch die hellenische Philosophie), im antiken Rom (durch das dortige Staatsdenken) und natürlich in den verschiedenen Traditionen der romanischen, slawischen und germanischen Völker.

Doch ist diese abendländische Kultur nicht unmittelbar gleichbedeutend mit ihren Wurzeln: Vielmehr bin ich der Ansicht, dass diese Wurzeln nur das Rohmaterial darstellen, aus dem der abendländische Geist seine Nahrung bezog, und die er in etwas völlig Anderes und Neues umbildete. Dieser Geist gründet dabei ultimativ auf einer spezifischen kulturellen Prägung, die ich wie viele andere mit der Bezeichnung „faustisch“ umschreiben würde – eine seelische Verfassung, die beständig auf der Suche danach ist, sich selbst zu übertreffen und, auf ewig unzufrieden und neugierig, nach mehr zu streben.

Info-DIREKT: Einer breiteren Öffentlichkeit sind Sie 2013 mit Ihrem Sachbuch „Auf dem Weg ins Imperium“ bekannt geworden. Welche Entwicklung hat die EU Ihrer Meinung nach seit der Veröffentlichung genommen?

Engels: In meinem Buch hatte ich versucht, strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der Krise der späten römischen Republik im 1. Jh.v.Chr. und der gegenwärtigen westlichen Welt zu skizzieren. Dabei hatte ich vorhergesagt, dass wohl auch der Westen zunehmend von Wirtschaftskrisen, Parallelgesellschaften, populistischer Demagogie, paralysierten Institutionen, bürgerkriegsähnlichen Unruhen, ja vielleicht sogar echten Kriegen heimgesucht werden würde, bevor dann in etwa 30 Jahren auf den Trümmern der alten und diskreditierten Ordnung eine Art sozusagen „augusteisches“ Regime errichtet werden würde, das zwar mit Zustimmung der breiten Massen Ruhe und Ordnung wiederherstellen, gleichzeitig aber auch grundlegende Freiheitsrechte beschränken würde. Die letzten zehn Jahre haben viele dieser Punkte leider durchaus bestätigt, wie jeder Leser sich gut ausrechnen kann…

Info-DIREKT: Vor einigen Jahren haben Sie die „Oswald Spengler Gesellschaft“ mitgegründet, deren Präsident Sie sind. Welche Aktualität sehen Sie bei Spengler und dessen Werk?

Engels: Spengler prägt mich seit vielen Jahren. Dabei nehme ich eine durchaus ambivalente Position ein. Auf der einen Seite bin ich zwar fest davon überzeugt, dass die verschiedenen menschlichen Kulturen in etwa parallele Entwicklungen durchlaufen und ebenso wie biologische Organismen Verfall und Tod kennen. Auch stimme ich mit ihm darin überein, dass die abendländische Zivilisation nach etwa 1.000 Jahren Existenz in ihre Endphase getreten ist und zunehmend von Stagnation und Vergreisung geprägt sein wird. In vielen Einzelfragen hege ich aber durchaus abweichende Ansichten, wie ich in meinen verschiedenen Publikationen zu außereuropäischen Zivilisationen zu begründen suche, und empfinde auch Spenglers biologistischen Zugang zur Geschichtsphilosophie als etwas reduktiv, so dass ich mich meinerseits um eine eher dialektisch-idealistische Fundamentierung der Geschichtsmorphologie bemühe.

Info-DIREKT: In Ihrem Sammelband „Renovatio Europae“ sprechen Sie sich für einen hesperialistischen Neubau Europas aus. Was genau meinen Sie damit?

Engels: Mit Hesperialismus verbinde ich zwei eng zusammengehörende Gedanken. Auf der einen Seite die Überzeugung, dass nur ein positives Verhältnis zu unseren historischen Traditionen jenes wankende Fundament stabilisieren kann, auf dem die zunehmend einsturzgefährdete abendländische Kultur errichtet ist. Nicht durch Dekonstruktion, Cancel Culture und Kulturrelativismus, sondern nur durch eine bewusste Kontinuierung der großen Errungenschaften unserer Vorfahren kann es uns möglich sein, unser materielles wie geistiges Erbe zu verteidigen, im Hinblick auf die Realitäten des 21.Jahrhunderts weiterzuentwickeln und unseren Kindern unbeschadet zu überlassen. Auf der anderen Seite scheint es überdeutlich, dass ein Europa der über 30 Nationalstaaten unfähig ist, die gewaltigen Herausforderungen der Zukunft in Angriff zu nehmen und gegenüber der Expansion Chinas, der Bevölkerungsexplosion Afrikas, der Gewalttätigkeit des Islamismus, der problematischen Nachbarschaft mit Russland oder den imperialen Interessen der Vereinigten Staaten eine entsprechend starke, geeinte und effiziente Haltung einzunehmen – ganz zu schweigen von unseren zahlreichen inneren zivilisatorischen Verfallserscheinungen. 

Es ist also dringend notwendig, zumindest in einigen Kernbereichen eine enge Zusammenarbeit zu entwickeln, um das Überleben unserer inneren Vielfalt zu verteidigen, lehrt die Geschichte doch überdeutlich, wie groß das Risiko ist, dass Europa sich erneut zum Spielfeld der Interessen der neuen Weltmächte entwickelt.

Info-DIREKT: Wie würde sich ein solches hesperialistisches Europa von der Europäischen Union unterscheiden?

Engels: Auf der einen Seite ganz offensichtlich durch das positive Verhältnis zu unserem identitären Erbe, das im Gegensatz zur herrschenden Ideologie der EU nicht etwa unterdrückt, sondern in das Zentrum der Mission der europäischen Institutionen gerückt werden soll – daher eben auch die Notwendigkeit einer Präambel, die sich nicht in einer Aufzählung der weitgehend sinnentleerten universellen Werte des Lissaboner Vertrags erschöpft, sondern systematisch zeigt, wie jene Werte im Hinblick auf die spezifisch abendländische Identität interpretiert und gewissermaßen geerdet werden sollen. 

Auf der anderen Seite durch einen neuen institutionellen Ansatz: Anstatt die EU durch die Hintertür des „Sachzwangs“ („Méthode Monnet“) zu einem bürokratischen Monster zu entwickeln, dessen absurd weitläufigen Kompetenzen nie durch wirkliche demokratische Entscheidung legitimiert wurden, das aber auf den wirklich wichtigen Gebieten paralysiert bleibt, wollen wir den entgegengesetzten Weg gehen, nämlich die europäischen Kompetenzen auf einige wenige zentrale Felder beschränken, in denen sich tatsächlich ein Mehrwert durch europäische Zusammenarbeit ergeben könnte, alles andere aber weiterhin auf ihrer jeweils besten subsidiären Ebene belassen.

Info-DIREKT: Warum halten Sie einen solchen Europaentwurf für notwendig und vertreten nicht die klassisch-konservative „Zurück-zum-Nationalstaat“ Position?

Engels: „Konservativ“ ist eine solche nationalstaatliche Präferenz ja keineswegs, denn ich würde aus dem Blickwinkel des Historikers den Nationalstaat als eine recht junge und bereits weitgehend überlebte Erscheinung der europäischen Geschichte betrachten. Mein eigener Konservatismus erstreckt sich da auf ganz andere Zeitperioden, indem ich viel eher Struktur und Funktionsweise des Heiligen Römischen Reiches als die geeigneten Vorbilder für einen konservativen Neubau der EU betrachten würde – konservativ und übrigens gleichzeitig auch hochmodern, zeigt die vergleichende Geschichtsbetrachtung doch, dass Geschichte sich eher zyklisch als linear entwickelt, und unter dieser Voraussetzung eine Art Neomedievalismus oder Archäofuturismus nicht nur den konservativeren, sondern gleichzeitig auch aussichtsreicheren Lösungsansatz für die Probleme unserer Zeit darstellt. Ganz im Gegensatz zum nicht wirklich konservativen, sondern eher altbackenen Wunsch nach einer Rückkehr in die angeblich „guten alten“ Jahre des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders, hinter der meistens eher die private Nostalgie einer gewissen Generation steht.

Info-DIREKT: Aktuell steckt Europa in vielen Krisen. Inwieweit kann das Einfluss auf die identitären Kräfte Europas haben?

Engels: Schon vor vielen Jahren hatte ich befürchtet, dass nur eine schwere Krise auch die Möglichkeit zu einer identitären Rückbesinnung der Abendländer bringen könnte. Auch wenn es daher zynisch klingen mag, können wir daher erwarten, dass die anstehenden Krisenjahre durchaus als Katalysator einer fundamentalen identitären Wende fungieren könnten. Freilich sind die Konservativen nicht die Einzigen, die solche Erwartungen hegen, lesen wir doch auch auf der linken Seite des politischen Spektrums ähnlich, dass die größtenteils selbst hervorgerufene Wirtschafts- und Energiekrise ein idealer Ausgangspunkt für den überall besprochenen „Great Reset“ sein könnte. Nur die gegenwärtigen, sich als zentristisch verstehenden, faktisch weitgehend linksliberalen Regierungseliten dürften vor der zunehmenden Unzufriedenheit der Bürger Sorgen haben, was erklärt, wieso die tatsächliche Verantwortung für die seit langem anstehende große Krise der Covid-Pandemie und dem Ukraine-Krieg in die Schuhe geschoben wird…  

Über David Engels

David Engels, geboren 1979 in Belgien, ist Inhaber des Lehrstuhls für römische Geschichte in Brüssel und arbeitet gegenwärtig am „Instytut Zachodni“ in Posen (Polen). Bekannt wurde er u.a. durch seine Versuche einer Aktualisierung der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers. Mehr über David Engels und seine Arbeit erfahren Sie unter: www.davidengels.be

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Von Veritatis

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