Während hohe Gaspreise weltweit die Nachfrage nach dem wenig umweltschonenden Brennstoff antreiben, sind in Afrika viele illegale Holzfäller unterwegs, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie Wälder buchstäblich verschwinden lassen. Auf einen besonders krassen Fall dieses Raubbaus trifft man im Waldschutzgebiet Ruhoi im Osten Tansanias. Das Areal ist inzwischen so kahl, dass man glauben könnte, in dieser Gegend habe es nie eine nennenswerte Vegetation gegeben. Der Boden wirkt ausgetrocknet, stellenweise ist er schwarz, weil verbrannt. Oft verstellen verkohlte Baumstümpfe den Weg durch diese Erinnerung an eine Landschaft. Was an Bäumen übrig blieb, ist in der Regel morsch und verfault. Hier wurde mit solch atemberaubender wie alarmierender Geschwindigkeit abgeholzt, um eine wachsende Nachfrage nach Holzkohle in der nahe gelegenen Hauptstadt Daressalam zu bedienen. Wegen der hohen Gaspreise nutzen mittlerweile gut 90 Prozent der tansanischen Haushalte Holzkohle oder Feuerholz zum Kochen. Das führt im ganzen Land zu rapider Entwaldung.

Zwischen 2015 und 2020 verlor Tansania nach Angaben der FAO, der UN-Ernährungsorganisation, jährlich Baumbestand auf einer Fläche von 470.000 Hektar. Diese Dimensionen gelten augenblicklich für große Teile Ost- und Zentralafrikas. Das Sammeln von Holz und die Herstellung von Holzkohle sind hier für gut die Hälfte der Waldverluste verantwortlich. Dabei trägt die Abholzung maßgeblich zur Klimakrise bei, meint der Ex-Offizier Saidi Mayoga, der im 79.000 Hektar großen Baumreservat von Ruhoi als Waldhüter patrouilliert. „Wir hatten zuletzt ein großes Problem mit einer enormen Hitze und sehr wenig Regen.“

Für viele Holzfäller gelten die Bedenken von Umweltschützern angesichts drängender ökonomischer Bedürfnisse als zweitrangig. Etwa 45 Prozent aller Tansanier leben von etwas weniger als zwei Euro pro Tag. „Wenn ich in diesem Sektor alle Bäume gefällt habe“, erklärt der ohne Genehmigung arbeitende Holzfäller Muharram Bakari und zeigt auf den Rand eines Reservats, „dann muss ich eben einen anderen Wald finden, um dort weiterzumachen. Ich habe keine Wahl“. Bakari lebt in einem improvisierten Cottage im Wald und stellt illegal Holzkohle her. Für das Terrain rings um seine Behausung gilt das Prinzip: kein Baum, kein Strauch. Ein Zeichen dafür, dass Bakari schon eine ganze Weile hier sein muss. Nachdem er die Bäume gefällt und zerlegt hat, stapelt er die Holzscheite säuberlich auf, um daraus Kohle herstellen zu können. Er sei wie andere auch von der Holzkohle abhängig, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Arbeit ist hart. Viele Holzfäller verbringen täglich bis zu sechs Stunden damit, Bäume zu fällen und Kohle zu brennen, was ihre Gesundheit belastet. Viele sagen, sie würden damit aufhören, wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, Geld zu verdienen. Nach dem Bewegen der schweren Holzstämme klagt Bakari über Schmerzen in der Brust. Seine Hände sind voller Blasen, die raue und rissige Rinde des Gehölzes fordert ihren Tribut.

Illegaler Handel mit Holzkohle

Auch die 50-jährige Moshi Mohammed Muba handelt mit Kohle. Sobald die Holzscheite verbrannt sind, füllt sie Tüten bis zum Rand und bindet sie zusammen, damit die Fracht ohne Verluste auf die stundenlange Fahrt nach Daressalam gehen kann – nicht nur das Verwaltungszentrum, auch die wirtschaftliche Metropole des Landes. Muba muss in der glühenden Mittagshitze arbeiten, weil es nur noch wenig Schatten gibt, seit so viele Bäume verschwunden sind. „Es ist nicht einfach, Bäume zu fällen“, klagt sie. „Wer kann das noch mit 50 Jahren? Wir tun es, um zu überleben. Weshalb sonst?“

Die Kohlehersteller verdienen gut 8.500 tansanische Schillinge (3,40 Euro) für einen großen Sack Kohle beim Zwischenhändler, der die Ware dann mit Gewinn an einen Grossisten verkauft. Dem ist der größte Ertrag sicher. Er kann einen Sack in Daressalam für bis zu 82.000 Schillinge absetzen: fast das Zehnfache des Preises, für den die Holzkohle ursprünglich aufgekauft wurde. Davon abgesehen, dass große Familien vom Handel mit Holzkohle leben, verschafft er auch den Behörden ein relevantes Einkommen, eines der wichtigsten Hindernisse für die Bemühungen um einen wirksamen Naturschutz. Laut offiziellen Regierungsangaben bekommt die tansanische Forstverwaltungsbehörde 11.300 Schilling (4,60 Euro) für den Verkauf eines Sacks Holzkohle. Im Jahr 2019 trugen die Einnahmen aus dem Forstsektor – er umfasst den Handel mit Holzkohle, Brennholz, Stämmen, Pfählen, Honig, Samen und Setzlingen – etwa drei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Woran wiederum Holzkohle einen Anteil von 44 Prozent hatte.

Die Regierung vergibt Konzessionen zum Einschlag an Holzfäller und legt fest, wie viele Säcke jede Region des Landes pro Jahr in etwa produzieren muss. „Uns wird einerseits gesagt, dass wir eine bestimmte Menge an Holzkohle erbringen müssen, und andererseits, dass wir die Wälder schützen sollen“, beschwert sich der frühere Offizier Saidi Mayoga.

Dabei würden die lokalen Behörden nur selten kontrollieren, wie viele Bäume wirklich gefällt werden. Branchenexperten sind sich sicher, dass korrupte und schlecht verwaltete Kontrollinstanzen den illegalen Handel mit Holzkohle begünstigen. „Wenn jemand die Genehmigung hat, fünf Tonnen Holz zu schlagen, gibt es keinen Mechanismus, um zu überprüfen, ob diese Person fünf oder 25 Tonnen für sich herausschlägt“, erklärt Sixbert Mwanga, Tansania-Direktor des Climate Action Network.

Die tansanische Regierung versuchte 2006, der Entwaldung durch ein Verbot von Kohleproduktion und -handel entgegenzuwirken, scheiterte aber. Laut Weltbank verringerte das Verbot nicht nur die Einnahmen der Regierung, weil die Kohleproduktion nun lizensiert war. Es trug auch wenig dazu bei, den illegalen Handel zu stoppen.

Gipfel „Sauberes Kochen“

Heute wird in Daressalam nach Wegen gesucht, das Problem an der Wurzel zu packen, indem die Abhängigkeit des Landes von Biomasse-Brennstoffen verringert wird. Bei einem nationalen Gipfel zum Thema „Sauberes Kochen“ wies Präsidentin Samia Suluhu Hassan das Energieministerium an, eine tragfähige Strategie zur stärkeren Nutzung erneuerbarer Energien innerhalb des nächsten Jahrzehnts zu entwickeln. Überdies legte sie fest, dass Schulen und Krankenhäuser mit mehr als 300 Mitarbeitern, die große Mengen Biomasse als Brennstoffe gebrauchen, schon im nächsten Jahr kein Holz mehr zur Verfügung gestellt werden darf. Sie argumentierte, von der Umwelt abgesehen hätten diese Energieträger ernsthafte Folgen für die Gesundheit. Ruß und Rauch seien die Ursache dafür, dass jährlich mehr als 33.000 Menschen in Tansania vorzeitig sterben würden. Davon seien Frauen, die den Hauptteil der Hausarbeit zu leisten hätten, überdurchschnittlich betroffen.

Regierungsberichte zeigen auch, dass Frauen und Mädchen beim Sammeln von Feuerholz häufig körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt sind. „Angesichts dieser Trends sehen wir die Notwendigkeit, tätig zu werden“, so Energieminister January Makamba. Sein Ressort und das Forstministerium müssten koordinierter handeln, um alternative Einkommensquellen zu finden, was nicht einfach erscheint. „Es ist eine politische Entscheidung, zuzugeben, dass ein großer Teil der Bevölkerung ohne Chancen dasteht“, so Makamba.

Caroline Kimeu ist Ostafrika-Korrespondentin des Guardian



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Von Veritatis

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