Klimakrise Trotz Klimakrise wollen Konservative an Altbewährtem festhalten. Und glauben wir nicht alle ein bisschen die Lüge vom nachhaltigen Konsum? Das ist leider ein folgenschwerer Irrtum


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Ausgabe 03/2023

Angesichts der Klimakrise steht der sofortige Einstieg in eine Revolutionierung der herrschenden Produktions- und Konsumtionsverhältnisse an

Angesichts der Klimakrise steht der sofortige Einstieg in eine Revolutionierung der herrschenden Produktions- und Konsumtionsverhältnisse an

Die Klimakrise bringt die althergebrachte politisch-philosophische Ordnung durcheinander, und zwar kräftig: Plötzlich sind es die Konservativen, die sich als die Utopisten unserer Zeit entpuppen. Konservative Deutungseliten klammern sich an die Vernünftigkeit des alten demokratisch-marktwirtschaftlichen Systems. Konservative Entscheidungseliten setzen auf technologische Innovation und eine Politik der kleinen Schritte. Und der konservative Alltagsverstand klammert sich an die handlungsentlastende Faustregel des Ottonormalbürgertums: Irgendwie ist es doch immer noch gutgegangen!

Die neue Utopie unserer Zeit heißt Weiter-so, und ihre Anhängerinnen sind die sowohl ideologisch wie auch alltagspraktisch Konservativen.

Das bringt Bewegung in den über mehr als zwe

;ber mehr als zwei Jahrhunderte hinweg bestehenden Dreiklang von Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus. Die Utopie der Liberalen bestand in einem sich selbst regulierenden Markt, der die Sozialstruktur der alten ständischen Ordnung durcheinanderzuwirbeln versprach. Die Utopie der Sozialistinnen bestand in einer die gesellschaftlichen Produktions- und damit Herrschaftsverhältnisse revolutionierenden Arbeiterbewegung. Doch das alles lag dem Konservatismus fern, dessen Macht vielmehr in der Kraft der Beharrung lag, in dem Versprechen unveränderter, ja unabänderlicher Verhältnisse – im zutiefst anti-utopischen Programm einer das Gegebene zuverlässig bewahrenden Gesellschaft. Und genau dieses zuverlässig Bewahrende ist zur größten Utopie unserer Zeit geworden.Der utopisch-konservative Alltagsverstand trifft nun also auf die Alarmierungsdiskurse der „Letzten Generation“ und der Besetzerinnen eines kleinen verlassenen Dorfes im Westen. Und wie reagiert er? Mal bewusst abgeklärt, mal ehrlich aufgebracht wendet sich das konservative, zumeist männlich auftretende Justemilieu gegen die wahlweise als Spinner oder Chaoten, Heißsporne oder Hypermoralisten geschimpften asphaltklebenden Klassen. Und das immer in dem Bewusstsein, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, nämlich einer 200-jährigen Geschichte des nie da gewesenen gesellschaftlichen Erfolgs.Den abgeklärten Part spielen konservative Intellektuelle. Im Gestus paternalistischer Überlegenheit ziehen sie den jungen Endzeitmahnern die Ohren lang: Treibt ihr nur euren postpubertären Schabernack, so liest es sich zwischen den Zeilen ihrer in den Feuilletons gern gesehenen Essayistik; früher oder später werdet ihr schon merken, dass es zur Welt ökonomischer Marktsignale, politischer Pragmatik und demokratischer Mehrheitsentscheidungen keine Alternative gibt. Das gemeine Volk – fahrendes wie nicht-mehr-fahren-wollendes – möge doch, bitte schön, die Rationalität des Seienden akzeptieren, und zwar im Doppelsinn des Begriffs: sich auf die Logik des Seienden einstellen und auf dessen Sinnhaftigkeit einlassen. Dann werde zwar nicht alles gut, schon gar nicht für alle – aber etwas Besseres als das Bestehende lasse sich ohnehin nicht finden.Konservatismus: All Shades of BlackDas hören die eher strukturkonservativen politisch Machthabenden selbstredend gerne – wohlgemerkt nicht nur jene „echten“ Konservativen aus den Reihen der CDU oder CSU: Konservatismus gibt es in den unterschiedlichsten farblichen Schattierungen, auch in rot-gelb-grünen „Shades of Black“. Die sehr große Koalition des spätkapitalistisch-fossilistischen Weiter-so lässt sich nicht irritieren, geschweige denn aufhalten. Wer ihr mit anarchischen Straßenblockaden statt mit wöchentlichen Schülerdemos in die Quere kommt, hat mit öffentlichen Ordnungsrufen und rechtlicher Kriminalisierung zu rechnen – im Namen des gemeinen Wohls und der hupenden (weil arbeitenden, leistenden und dafür Auto fahren müssenden) Mehrheit werden sie moralisch infrage gestellt. Aus den Feinden des Weiter-so werden verspinnerte Illusionäre gemacht: Sie werden als wirklichkeitsferne Weltveränderer gebrandmarkt.Die gesellschaftliche Mehrheit selbst, die allergrößte denkbare Koalition der „kleinen Leute“, wird durch den Aktivismus der vermeintlichen „Klimakrieger“ in ihren Gewohnheiten, ihren Denkweisen und ihrer Alltagspraxis herausgefordert – und reagiert mit einer ganzen Bandbreite von konservativ getriebenen Gefühls- und Verhaltensregungen: von defensiv bis aggressiv, von kleinlauter Distanznahme bis hin zu ausgewachsenen Gewaltfantasien.Dabei nimmt sich diese Mehrheit keineswegs als reaktionär wahr, auch leugnet sie den „Klimawandel“ nicht: Das schmutzige Geschäft der Entwarnungspropaganda bleibt anderen überlassen. Das konservative Fußvolk hingegen wähnt sich stets aufseiten eines Fortschritts, der gerade so viel verändert, dass im Kern alles beim Alten bleiben kann. Hier zeigen sich die Vorzüge des Begriffs „Klimawandel“, der zur Verharmlosung der umfassenden, über klimapolitische Belange weit hinausgehenden Herausforderungen der sozialökologischen Ordnung spätkapitalistischer Gesellschaften geeignet ist.Wer so denkt, glaubt nur zu gern an die von „oben“ kommunizierte Erzählung einer Nachhaltigkeitsrevolution, die sich bereits im Gange befinde, die aber weder Deutschlands Position im globalen Wettbewerb noch die alltägliche Lebensführung ernsthaft gefährden müsse. Wer den lästigen Besserwissern von der Klimafront den Schneid abkaufen will, kauft die Marketinglügen von „nachhaltigem Konsum“ und „klimaneutralem Wirtschaften“.Konservative Illusion: Solch schöner ScheinDer in der Klimakrise herrschende Konservatismus lässt sich nur massenpsychologisch erklären. Im Angesicht der drohenden Katastrophe – und in der untergründigen Ahnung um die Gründe und Hintergründe – erscheint die konservative Illusion als Rettung. Was, wenn sich die Errungenschaften der Vergangenheit – Frieden, Freiheit, Wohlstand, Sicherheit – doch in die Zukunft fortschreiben ließen?Immerhin hat es doch so lange geklappt, wie unser kollektives Gedächtnis in die Vergangenheit reicht – so lange also, wie unsere Gesellschaft denken kann! Was, wenn man, mit ein paar Abstrichen an übertriebenen Zuwachserwartungen und einem Schuss schlechten Gewissens, im Wesentlichen doch so weitermachen könnte wie bisher?Verlockend, unbedingt. Und zwar nicht nur für die üblichen Verdächtigen, für die Bekennenden unter den Konservativen. Sondern für uns alle, also auch für die Kritikerinnen und Verächter des Konservatismus. Gewiss: Die bewahrende Veränderung des Bestehenden ist zur Utopie geworden in einer Zeit, in der tatsächlich der sofortige Einstieg in eine Revolutionierung der herrschenden Produktions- und Konsumtionsverhältnisse anstünde – nicht zur ominösen „Rettung des Planeten“, sondern schlicht zur Ermöglichung eines lebbaren Lebens. Aber steckt, so besehen, nicht in jeder von uns eine kleine Utopistin? Sind wir nicht alle ein bisschen Weiter-so?So sehr das Weiter-so, bei Lichte besehen, dystopisch sein mag – es kommt doch, irgendwie und immerhin, als Realutopie daher: Denn die konservative Meinungsbildung arbeitet hart an dem Schein, die Utopie ließe sich tatsächlich verwirklichen. Die Versöhnung von Wirtschaft und Klima in einer „grünen Marktwirtschaft“: Das Traumbild der Konservativen aller Couleur. Und ist es auch Schein nur, so halt doch ein schöner.



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Von Veritatis

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