Warum wir uns öfter alles Gute und viel Glück wünschen sollten, obwohl wir wissen, dass nie alles gut wird und wir meist auch kein Glück haben. Aber auf dem Weg zum guten Leben für alle werden wir es brauchen.

Jahreswechsel, Zeit, den Freunden, den Liebsten, den Verwandten, Kolleginnen und Kollegen “alles Gute” zu wünschen und “ein glückliches neues Jahr”, in diesen Tagen vielleicht noch verbunden mit dem Wunsch nach Frieden. Dabei wissen wir doch, dass der Frieden nicht durch Wünschen kommt, sondern meist nur durch Kompromisse, und es wird auch nie “alles” gut und wir haben vermeintlich auch nur selten Glück.
Und doch sind es genau die richtigen Wünsche, weil sie, zumindest, wenn wir sie ernst meinen und wenn wir sie ernst nehmen, den Blick auf das lenken, was im Leben wichtig ist und wofür es sich zu leben lohnt. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat dieser Frage ein ganzes Buch gewidmet. Darin schreibt er: “Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben beziehungsweise überleben können – gemäß nunmehr völlig fraglos verabsolutierten Prinzipien wie Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit und – vor allem – Kosteneffizienz.”
So zu leben, heißt, das Leben als eine Art Unternehmen zu führen, das sich vor allem rechnen muss. Pfaller bricht statt dessen eine Lanze für die “Verrücktheiten der Liebe, die uns gerade die sperrigen Eigenschaften geliebter Personen anbeten lässt; … die Unappetitlichkeiten und Schamlosigkeiten der Sexualität, … die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten, Großzügigkeiten, Verschwendungen, unserer Geschenke, Feierlichkeiten, Heiterkeiten, und Rauschzustände”, denn ansonsten “wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen und ihrer stumpfen Befriedigung; eine vorhersehbare, geistlose Angelegenheit …”.
Glück – das ist eher ein Moment als ein Zustand. Ein Ereignis, oft überraschend und nicht einmal gewollt. Als ob man einen Liebesbrief erhält, um den man gar nicht gebeten hat. Wie das der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren Buch “Extrem laut und unglaublich nah” beschreibt: “Mein Schatz, Du hast mich gebeten, dir einen Brief zu schreiben, also schreibe ich dir einen Brief. Ich kenne weder den Grund noch weiß ich, was ich schreiben soll, aber ich schreibe ihn trotzdem, denn ich liebe dich sehr und vertraue darauf, dass du einen guten Grund hast, mich um diesen Brief zu bitten. Ich hoffe, dass du eines Tages die Erfahrung machen wirst, für einen geliebten Menschen etwas zu tun, das du nicht verstehst.”
Und dabei geht es nicht nur um die erotische Liebe, sondern ganz allgemein um die Liebe zu Menschen, die wir spüren lassen wollen, dass wir gern Teil ihrer Gemeinschaft sind, dass uns ihr Wohlergehen am Herzen liegt. “The world has enough for everyone‘s need, but not everyone‘s greed”, die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier, wusste schon Mahatma Gandhi. Deshalb ist das Streben nach Glück zwar etwas Individuelles, aber nichts Egoistisches.
Das gute Leben für alle, um das sich Philosophen seit der Antike Gedanken gemacht haben, ist noch immer Ziel menschlicher Entwicklung und menschlicher Gemeinschaft. Wie es schon Bertolt Brecht den Kommunarden in ihrer “Resolution” in den Mund legte: “In Erwägung, dass ihr uns dann eben / Mit Gewehren und Kanonen droht / Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben / Mehr zu fürchten als den Tod. / In Erwägung, dass wir der Regierung / Was sie immer auch verspricht, nicht traun / Haben wir beschlossen, unter eigner Führung / Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubaun.”
Heißt auch, nach Hannah Arendts Satz in einem Gespräch 1964 mit dem Historiker Joachim Fest über blinden Gehorsam und die Moraltheorie Immanuel Kants: “Kein Mensch … hat das Recht zu gehorchen.” Was Robert Pfaller zeitgemäß den Bedingungen des neoliberalen Kapitalismus angepasst hat: “Niemand hat das Recht, ein kompletter Idiot zu sein. Und keine Politik hat das Recht, ihn als solchen zu behandeln.”
Glück entsteht beim Gehen. Nicht immer, und wenn, dann nur für einen Moment. Deshalb ist Glück möglich, für alle und jeden und auch unter den widrigsten Umständen. Man muss nur unterwegs sein und offen sein für die Augenblicke des Glücks. Wir würden erst aufhören, glücklich zu sein, wenn wir es endlich sind. Auf diesem Weg ist es gut, dass wir uns ab und zu gegenseitig Mut machen. Denn letztendlich geht es bei allem, was wir tun, nur darum, dass alles gut werden wird.
Mit den Worten des Schriftstellers Truman Capote: “Was wir am meisten brauchen, ist ja nur, dass uns einer hält … und uns sagt … dass alles (alles ist etwas Komisches, ist Kindermilch und Papas Blicke, ist krachende Scheite an einem kalten Morgen, ist Eulengeschrei und der Junge, der dich nach der Schule zum Weinen bringt, ist Mamas langes Haar, ist Angst haben und Grimassen an der Schlafzimmerwand) … alles gut werden wird.” 



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Von Veritatis

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