Dass das Theater als Institution oft nur „so tut, als ob“, dass sich hinter dem kulturgewichtigen Gemäuer Machtmissbrauchsskandale, ungleiche Gehälter und etliche andere Schieflagen verstecken, das wollte das Gorki-Theater in Berlin in Anlehnung an das Peter-Handke-Stück Publikumsbeschimpfung mit der Uraufführung von Bühnenbeschimpfung selbstkritisch auf die Bühne bringen. Sivan Ben Yishai hat ein poetisch angelegtes Stück dazu geschrieben, wovon in Sebastian Nüblings Inszenierung nüscht übrigblieb. Und was heißt schon „selbstkritisch“. Allein die Ansage nimmt den Konflikt aus der Sache ja bereits elegant heraus. Theater-Bashing von der Bühne aus: das waren hier im ersten Teil Monologe über Versagen, Angst, Machtgefälle, Eitelkeit und Schweigen innerhalb des Betriebssystems.

Will man jedoch die Umkehr von Publikums- in Bühnenbeschimpfung ernst nehmen, hätte hier das Publikum zu Wort kommen müssen, denn das wäre ja nun an der Reihe gewesen, dem Theater mal so richtig die Meinung zu geigen. Ein bisschen wurde das auch versucht, indem irgendwann die Schauspieler*innen ins Publikum gingen, den Leuten ein Mikro vor die Nase hielten und sie aufforderten, an den eisernen Vorhang projizierte Texte vorzulesen. Dass Theater langweilig ist, dass man lieber woanders sein möchte, dass nur der Rotwein im Foyer den Besuch gelohnt hat. Naja. Und als sich bald herausstellte, dass die vermeintlich armen Würstchen, die da ständig vorlesen mussten, mit zum Cast gehörten, da schmierte der Abend in eine harmoniesüchtige Kennenlernveranstaltung ab. „Wir haben jetzt auch Fragen an euch!“, meinten alle zusammen ganz ernst und setzten sich vorne an die Bühne. Dann folgte ein Spiel aus der Werkzeugkiste von Gruppenworkshops, in denen man Stimmungsbilder kreiert oder versucht, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. „Alle aufstehen, die zum ersten Mal im Gorki sind!“, war eine Aufforderung.

Ich persönlich leide unter einer Aversion gegen Publikumsanimation. Deshalb buche ich auch keinen All-Inklusive-Urlaub mit Bikini-Yoga im Pool und ich melde mich auch nicht bei Wetten, dass …? als Zuschauerin an, weil ich viel zu viel Angst hätte, dass Thomas Gottschalk sich irgendwann auf meinen Schoß setzt, um mir Details über mein Privatleben zu entlocken.

So ähnlich fühlte sich das hier auch an. Aber während sich die meisten im Publikum die Birne darüber zerbrachen, ob sie fänden, dass wir das mit Klimakrise hinbekommen, oder ob sie regelmäßig auf eine Demo gingen und entsprechend im Sitz hopsten, dachte ich sehnsüchtig an den Sekt in meinem Kühlschrank. Ich wurde an eine ähnliche Episode vor Jahren im Gorki erinnert, als bei Yes but No der zweite Teil der Inszenierung aus Vertrauensübungen bestand, bei denen wir uns im Raum verteilen sollten – je nachdem, ob wir Gespräche über sexuelle Vorlieben mit unseren Geschlechtspartnern für sinnvoll hielten.

Während ich also immer missmutiger im Sessel versank, kam mir der Gedanke, dass man diese kostenlose Zuschaueranalyse, die sich das Gorki hier offenbar gönnte, wenigstens hätte streitlustiger gestalten können. Mitten in der in Deutschland so beliebten Integrationsdebatte hätte man auch sagen können: „Alle aufstehen, die glauben, dass an dem Geböller in der Silvesternacht bestimmte Leute mit einem bestimmten Phänotyp schuld sind.“ Oder: „Wer ist dafür, die Vornamen der Verhafteten aus der Silvesternacht zu veröffentlichen?“ Dann hätte es wenigstens wehtun können. Und so wurde bei dieser Bühnenbeschimpfung nur eins deutlich: das Theater will geliebt werden. Deswegen wünsche ich mir in Zukunft einen Korb mit Tomaten und faulen Eiern, die ich dann auf die Bühne schmeißen kann, wenn es mir zu blöd, zu kitschig oder zu romantisch wird.

Bühnenbeschimpfung Text: Sivan Ben Yishai, Regie: Sebastian Nübling Maxim-Gorki-Theater, Berlin



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Von Veritatis

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