Neuerdings gibt es in Berlin-Schöneberg eine Population der Gottesanbeterin. Die Weibchen der Mantis religiosa, wie der wissenschaftliche Name der Fangschrecke lautet, werden bis zu acht Zentimeter groß. Männchen sind deutlich kleiner. Und sie leben deutlich gefährlicher: Die Gottesanbeterin betreibt sexuellen Kannibalismus, nach der Begattung frisst das Weibchen den Mann. Nicht nur das: Hungrige Weibchen können viele Duftstoffe produzieren, um auf männliche Tiere zur Paarung bereit zu wirken. Sind sie aber gar nicht, sie sind nur hungrig.

„Zu meinen Studienzeiten in den 80er Jahren gab es in Deutschland nur eine kleine Population im Kaiserstuhl“, sagt Horst Korn vom Bundesamt für Naturschutz. Das kleine Mittelgebirge vulkanischen Ursprungs in der Oberrheinischen Tiefebene zählt mit seinem mediterranen Klima zu den wärmsten Orten Deutschlands. Aber dann begann der Klimawandel mit immer wärmer werdenden Sommern und immer milderen Wintern: Viele Insekten, denen es früher hierzulande zu kalt war, breiteten sich aus dem Süden immer weiter nordwärts aus. Die ursprünglich aus Afrika stammende Gottesanbeterin ist heute bereits in ganz Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beheimatet, auch im Saarland gibt es stabile Populationen. Und eben in Berlin-Schöneberg.

West-Nil-Virus am Rhein

Solche Entwicklungen klingen skurril, sind manchmal aber lebensgefährlich. Die Asiatische Tigermücke zum Beispiel stammt, wie der Name sagt, aus den Asiatischen Tropen. Im Zuge der Globalisierung kam sie nach Europa, sie reiste im Ei-Stadium in Warencontainern auf Schiffen. Vermutlich in den 1990er Jahren erreichte sie Italien, breitete sich fast im ganzen Land aus und gelangte mit dem Klimawandel dann weiter Richtung Norden. Erstmals in Deutschland wurde eine Asiatische Tigermücke (genauer: von ihr abgelegte Eier) 2007 entdeckt, tief im Südwesten, auf dem Rastplatz Rheinaue an der Autobahn A5 in Baden-Württemberg. Heute ist sie hierzulande heimisch. Stabile Populationen der Aedes albopictus wurden mittlerweile in Freiburg, Heidelberg, ja sogar im thüringischen Jena nachgewiesen.

Das Unangenehme an der Asiatischen Tigermücke ist: Sie verbreitet Tropische Krankheiten wie das Dengue-Virus, das Chikungunya-Virus oder das West-Nil-Fieber-Virus. 2020 wurden bereits über 50 Fälle von West-Nil-Virus in Deutschland registriert, im kühleren Jahr 2021 waren es vier. Einer von 100 Patienten erkrankt lebensgefährlich, es ist also nur eine Frage der Statistik, ob der erste West-Nil-Fieber-Tote hierzulande 2022 zu beklagen war – oder doch erst 2023 sein wird.Möglich wird das nicht nur durch wärmere Sommer, sondern auch durch kürzere Winter. „Aufgrund der Klimaerwärmung können wir feststellen, dass der Winter im Schnitt mindestens zehn bis 14 Tage kürzer geworden ist. In der Folge fangen Frühling, Sommer und Herbst deutlich früher an“, sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Nicht nur das: Frost wird immer seltener. 2020 gab es nur noch 63 Tage, an denen das Thermometer unter null Grad fiel, in der Dekade von 1961 bis 1970 waren es noch durchschnittlich 99 Frosttage pro Jahr. Auch der „knackige“ Frost verschwindet: Im Jahr 2020 gab es noch ganze vier „Eistage“; Tage, an denen die Temperatur 24 Stunden unter null Grad blieb.Das verbessert einerseits die Chancen der zugezogenen Arten. Andererseits erhöhen milde Wintertemperaturen aber die Überlebenschancen jener Insekten, die manche immer noch als „Schädlinge“ bezeichnen: Mücken, Blattläuse, Borkenkäfer, Eichenwickler, Holzböcke sterben nicht, wenn knackiger Frost ausbleibt. Sie sind dann im kommenden Jahr vermehrt am Start.Placeholder infobox-1„Nützlinge“ wie Bienen oder Hummeln bringen die milden Winter dagegen schlichtweg um: Sie halten Winterruhe, fliegen jedoch bei lauen Temperaturen aus, weil sie die für den Beginn des Frühlings halten. Vor einem Jahr vermeldete der Deutsche Wetterdienst viele neue Temperaturrekorde zu Silvester, 16,5 Grad zum Beispiel an der Wetterstation Dresden-Strehlen. Wenn Hummeln oder Bienen jetzt aus ihrer Winterstarre aufwachen, finden sie keine Nahrung, da es weit und breit keine Blüten gibt. Sie müssen von ihren Fettreserven zehren, die sie eigentlich bis zum Frühjahr bringen sollen. Bei einem neuerlichen Kälteeinbruch droht ihnen der Hungertod.Zudem bedroht fehlender Frost einheimische Insekten ganz grundsätzlich. Der Moselapollofalter beispielsweise ist weltweit nur im Moseltal anzutreffen, wo er an den felsigen Steilhängen die Futterpflanze für seine Raupen findet, die Weiße Fetthenne. Normalerweise überwintern die Raupen bis zum April – aber wegen der ausbleibenden Frosttage schlüpfen sie jetzt immer früher und finden dann kein Futter, weil die Fetthenne noch nicht herangewachsen ist.Nun könnte man fragen: Brauchen wir den Moselapollofalter, oder kann der vielleicht weg? Horst Korn vom Bundesamt versucht die Antwort mit einer Gegenfrage: „Brauchen wir denn den Kölner Dom?“ Der Biologe meint das völlig ernst. Natürlich betreffe das Überleben bedrohter Spezies einen kulturellen Aspekt: „Wir Menschen haben Verantwortung – für das Überleben des Moselapollofalters genauso wie für den Erhalt dieses berühmten Gotteshauses.“ Denn die Erderwärmung sei ja kein Naturphänomen, „sie ist menschengemacht, also von uns“. Es gebe aber auch eine ökonomische Antwort, sagt Korn: „Eine reiche genetische Artenvielfalt sichert uns Menschen das Überleben.“ Funktionierende Ökosysteme seien unverzichtbar für uns, „als Lieferant für Trinkwasser, Rohstoffe und Nahrung, als Speicher für Kohlendioxid, als Produzent nährstoffreicher Böden“. Und zu einem funktionierenden Ökosystem gehöre nun einmal der Moselapollofalter dazu.Es braucht den WechselDas mag übertrieben klingen, aber wenn man sich die Forschungsarbeit von Rita Adrian anschaut, wird es sehr konkret. Die Professorin für Ökosystemforschung untersucht, wie sich die milden Winter auf Deutschlands Binnengewässer auswirken. Die meisten Seen Deutschlands sind flach, sie sind geprägt von einem starken jahreszeitlichen Wechsel: Im Winter liegt die kalte Wasserschicht oben und die warme am Grund, im Sommer ist es umgekehrt. Weil sich die Schichten im Laufe der Jahreszeiten unterschiedlich aufwärmen und abkühlen, Wasser deshalb mal aufsteigt, mal absinkt, durchmischen sich die Seen auf natürliche Weise. Sauerstoffreiches Wasser von der Oberfläche gelangt so in die Tiefen.Der Klimawandel aber bringt diese Zirkulation zunehmend durcheinander. In milderen Wintern kühlen die Seen nicht mehr so stark aus und frieren seltener zu, im Frühling und Sommer erwärmen sich die oberen Wasserschichten stärker und schneller. Dadurch verfestigt und verlängert sich die sogenannte thermische Schichtung der Seen. „Sauerstoff, der in den oberen lichtdurchfluteten Wasserschichten produziert wird, kann nicht mehr in die Tiefe transportiert werden“, erklärt Rita Adrian. „Der Sauerstoffgehalt ist aber entscheidend für die Gesundheit eines Sees.“Im Ergebnis kann das Tiefenwasser gänzlich sauerstofffrei werden. Und dies wiederum setzt im Sediment gebundene Nährstoffe frei, was zu einer zusätzlichen Düngung des Sees führt. Das klingt zwar vorteilhaft, ist es für die Gewässer aber nicht: Sie werden überdüngt, Algenblüten nehmen zu. Cyanobakterien sind die Hauptprofiteure des Klimawandels in den hiesigen Seen: Hohe Temperaturen, hohe Nährstoffkonzentrationen und eine stabile thermische Schichtung führen zu ihrer starken Blüte.Cyanobakterien, das sind jene, die wir als schlierenartige Blaualgenblüte kennen, die in heißen Sommern in manchem See den Badespaß verderben. Schluckt der Mensch Wasser, das solche Bakterien enthält, kann das zu Magen- und Darminfekten führen. Der Klimawandel verdirbt uns also nun auch noch den Badespaß!



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Von Veritatis

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