Hand aufs Herz: Haben Sie es nicht auch satt, ständig negative Nachrichten zu lesen? Bei denen man denkt, es seien „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“? Was sie aber leider nicht sind – denn es sind reale Neuigkeiten aus Deutschland. Über die Feiertage, zwischen den Jahren, möchte ich Ihnen ein Kontrastprogramm bieten, aus meiner Zeit in Russland. Zum Entspannen und Schmunzeln. Voilà:


Meine Nervosität verrät mich. Seelenruhig sitzen zwei Dutzend Männer und Frauen auf den Sesseln in der „Sberbank“, der Sparkasse, an der Moskauer Marxistskaja-Straße. Ich laufe mir zwischen ihnen wie ein Tiger im Raubtierkäfig die Füße platt. „Otschered“, sagen die Russen und zucken mit den Schultern. „Otschered“ heißt Warteschlange. Was für die Moskauer die normalste Sache der Welt zu sein scheint, wird für den warte-unwilligen Ausländer schnell zur Geduldprobe: Auf die anderen Wartenden muss ich mit meiner Unruhe wie ein Außerirdischer wirken – oder ein Drogen-Junkie auf Entzug.

Ich habe die Nummer 412 gezogen. Auf der Leuchttafel erscheinen immer noch Nummern, die mit einer „3“ beginnen. Ich muss mich also noch gedulden, bis ich endlich in die glückliche Lage komme, meine Miete einzahlen zu dürfen. „Dreizehn Jahre Russland – und kein bisschen weiser“, sage ich mir: Warum lerne ich es nie, wie die Russen in der Warteschlange einfach seelenruhig ein Buch zu lesen. Oder einfach nur leblos vor mich hinzustarren, offenbar eine Art Warteschlangen-gerechte Meditation.

‘Erstehen‘ statt kaufen

Dabei sind die Warteschlangen heutzutage in Russland fast vom Aussterben bedroht. Zumindest im Vergleich zu früher. Vom Wohnungserwerb (ab 20 Jahre warten) über den Kauf von Auto (rund 10 Jahre) und die Waschmaschine (rund ein Jahr), bis hin zu Wurst (bis zu fünf Stunden) und Brot (bis zu einer Stunde) – zu Sowjetzeiten war weniger der Preis einer Ware entscheidend darüber, ob man sie erwerben konnte, als die Wartezeit. Kein Wunder, dass in der russischen Umgangs-Sprache das Wort „kaufen“ durch das Wort „erstehen“ ersetzt wurde, was durchaus wörtlich zu verstehen war (ebenso wie die Verkäufer Ware nicht „verkauften“, sondern entweder großzügig „hergaben“ oder eben „zurückhielten“ – für Freunde und Bekannte).

Heute sind die Schlangen in Moskaus Supermärkten meist kürzer als in Deutschland. Nur noch in einigen auserwählten Bereichen ist die alte Sowjet-Tradition lebendig. Ausgerechnet bei den Banken. Auf dem Weg in mein Büro und zurück bewundere ich fast täglich, mit welcher Geduld die Kunden der Bank im Erdgeschoss auf Erhörung am Schalter warten. An Tagen, an denen die Warteschlange nicht weit auf die Straße hinausreicht, mache ich mir fast schon Sorgen um das Finanzsystem in meiner Wahlheimat.

Ursache für den Andrang auf die Banken ist, dass die meisten Russen beim Wort Giro eher an ein italienisches Radrennen denn an ein Konto denken und vom Strom über das Gas bis hin zum Telefon die meisten laufenden Kosten bar einzahlen. Bei größeren Ausgaben muss der „Zahlende“ schon einmal das Überweisungsformular in fünffacher Ausfertigung handschriftlich ausfüllen, sämtliche Passdaten inklusive.

Es gibt auch Schlupflöcher

Weitere Warteschlangen-Gedenkstätten sind die Metro-Stationen, in denen das Rad der Zeit rückwärts zu laufen scheint: Denn im Gegensatz zu Sowjetzeiten sind sie heute Automaten-freie Zonen, der Ticket-Verkauf ist reine Handarbeit. Vor allem um den Monats-Ersten herum, wenn die Monatskarten ihre Gültigkeit verlangen, steht der Kunde oft länger an der Kasse als später im Waggon.

Die qualifiziertesten Spezialisten für das künstliche Erzeugen von Warteschlangen sind die Staatsdiener, von der Pass-Behörde bis hin zur Steuerinspektion. Do sie alle übertrifft die Verkehrspolizei: Ob bei der Zulassung eines neuen Wagens oder bei den Kontrollpunkten an den wichtigen Einfallstraßen – die Männer in ihren globigen Uniformen könnten es mit den Zeitdieben aus Michale Endes Roman „Momo“ aufnehmen.

Das russische Know-How in Sachen Warteschlangen lässt auch den ausländischen Amtsschimmel nicht kalt. Wirft der Westen den Russen heute Industrie-Spionage vor, so scheinen die Botschaften vieler EU-Länder und der USA sich zu revanchieren, indem sie von den Russen die hohe Kunst des Warteschlangen-Erzeugens abschauen. Jedenfalls scheinen die Visa-Stellen mancher Länder die russischen Lehrmeister zu übertrumpfen in dem Geschick, möglichst viele Menschen möglichst lange unnötig warten zu lassen.

Und wie im richtigen Leben gibt es auch bei den Visa-Stellen gleiche und gleichere. Wer gegen gepfeffertes Entgelt ein Reisebüro einschaltet, kann die Warteschlangen oft vermeiden – oder zumindest das Stehen in derselben an einen Reisebüro-Mitarbeiter delegieren.

Auch zu Sowjetzeiten gab es in den Warte-Schlupflöcher. Invaliden und Kriegsveteranen hatten das Privileg, vom Schlangestehen befreit zu sein. Einer meiner glücklichsten Momente zu Gorbatschows hungrigen Mangel-Zeiten, die im Westen als „Perestroika“ bekannt sind, war es denn auch, als mich Anna Georgewna, Mutter meines Vermieters und verdiente Frontkämpferin, einlud, mit ihr einen Einkaufsmangel zu machen – durch Geschäfte, in denen es damals weitaus mehr wartende Menschen als Ware gab. Mit ihrem Veteranen-Ausweis manövrierte sich Anna Georgewna in jugendlichem Elan an jeder Schlange vorbei. Nur einmal kam es fast zum Debakel: Ich entging nur knapp dem Lynchen durch die wütende Menge, als mir Anna Georgewna, nachdem sie sich geschickt an die Spitze der Schlange gesetzt hatte, an den hungrigen Wartenden vorbei durch den halben Laden zurief: «Wie viel Gramm Käse wolltest Du?“ Anna Georgewna rettete ihr Status, mich meine schnellen Beine.

Anna Georgewna, Gott habe sie selig, musste es nicht mehr erleben, wie das Veteranen-Privileg mangels Warteschlangen heute de facto wertlos wurde. Ein modernes Warteschlangen-Management-System wie das in meiner Sparkasse mit Nummernzettel hätte sie als überzeugte Kommunistin sicher als Anzeichen westlicher Dekadenz verurteilt.

Auf dem Display erscheinen die ersten Zahlen, die mit einer vier beginnen. Noch zehn andere Kunden bis zu meiner „412“. „Haben Sie es eilig?“ fragt mich eine alte Frau. „Wir Westler haben es immer eilig, zumindest glauben wir es“, antworte ich ihr. „Wir haben unser ganzen Leben immer gewartet“, sagt die alte Dame mit einem breiten Lächeln: „Bei uns fährt man von einem Ende des Landes ans andere mit dem Zug sieben Tage, Russland ist so riesig, so unendlich weit, dass wir Demut vor der Zeit gelernt leben. Hetze könnten wir Russen uns gar nicht leisten.“

Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut!

Bild: Sergieiev/Shutterstock

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Von Veritatis

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