Während in den meisten Gegenden auf der Nordhalbkugel die Weinlese schon seit Monaten vorbei ist, hat sie in einem kleinen Weinberg unweit von Stockholm bei Temperaturen von minus acht Grad und 15 Zentimetern Schnee gerade erst begonnen. „Es passt perfekt“, sagt Göran Amnegård, dessen Weingut Blaxsta für sich in Anspruch nehmen kann, eines der nördlichsten Weingüter des Planeten zu sein, als er und seine Mitarbeiter Mitte Dezember mit der Ernte beginnen.

Als Amnegård vor 22 Jahren seine ersten Trauben in der Nähe von Stockholm pflanzte, war Blaxsta eine von nur einer Handvoll kommerzieller Weinkellereien Schwedens. Heute ist es eines von immer mehr Weingütern in dem nordischen Land, das nach Ansicht von Experten auf dem besten Weg ist, sich zu einem Weinanbaugebiet zu entwickeln. Amnegårds Vidal-blanc-Trauben kriegen im Hochsommer bis zu 23 Stunden Tageslicht ab, bevor sie zu seinem preisgekrönten Eiswein verarbeitet werden, den er dann an Sterne-Restaurants verkauft. „Wir haben einen der einzigartigsten Terroirs, also Böden für den Weinanbau, der Welt“, sagt er.

Ein Weinberg nahe Stockholm

Obwohl die schwedischen Weinanbauflächen mit insgesamt 150 Hektar noch vergleichsweise klein sind, haben sie sich in den vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent vergrößert. Viele Beobachter der Entwicklung vor Ort erwarten, dass sich ihre Fläche innerhalb der nächsten fünf Jahre mehr als verdoppeln wird. Langfristige Prognosen gehen davon aus, dass in Schweden bald auf mehr als 10.000 Hektar Wein angebaut wird. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Durchschnittstemperatur in Schweden seit 1860 um 1,9 Grad erhöht hat, das ist fast doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt. Während die Wälder in Schweden darunter und unter trockenen Sommern leiden, profitiert der Weinanbau.

Der Inlandsabsatz von schwedischem Wein hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Systembolaget, die staatliche Kette von Schankwirtschaften mit einem Monopol für den Verkauf von alkoholischen Getränken mit einem Alkoholgehalt von mehr als 3,5 Prozent, rechnet vor, dass der Absatz von 19.388 Litern im Jahr 2017 auf 34.495 Liter in diesem Jahr bis zum 30. November gestiegen ist. Obwohl die Produktion immer noch sehr klein sei, meldet auch der Einzelhandel, dass Quantität, Qualität sowie Kundeninteresse im Wachsen begriffen seien.Experten zufolge gehören die globale Erderwärmung und der Anbau neuer Rebsorten zu den Faktoren, die die schwedische Weinproduktion beflügeln. Die wichtigsten Sorten, die in Schweden angebaut werden, sind Solaris, eine weiße Rebsorte, die 1975 vom Freiburger Weininstitut im Südwesten Deutschlands eingeführt wurde, und Rondo für Rotwein. Solaris zeichnet sich dadurch aus, dass sie sehr früh zu blühen beginnt und zugleich Frost gut aushält.Lotta Nordmark, Forscherin an der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften, erzählt, dass in Schweden vor allem Weiß-, Schaum- und Roséweine angebaut würden. Aber auch „orange Weine“ seien möglich, das sind Weißweine, die in der Verarbeitung wie ein Rotwein behandelt werden. Entscheidend für den Erfolg des Weinbaus seien vor allem die Verwendung krankheitsresistenter Rebsorten, nachhaltige Anbausysteme und die Möglichkeit, ohne die Beschränkungen durch traditionelle Appellationen zu experimentieren, sagt Nordmark.Placeholder infobox-1„Weinkenner interessieren sich für schwedische Weine, weil die Trauben eine lange Entwicklungszeit haben, einen hohen Säuregehalt, der ein interessantes sensorisches Spektrum ausbildet. Schon jetzt gewinnen schwedische Weine bei internationalen Weinwettbewerben an Boden.“Nordic Vineyards, das skandinavische Weine online vertreibt, gibt zu Buche, dass die meisten seiner Produkte von Kunden aus der Region gekauft werden, dass es aber zunehmend Anfragen aus ganz Europa und Asien, insbesondere aus Japan, gebe. Felix Åhrberg, Winzer bei Kullabergs Vingård in Skåne und Sekretär des schwedischen Industrieverbands für Önologie und Weinbau (SBOV), sagt: „Ich glaube, dass unsere Zeit jetzt wirklich gekommen ist.“ Die Entwicklung gehe in eine ähnliche Richtung wie beim britischen Schaumwein. „Das Potenzial beträgt 10.000 Hektar, das ist nur 4.000 Hektar weniger, als derzeit in der Schweiz angebaut wird. Wenn man da noch den Weintourismus mitrechnet, wäre es eine neue Milliardenindustrie.“Deutsche Sorten florierenSveneric Svensson, Vorsitzender des Branchenverbandes Svenskt Vin (Schwedischer Wein), schwärmt davon, dass die Solaris-Traube zwar in Freiburg geboren worden sei: „Aber hier hat sie ihre Heimat gefunden, weil sie in kürzerer Zeit reift.“ Und: „Die Leute sind es gewohnt, Chablis oder Sauvignon blanc zu trinken, aber wenn sie Solaris hören, sagen sie: ‚Was ist das?‘ Sie sollten ihn einfach mal probieren. Er ist sehr gut, ähnlich wie Sauvignon blanc.“ Der schwedische Weinjournalist Mikael Mölstad erzählt, dass sich der Weinbau vor allem im Süden des Landes, in Skåne, in 20 Jahren von einer „Kuriosität“ zu einer Szene mit ernsthaftem Potenzial entwickelt hat, mit Winzern und Weinmachern aus dem Ausland. „Heute hat Schweden, wie England vor 15 bis 20 Jahren, das Potenzial, mit der Weinqualität in den angesehenen Weinländern Europas zu konkurrieren.“Das derzeitige Wachstum ist wohl erst ein Anfang. „Die Politiker und Behörden müssen davon überzeugt sein, dass die Weinproduktion eine Zukunft für die schwedische Landwirtschaft hat. Dann werden auch größere Investitionen mit Risikokapital getätigt werden, um das Geschäft auszubauen. Schweden hat zwar einen gewissen Nachholbedarf gegenüber England, verfügt aber über ein enormes Potenzial“, sagt Mölstad. „Der Klimawandel begünstigt den Anbau, dazu kommen die sauberen und im Vergleich billigen Böden.“ Das Rennen unter europäischen Weinproduzenten, sich Böden in Schweden zu sichern, habe bereits begonnen.Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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