An Schlaflosigkeit leidende Menschen tun es mitten in der Nacht. Hundebesitzer tun es, während sie im Park herumlaufen. Manche tun es im Fitness-Studio. Ich selbst habe mir seit kurzem angewöhnt, es allein im Auto zu tun – auf langen Reisen Richtung Norden in der Dunkelheit, wenn ich Ablenkung von allem brauche, was mir im Kopf herumspukt.

Die Rede ist vom Hören; genauer: Dinge anzuhören, die man früher eher gelesen hätte. Hörbücher und Podcasts sind immer weiter verbreitet. Das Gleiche gilt für Sprachnachrichten – diese schnell selbst aufgenommenen Clips, die zunehmend getippte Text-Nachrichten ersetzen und je nach Absender von einer kurzen Sprachnachricht bis zu einem ausufernden inneren Monolog reichen. Die Zunahme spiegelt einen anhaltenden Generationenwandel bei der Art und Weise wider, wie wir die Welt aufnehmen und vielleicht auch verstehen: von den Augen hin zu den Ohren.

Ist Lesen wirklich die höhere Kunst?

Lesen fühlt sich instinktiv wie die höhere Kunst an. Das liegt vielleicht daran, dass Gute-Nacht-Geschichten früher ausschließlich Kindern vorbehalten waren und mündliches Erzählen mit primitiveren Kulturen vor Erfindung der Druckerpresse assoziiert wird. Aber ist das fair? Angenommen, der Aufwand, den es bedeutet, sich hinzusetzen und geschriebene Worte mit eigenen Augen zu entziffern, sollte in den kommenden Jahren nach und nach in den Hintergrund treten. Das wäre so ähnlich wie die Entwicklung, dass die altmodische Bindung an ein Festnetztelefon durch die Freiheit eines Handys in der Tasche ersetzt wurde und Bargeld durch die Effizienz von Kreditkarten. Sollte also die Verschiebung hin zum Hören verstärkt kommen: Was genau hätten wir dann verloren?

Dabei ist Lesen noch sehr lange nicht tot. Der Lockdown hat die Vorliebe für den Rückzug mit einem guten Roman zur Freude der Buchverlage wieder aufleben lassen: Mehr als ein Drittel der Leute sagt, dass sie mehr lesen, um ihre Tage zu füllen. Aber auch der Hörbuchmarkt, auch wenn er noch klein ist, legte zu. Im Pandemiejahr 2021 verzeichnete er abermals ein zweistelliges Wachstum. Und der Podcast-Sektor wächst schneller als jedes andere Medium. Laut einer Rajar-Umfrage im vergangenen Sommer verfolgt fast jeder fünfte Brite mindestens einmal in der Woche einen Podcast. In Deutschland sieht es ähnlich aus.

Wenn die Welt zusammenzubrechen scheint, ist es tröstlich, sich von jemandem eine Geschichte erzählen zu lassen. Das gilt selbst dann, wenn es eine etwas apokalyptische Geschichte ist, angesichts der Dominanz von Nachrichten und Politik an der Spitze der Apple Podcast-Charts. Besonders Millennials scheinen ganz Ohr zu sein. Katie Vanneck-Smith ist frühere Wall Street Journal-Chefin und Mitbegründerin der „Slow news“-Webseite Tortoise, deutsch: Schildkröte, die der Nachrichtenflut mit „langsamen Nachrichten“ begegnen will. Vanneck-Smith räumte kürzlich ein, dass sich ihre Abonnement:innen (die zumeist unter 39 sind) auf die Frage, was sie lesen wollten, in einer Sache einig waren: „Eigentlich lese ich nicht, sondern ich höre“.

Hören ist für all die Multitasker

Für manche mag das irritierend nach der sprichwörtlich geringen Gehirnleistung eines Goldfischs klingen. Aber mir ging es genauso, als ich nach der Geburt im Mutterschutz war und keine zehn Minuten am Stück zu finden schien, um mich ungestört mit der Zeitung hinzusetzen. Ich ließ den halben Tag lang das Radio laufen, um den Anschein von Unterhaltung unter Erwachsenen zu erzeugen. Meine alte Nachbarin ist ein anderes Beispiel. Sie war früher eine unersättliche Leserin, ist aber mittlerweile fast blind. Zufrieden konnte sie stundenlang altmodische Hörbuch-Kassetten hören, solange ihr ab und zu jemand half, die nächste Kassette zu finden. Und dann gibt es die Jugendlichen, die permanent ihre Kopfhörer tragen und den zusätzlichen Vorteil haben, dass sie ihre Eltern nicht hören.

Aber auch ihre Eltern sind Teil des Trends: All die überlasteten, hektisch Multitasking betreibenden Menschen mittleren Alters, die versuchen, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten, den sie in einer informationsübersättigten Welt zu verpassen fürchten, während sie joggen gehen oder das Abendessen kochen. Das vergangene Jahr verbrachte ich abwechselnd damit, über Politik zu schreiben und dabei zu helfen, den Politics Weekly-Podcast des Guardian zu machen. Die Themen sind die gleichen. Aber ich weiß aus Erfahrung, dass die Podcast-Hörerschaft eher gleichzeitig die Spülmaschine einräumt.

Und dennoch herrscht weiter die Idee vor, dass Hören flüchtig oder unseriös ist, etwas für Drückeberger, die nicht bereit sind, die harte Arbeit zu machen. Bei einer YouGov-Umfrage im Jahr 2016 hielten naserümpfende 55 Prozent Hörbücher für eine „weniger gute“ Art und Weise, Literatur zu konsumieren. Nur zehn Prozent fanden, dass ein Buch zu hören, komplett gleichwertig damit ist, es zu lesen. Die Ansicht, dass Hören Mogelei sei, hält sich hartnäckig. Dagegen findet niemand Studierende faul, die Vorlesungen besuchen. Auch der Besuch eines Theaterstücks gilt nicht als intellektuell weniger anspruchsvoll, als das Stück zu Hause zu lesen.

Hören bringt die Intimität – Lesen die Romantik

Für eine Studie bat Beth Rogowsky, Erziehungswissenschaftlerin an der Bloomsburg University of Pennsylvania, zwei Gruppen Studierende, ein Non-Fiction-Buch zu lesen oder die Audioversion davon zu hören. Dabei zeigte sich kein nennenswerter Unterschied bei dem, was die Studierenden inhaltlich mitnahmen. (Der US-amerikanische Psychologe und Experte für Leseverständnis Daniel Willingham weist allerdings darauf hin, dass das Lesen gedruckter Medien ermöglicht, schwierige Stellen, die nicht beim ersten Mal verstanden wurden, noch einmal zu lesen oder innezuhalten, um über das Gelesene nachzudenken.)

Hören bringt zudem eine gewisse Intimität mit sich, eine Beichtatmosphäre, die zu offenherzigen Interviews und tabubrechenden Diskussionen über Sex, Menopause oder Erziehungsfragen passt. Und ein Buch von dem Autor oder der Autorin gelesen zu hören, lässt einen manchmal durch Stimme oder Betonung eine Bedeutung verstehen, die man sonst nicht mitbekommen hätte. Ähnlich eignen sich Sprachnachrichten auch für meist mit Unsicherheit kämpfende junge Leute, weil sie weniger aufdringlich sind als ein Anruf und nicht so leicht missverständlich sind wie Text-Nachrichten. So können Empfänger:innen zum Beispiel Ironie heraushören, was das Risiko senkt, unbeabsichtigt jemanden zu verärgern.

All die emotionalen Erinnerungen fehlen

Am meisten stört mich am Zuhören vielleicht, dass es schwieriger ist, es mit anderen zu teilen. Man kann Freunden einen Podcast empfehlen, aber man kann ihn nicht auf dem Sitz im Zug oder der S-Bahn für den nächsten Passagier liegen lassen, wenn man aussteigt, wie ich es mein Leben lang mit der ausgelesenen Zeitung getan habe (und wer weiß, was eine lebenslange Beziehung zu einer Zeitung auslösen kann …). Man kann auch seiner Patentochter kein Hörbuch mit kaputtem Buchrücken und Eselsohren schenken, das einem alles bedeutete, als man in ihrem Alter war. Und man wird nie ein altes Hörbuch in einem Trödelladen kaufen und darin die verblassten Notizen finden, die jemand an den Rand gekritzelt hat. Oder eine lang vergessene, als Lesezeichen benutzte Postkarte, die einen auf die Person neugierig macht, die sie verschickt hat. Man kann auch nicht eine fremde Person am anderen Ende des Zuges beobachten und sich aufgrund des Podcasts, den sie gerade hört, für oder gegen sie entscheiden, da man nicht einmal wissen kann, ob sie überhaupt einen hört. Papier wird bei einem Stromausfall nicht nutzlos. Es hinterlässt keine elektronischen Spuren in Zeiten und Gesellschaften, in denen vom Regime nicht gebilligte Informationen verdeckt im Untergrund weitergegeben werden müssen.

Ich glaube also nicht, dass das Lesen jemals komplett durch Hören verdrängt wird. Wie Schallplatten werden handgeschriebene Liebesbriefe und das Kino im Zeitalter des Fernsehens weiterleben, weil sie Genuss oder Romantik bringen, aber auch, weil manchmal nichts Anderes passt. Aber sollte sich herausstellen, dass ich mich irre – von mir haben Sie es nicht gehört.



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Von Veritatis

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