Im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine wird die aktuelle Diskussion von der Lieferung westlicher Schützenpanzer und Kampfpanzer bestimmt. Frankreich, die USA und Deutschland haben entschieden, die ukrainischen Streitkräfte durch Schützenpanzer zu unterstützen. Bevor jedoch die ersten Exemplare überhaupt ausgeliefert wurden, werden die Forderungen der ukrainischen Regierung immer lauter, auch Kampfpanzer zu liefern, um gegen die russischen Streitkräfte bestehen zu können. Die Regierung Großbritanniens hat bereits entschieden, Kampfpanzer vom Typ „Challenger 2“ zu liefern, und auch Polen ist zur Unterstützung mit Kampfpanzern bereit, braucht aber für den Export ihrer „Leopard 2“-Kampfpanzer eine Genehmigung der Bundesregierung. Von Jürgen Hübschen.

Die westlichen Schützenpanzer, die für die Lieferung an die Ukraine vorgesehen sind

Um die Komplexität der Thematik und die damit verbundenen Probleme zu verstehen, ist die Kenntnis der wesentlichen technischen Merkmale der Schützenpanzer unbedingt erforderlich.

Frankreich

Frankreich wird das Modell „AMX-10 P“ liefern, hat aber die Anzahl noch nicht bekannt gegeben. Der Schützenpanzer verfügt über eine Kanone vom Kaliber 20mm M693-F1 und 1 Maschinengewehr vom Kaliber 7,62mm. Besatzung: Kommandant, Fahrer, Richtschütze + 8 Soldaten. Er wird von einem Hispano-Suiza HS-115 V-8-Diesel angetrieben.

USA

Die USA werden 50 Schützenpanzer vom Typ „Bradley CFV“ liefern. Die Kanone hat ein Kaliber von 25mm, das Maschinengewehr von 7,62mm. Zusätzlich verfügt der Schützenpanzer über eine Startvorrichtung mit 2 Rohren für das Panzerabwehrsystem „TOW“. Besatzung: Kommandant, Fahrer, Richtschütze + 6 Soldaten. Der „Bradley“ wird von einem 8-Zylinder-Dieselmotor Cummins VTA-903T angetrieben.

Deutschland

Deutschland wird 40 Schützenpanzer vom Typ „Marder“ liefern. Der Panzer verfügt über eine Kanone vom Kaliber 20mm und 1 MG vom Kaliber 7,62mm, dazu 1 System „MILAN“ zur Panzerabwehr. Besatzung: Kommandant, Fahrer, Richtschütze +6 oder 7 Soldaten, je nach Modell. Der „Marder“ wird von einem V6-90°-Viertakt-Dieselmotor MTU MB 833 Ea-500 angetrieben.

Bewertung

Den genannten Schützenpanzern ist lediglich jeweils ein Maschinengewehr mit identischem Kaliber gemeinsam. Der amerikanische „Bradley“ hat eine 25mm-Kanone. Der „AMX-10P“ und der „Marder“ haben zwar beide Kanonen Kaliber 20mm, was aber nicht automatisch heißt, dass damit auch identische Munition verschossen werden kann. Die Panzerabwehrwaffen „TOW“ und „MILAN“ sind völlig verschieden. In den jeweiligen Herkunftsländern dauert eine solide Ausbildung der Besatzungen mehrere Monate, je nach Funktion der Soldaten. Für den Kommandanten ist neben der fachlichen auch eine zusätzliche militärische Führungsausbildung erforderlich.

Für die drei verschiedenen Schützenpanzer benötigen die zukünftigen ukrainischen Besatzungen jeweils eine auf den Schützenpanzer-Typ abgestimmte spezielle Ausbildung. Das bedeutet, dass die Soldaten danach nur auf dem jeweiligen Typ eingesetzt werden können. Bedienungsanleitungen sind weder in russischer noch in ukrainischer Sprache verfügbar. Für die drei verschiedenen Schützenpanzer müssen separate Logistikketten aufgebaut werden, nicht nur für die Munition, sondern vor allem auch für die Wartung und Instandsetzung.

Zusätzliche deutsche Probleme

Noch ist völlig unklar, woher die zugesagten 40 Schützenpanzer eigentlich kommen sollen, aus der Industrie, aus der aktiven Truppe oder sowohl als auch. Das Problem wird dadurch verschärft, dass die Bundesregierung Griechenland die Lieferung von 40 „Mardern“ verbindlich zugesagt hat und die für die NATO-Speerspitze im Rahmen der „Very High Readiness Joint Task Force 2023“ (VJTF) erforderlichen Schützenpanzer „Puma“ nicht einsatzbereit waren und durch „Marder“ ersetzt werden mussten.

Für den „Bradley“ und vermutlich auch für den „AMX-10P“ liegen Erkenntnisse aus Kampfeinsätzen vor, an denen sich vor allem die Ersatzteilbevorratung orientiert. Das ist für den „Marder“ nicht der Fall, weil dieser bislang lediglich in Übungen erprobt wurde; denn der Einsatz in Afghanistan ist mit einem Kampfeinsatz nicht zu vergleichen. Man weiß also nicht, welche Schwachstellen das System im Dauereinsatz unter Kriegsbedingungen hat und wie man sich darauf vorbereiten kann.

Die westlichen Kampfpanzer, die für eine Lieferung in die Ukraine in Frage kommen

Auch im Zusammenhang mit der Lieferung von Kampfpanzern ist die Kenntnis der wesentlichen technischen Merkmale unbedingt erforderlich, um die Komplexität der Thematik und die damit verbundenen Probleme zu verstehen.

Großbritannien

Der britische „Challenger 2“ verfügt über eine Kanone vom Kaliber 120mm und Maschinengewehre Kaliber 7,62mm. Besatzung: Kommandant, Richtschütze, Ladeschütze, Fahrer. Der Panzer wird von einem Perkins CV-12-Diesel-Motor angetrieben.

USA

Der amerikanische „M1-Abrams“ hat eine Glattrohrkanone vom Kaliber 120mm-L30A1 und 2 Maschinengewehre Kaliber 7,62mm und ein schweres Maschinengewehr Kaliber 12,7mm

Besatzung: Kommandant, Richtschütze, Ladeschütze, Fahrer. Der Panzer wird von einer Gasturbine AGT-1500 angetrieben.

Deutschland

Der deutsche „Leopard 2“-Panzer hat eine Glattrohrkanone vom Kaliber 120mm und verfügt zusätzlich über 2 Maschinengewehre vom Kaliber 7,62 mm. Besatzung: Kommandant, Richtschütze, Ladeschütze, Fahrer. Der Panzer wird von einem 12-Zylinder-FM-Diesel-Vielstoffmotor MTU MB 873 angetrieben.

Bewertung

Die Kanonen des „M1 Abrams“ und des „Leopard 2“ sind baugleich und können deshalb dieselben Granaten verschießen. Der Kanone des britischen „Challenger 2“ hat zwar mit 120mm dasselbe Kaliber, braucht aber eine andere Munition, weil es keine Glattrohrkanone ist. Bis auf das schwere Maschinengewehr des „M1-Abrams“ sind die Kaliber der Maschinengewehre bei den drei Panzertypen identisch. Der Antrieb des „M1-Abrams“ ist wegen seiner Gasturbine völlig anders als die Dieselmotoren des „Challenger 2“ und des „Leopard 2“.

Auch für die Kampfpanzer dauert eine solide Ausbildung der Besatzungen in den jeweiligen Herkunftsländern mehrere Monate, je nach Funktion der Soldaten. Für den Kommandanten ist neben der fachlichen auch eine zusätzliche militärische Führungsausbildung erforderlich. Für die drei verschiedenen Kampfpanzer benötigen die zukünftigen ukrainischen Besatzungen jeweils eine auf den Panzer-Typ abgestimmte spezielle Ausbildung. Das bedeutet, dass die ukrainischen Soldaten danach nur auf dem jeweiligen Typ eingesetzt werden können. Bedienungsanleitungen sind weder in russischer noch in ukrainischer Sprache verfügbar.

Für die drei verschiedenen Panzer müssen separate Logistikketten aufgebaut werden, nicht nur für die Munition und den unterschiedlichen Antrieb, sondern vor allem auch für die Wartung und Instandsetzung.

Zusätzliche deutsche Probleme

Die Entscheidung über die Lieferung von deutschen „Leopard 2“-Kampfpanzern ist noch nicht gefallen, wird aber immer intensiver von den Koalitionsparteien und auch von der CDU/CSU-Opposition gefordert. Unklar ist auch, ob die Panzer aus der Industriereserve oder von der aktiven Truppe gestellt würden. Die Industrie hat aktuell signalisiert, dass sie frühestens 2024 in der Lage sein wird, einsatzbereite Kampfpanzer zur Verfügung zu stellen. Sollten die Kampfpanzer aus dem Bestand der Truppe gestellt werden, würde das die Fähigkeit der Bundeswehr zur Landesverteidigung weiter schwächen. Für den „M1 Abrams“ und auch für den „Challenger 2“ liegen langjährige Erkenntnisse aus Kampfeinsätzen vor, an denen sich vor allem die Ersatzteilbevorratung orientiert. Das ist für den „Leopard 2“ nicht der Fall, weil dieser bislang lediglich in Übungen erprobt wurde. Niemand kann deshalb einschätzen, was z.B. die besonderen Verschleißteile beim Dauereinsatz unter Kriegsbedingungen sind.

Zusätzlich zu der eventuellen Lieferung von deutschen „Leopard 2“-Kampfpanzern muss die Bundesregierung darüber entscheiden, ob sie anderen Staaten, in die der „Leopard 2“ geliefert wurde, eine Genehmigung zum Export dieser Panzer in die Ukraine erteilt. Solange die vertraglich vereinbarte „Endverbleibsklausel“ gilt, ist das nicht möglich.

Zusammenfassende Bewertung

Aktuell sehen sich die westlichen Regierungen mit immer umfassenderen Forderungen nach immer schwereren Waffen zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte konfrontiert. Darauf wird – in Deutschland in der Regel mit zeitlicher Verzögerung – geradezu reflexartig positiv reagiert. Von Systemen zur Luftverteidigung über Schützenpanzer steht jetzt die Lieferung von Kampfpanzern zur politischen Entscheidung an. Ich habe den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis auch konkret über die Lieferung von Kampfhubschraubern oder Kampfflugzeugen und vielleicht auch Kriegsschiffen diskutiert wird. Erste diesbezügliche Stimmen aus der Ukraine sind schon seit geraumer Zeit zu hören.

Auffällig ist bei der Diskussion und letztlich auch den politischen Entscheidungen, dass diese getroffen werden, ohne über ihre militärische Umsetzung nachzudenken. Ob dieses Problem für alle NATO-Staaten gilt, kann ich nicht beurteilen, aber in Deutschland ist das sozusagen „ein Dauerbrenner“, vor allem bei Politikern der Regierungsparteien, aber auch in der CDU/CSU-Opposition. Man scheint sich darüber profilieren zu wollen, indem man am lautstärksten immer mehr und immer schwerere Waffen fordert.

Dabei ist mittlerweile jedem über gesunden Menschenverstand verfügenden Bürger klar, dass die militärische Unterstützung der Ukraine, besonders natürlich mit schweren Waffen, nur zu Lasten der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu leisten ist. Ob das auch den Politikern bewusst ist oder ob sie diese Tatsache einfach ignorieren, sollte jeder Bürger, auch als Wähler!, für sich entscheiden.

Unklar ist mir auch, ob die Politiker begriffen haben, wie lange eigentlich eine solide Ausbildung des Personals dauert, das diese Waffensysteme bedienen soll. Für Fahrer, Richtschützen, Ladeschützen und die Infanteristen in den Schützenpanzern mag eine Schulung von einigen Wochen nach der Methode „Learning by Doing“ ausreichen, aber für die Kommandanten ist eine solide Ausbildung von weniger als 6 Monaten nicht machbar und vor allem auch unverantwortlich. Für die Offiziere, die die Schützenpanzer und Kampfpanzer im Rahmen des „Kampfes der verbundenen Waffen“ einsetzen sollen, dauert eine verantwortungsvolle Ausbildung deutlich länger als ein Jahr, nicht zuletzt, weil unterschiedliche Waffensysteme eingesetzt werden, die zudem eine aufwendige Logistik erforderlich machen.

In dem Zusammenhang sei übrigens angemerkt, dass ein deutscher pensionierter Generalleutnant des Heeres vor ein paar Tagen in einem Interview Klartext gesprochen hat, indem er festgestellt hat, dass der Einsatz von Schützenpanzern nur im Verbund mit Kampfpanzern Sinn mache, ansonsten mehr oder weniger wirkungslos sei. Neben den Problemen im Zusammenhang mit Ausbildung und Einsatz stellt sich für mich die Frage, auf welchem Wege eigentlich die „Marder“ und später vielleicht sogar die „Leopard 2“-Kampfpanzer eigentlich in die Ukraine gelangen sollen. Luft- und Seetransport fallen ebenso aus wie vermutlich auch der Straßentransport. Bleibt die Option Bahn. Das wird vermutlich über Polen geschehen, aber was ist mit dem notwendigen Stopp in der Spurwechselzone und vor allem mit dem Grenzübertritt in die Ukraine? Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, dass Moskau weiterhin tatenlos zusieht, wie die ukrainische Armee mit schweren westlichen Waffen aufgerüstet wird. Bleibt die Frage, wie ein solcher Transport innerhalb der Ukraine bis zu der mehrere Hundert Kilometer entfernten Front ablaufen soll.

Deutschland als Kriegspartei und Gefahr eines NATO-Bündnisfalls

Zusätzlich zu diesen Problemen gibt es aber auch das Risiko, dass Deutschland durch seine immer intensivere militärische Unterstützung der Ukraine, vor allem durch die Art der Waffen, aber auch besonders durch die Ausbildung ukrainischer Soldaten, zur Kriegspartei wird. Auch der Bündisfall ist im Zusammenhang mit dieser Gesamtentwicklung nicht auszuschließen, weil es dafür ausreichen würde, wenn es z.B. bei einem russischen Angriff auf einen westlichen Panzertransport beim Passieren der polnisch-ukrainischen Grenze zu Schäden auf der polnischen Seite käme.

Last but not least müsste den militärischen Amateuren in der Politik doch klar sein, dass die Ukraine diesen Krieg auch mit Hilfe schwerer westlicher Waffen nicht gewinnen kann und wird. Um das zu erkennen, empfehle ich das Interview mit dem US-amerikanischen pensionierten Oberst Douglas Macgregor und auch den aktuellen Artikel des ehemaligen UN-Waffeninspekteurs Scott Ritter. Nicht nur diese Beiden, sondern alle militärischen Fachleute in den USA und grundsätzlich auch in Deutschland sind sich darüber einig, dass die Ukraine über einen sehr begrenzten verbleibenden Zeitraum im besten Fall ein Patt auf dem Gefechtsfeld halten kann. Der Preis dafür sind weitere gefallene und schwer verwundete Soldaten auf beiden Seiten, noch mehr Tote in der Zivilbevölkerung, noch mehr Flüchtlinge und eine weitere Zerstörung der Ukraine. Professor Reinhard Merkel hat am 28. Dezember 2022 in der FAZ einen Artikel geschrieben unter der Überschrift: „Verhandeln heißt nicht kapitulieren.“ Ich frage mich seit Langem: Warum will das, auch in Deutschland, niemand begreifen?

Titelbild: Deutsche Hauptpanzer Leopard beim Einsatz in Polen, shutterstock / Mike Mareen



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Von Veritatis

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