Wisst ihr noch, wie Michel aus Lönneberga zur Auktion auf Backhorva war? Er ersteigerte dort einen Brotschieber, eine Wasserspritze gegen Feuer, ein Samtkästchen, ein Pferd und Hinke-Lotta, die Legehenne. Er hatte eine gute Zeit, doch dann kam eines zum anderen: Die Magd Lina schäkerte mit dem alten Krakstorper herum, was Bullte aus Bo gar nicht gefiel, der herum pöbelte, woraufhin Michel ihm den Brotschieber in den Hintern rammte, woraufhin Bullte Michel packte, woraufhin Alfred, der Knecht, sich einmischte, und da „Alfred auch kräftig war“ und „keiner Schlägerei aus dem Weg“ ging, dauerte es keine zwei Sekunden, bis er und Bullte zusammenprallten, und, so schreibt es jedenfalls Astrid Lindgren: „Das war ungefähr das, worauf alle gewartet hatten“, denn „wollen wir nicht bald ’ne Prügelei anfangen?“, das hatten sich wohl „schon mehrere Bauernknechte gefragt, und nun kamen sie von allen Seiten angerannt und wollten mitmachen.“ Kurz darauf lagen also die Männer in einem großen Haufen aufeinander, „rissen und zerrten und schrien und bissen und hämmerten und schlugen und fluchten und juchten“.

Zwar war damals auf Backhorva kein Silvester, aber es knallte offenbar ordentlich auf den Auktionen im Süden Schwedens Anfang des 20. Jahrhunderts, und angesichts der Debatten um die knallende Silvesternacht 2022 in Berlin muss man sich rückblickend wohl besorgt fragen, welch schlimmes Gewaltpotenzial das Christentum in Form des skandinavischen Protestantismus zu jener Zeit hervorbrachte, dass all die gläubigen jungen Männer dermaßen in Aggressionen verfielen und andere angriffen.

Astrid Lindgren allerdings erklärte die Prügeleien der Knechte keineswegs religiös: „Nun musst du wissen“, schreibt sie zur Verteidigung des Bullte aus Bo, der als Raufbold und Säufer bekannt war, „dass ein Bauernknecht damals das ganze Jahr hindurch arbeitete und sich abrackerte und fast nie zu einem Vergnügen rauskam. Deshalb war so eine Auktion ein Riesenspaß für ihn, und dann wollte er sich gern prügeln. Er wusste ja sonst nicht, was er mit all der vielen Kraft anfangen sollte, die plötzlich in ihm aufstieg, wenn er unter Leute kam und wenn er dann noch einige kräftige Schnäpse gekippt hatte.“

Die einen prügeln, die anderen schreien

Die viele Kraft, nun ja, da fragt man sich natürlich: Was ist denn mit all den Frauen auf den Auktionen in Lönneberga? Spüren sie keine Kraft in sich aufsteigen, wenn sie unter Leute kommen? Auf Backhorva jedenfalls machen die Frauen allesamt das Gleiche wie die Magd Lina: sie „weinten und schrien ganz schrecklich“, wie übrigens auch Michels Papa und „andere vernünftige Bauern, die sich für Schlägereien zu gut waren“.

Und da wären wir, auf der Berliner Sonnenallee in der Silvesternacht, über der ich nämlich auf einem Balkon thronte, die Knechte, äh Neuköllner Kids, mit ihren Büchsen beobachtend, wie sie „Peng! Peng!“ machten, ganz wie der schwedische Boy Michel mit seiner Büchse, und die sich erst untereinander, dann mit der Polizei, und dann mit einem Rettungswagen anlegten. Da stand ich also mit den anderen Frauen und “vernünftigen Bauern”, die sich für Schlägereien zu gut waren, allerdings weinten und schrien wir nicht ganz schrecklich. Wir starrten wie gebannt auf die Männer, die, mit Raketenbatterie in den Händen, auf der Kreuzung herumstolzierten wie die Gockel, mit heraus gedrückter Brust und erhobener Nase, und die Raketen auf die Menschen in den anderen Häuserecken abfeuerten. Es knallte ordentlich und wir alle murmelten auf unserem Balkon: „Es ist schlimm, aber irgendwie ist es auch faszinierend, ich kann nicht wegsehen.“

Die Bauernknechte knallen, und die Frauen und vernünftigen Bauern schauen zu und finden es schlimm und faszinierend. In Lönneberga 1900 war das keine Staatsaffäre. In Berlin 2023 schon. Dass auch Ordnungshüter und Helfende einen Seitenhieb abbekommen, ist bei einer ordentlichen Prügelei dabei vermutlich kein neues Phänomen. Aber ist ja auch Wahlkampf.

Keine Böllerei ohne Zuschauer:innen

Wer heutzutage aus Gründen der Emanzipation prügelnde Männer wirklich nicht mehr sehen will, der oder die sollte wohl weniger fasziniert zuschauen – und überlegen, ob das eigene Weiden an der Debatte und an den Bildern der Prügelnden nicht vielleicht auch etwas mit der „vielen Kraft“ zu tun hat, die wir selbst rauslassen müssen. Denn im Geschlechterverhältnis steht schließlich kein Geschlecht für sich allein: Zu den böllernden Jungs gehören immer auch die Frauen. Und die weinen und schimpfen nicht nur, sie verbinden nicht nur hinterher die verbrannten Finger, sondern sie schauen auch zu. Ebenso wie jene Männer, die nicht selbst böllern, sich aber fasziniert an die Balkonbalustrade klammern und grinsend auf ihre Geschlechtsgenossen hinab starren.

Keine Böllerei ohne Zuhörende, keine Prügele ohne Gafferinnen. Kann es sein, dass auch wir Frauen und Bauern unsere „viele Kraft“ an Silvester herauslassen, nur nicht an der Polizei, sondern an den böllernden Knechten? Dass wir uns entweder fasziniert an ihrem Herumgeknalle weiden, oder hinterher in unserer öffentlichen Ablehnung des Herumgepöbeles und Gebölleres weiden, oder gar: beides? Aber klar, das tun sie natürlich rein verbal, die ach so vernünftigen Bauern. Und Frauen.

Und dann gibt es noch jene Männer und Frauen, die wirklich nicht zuschauen. Und die auch hinterher nicht groß herumschimpfen. Wie klein-Ida. Für all die anderen Zuschauer*innen auf dem Balkon aber gilt noch heute, was Astrid Lindgren schon riet: „Das musst du dir merken, wenn du jemals in eine Schlägerei gerätst und sie beenden willst: Kaltes Wasser ist besser als ein Brotschieber. Vergiss das nicht!“



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Von Veritatis

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