Schnee tanzt durch die Luft, gepanzerte Polizisten schieben sich gegen Demonstranten: Die ersten Szenen zeigen das Chaos auf dem Maidan im Jahr 2014. Es brennt, Menschen werden verprügelt, schmeißen mit Gegenständen, einer wirft einen Molotowcocktail: Eskalation und Massenkrawall, dazwischen flattert das Blau-Gelb der Ukraine-Flagge im Wind. Aus dem Off erklingen dazu die bekannten Verse aus William Shakespeares Hamlet: „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden?“

Wie für Shakespeares berühmten Tragödienhelden, der sich plötzlich mit einem brutalen Machtkampf in der Heimat konfrontiert sieht, waren die Geschehnisse auf dem Maidan 2014 prägend für eine politisch engagierte junge Generation. Es war ihr Kampf für Veränderungen in der Ukraine, ein Kampf, der, das zeigt Das Hamlet Syndrom, heftige Wunden gerissen hat. Obwohl einige Monate vor der Invasion Russlands in die Ukraine gedreht, bekommt der Dokumentarfilm im heutigen Kontext noch mehr Wucht.

Auf der Bühne eines kleinen Theaters in Lwiw treffen sie sich zu den Proben für die Hamlet-Adaption H-Effect der Theaterregisseurin Roza Sarkisian: Katya und Slavik, die beide freiwillig als Soldaten in den Krieg in der Ostukraine gezogen waren. Letzterer geriet in Gefangenschaft und wurde gefoltert. Roman holte als Kriegssanitäter verletzte und tote Soldaten vom Schlachtfeld und ist davon schwer traumatisiert. Der queere Rodion floh aus dem Donbass, als die Situation dort eskalierte. Die Schauspielerin Oxana kämpft künstlerisch für Freiheit und Feminismus.

Der Film schaut diesen fünf unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Biografien, politischen Vorstellungen und Lebensentwürfen dabei über die Schulter, wie sie mit Sarkisian für das Stück proben. Ein großer Teil spielt auf der Theaterbühne, einem Safe-Space, in dem Ideen ausprobiert werden. „Sucht nach Worten für euch und eure Entscheidungen“, lautet eine Aufgabe, die die Theaterregisseurin stellt. Die Antworten der auf der Bühne liegenden SchauspielerInnen geben einen Vorgeschmack auf das Kommende: Krieg, Wut, Ausweglosigkeit.

Trauer und Ohnmacht treten bei den Proben zutage, immer wieder platzen alte Narben auf. Als Slawik eine Situation beschreiben will, bei der es für ihn um Leben und Tod ging, bricht er ab und verschwindet im Dunkel des Theaterraums. Später ist er als Soldat auf Archivaufnahmen in Gefangenschaft zu sehen und wir erfahren, dass er mit einer Waffe am Kopf dazu genötigt wurde, einen Kameraden zu erschießen. Er hat sich geweigert. Katya erzählt davon, wie sie und ihr damaliger Kommandant mit den Separatisten die Freigabe von Leichen verhandelten. Sie habe, erzählt sie der Gruppe, immer eine Granate bei sich getragen: als letzten Ausweg, weil sie als Frau nicht in Gefangenschaft geraten wollte.

Die Mutter denunzierte ihn

Neben den Aufnahmen im Theater folgt die Kamera den Protagonisten auch ins Private. Wenn Katya durch eine von zerstörten Gebäuden mit Einschusslöchern gesäumte Straße läuft, spricht alleine das Bände. Roman schildert seiner Therapeutin eine Situation, in der der Gasgeruch eines Minibusses in Lwiw ihn zurückversetzt an die Front, in sein Krankenfahrzeug, das so roch. Rodion trifft sich mit seiner Mutter, die ihn vor Jahren wegen seiner sexuellen Identität bei der Polizei denunzierte. Die beiden sitzen auf einer Parkbank, er sagt ihr, dass sie damals homophob gewesen sei, versucht zu verstehen und zu schlichten. Die Mama erinnert sich an das deutsch-französische Filmdrama Und der Regen verwischt jede Spur aus dem Jahr 1972 und wünscht sich, der Titel könne Realität werden. Rodion widerspricht.

Eingebetteter Medieninhalt

Die Spuren lassen sich nicht nur nicht verwischen, das Erinnern mit allem, dem Guten wie dem Schlechten, ist wichtig. „Feuer mit Feuer bekämpfen“, sagt Katya und beschreibt das Theater als Therapiemaßnahme gegen die Wunden des Kriegs. Es war, das ist eine bittere Erkenntnis dieses emotional aufwühlenden Films, eine Therapie für den Moment. Denn nachdem das Quintett sich seinem Innersten gestellt und das Stück in Lwiw auf die Bühne gebracht hat, kämpfen aktuell wieder drei von ihnen in den Reihen der ukrainischen Armee.

Das Hamlet Syndrom Elwira Niewiera, Piotr Rosolowski Polen / Deutschland 2022, 85 Min.

r Heimat konfrontiert sieht, waren die Geschehnisse auf dem Maidan 2014 prägend für eine politisch engagierte junge Generation. Es war ihr Kampf für Veränderungen in der Ukraine, ein Kampf, der, das zeigt Das Hamlet Syndrom, heftige Wunden gerissen hat. Obwohl einige Monate vor der Invasion Russlands in die Ukraine gedreht, bekommt der Dokumentarfilm im heutigen Kontext noch mehr Wucht.Auf der Bühne eines kleinen Theaters in Lwiw treffen sie sich zu den Proben für die Hamlet-Adaption H-Effect der Theaterregisseurin Roza Sarkisian: Katya und Slavik, die beide freiwillig als Soldaten in den Krieg in der Ostukraine gezogen waren. Letzterer geriet in Gefangenschaft und wurde gefoltert. Roman holte als Kriegssanitäter verletzte und tote Soldaten vom Schlachtfeld und ist davon schwer traumatisiert. Der queere Rodion floh aus dem Donbass, als die Situation dort eskalierte. Die Schauspielerin Oxana kämpft künstlerisch für Freiheit und Feminismus.Der Film schaut diesen fünf unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Biografien, politischen Vorstellungen und Lebensentwürfen dabei über die Schulter, wie sie mit Sarkisian für das Stück proben. Ein großer Teil spielt auf der Theaterbühne, einem Safe-Space, in dem Ideen ausprobiert werden. „Sucht nach Worten für euch und eure Entscheidungen“, lautet eine Aufgabe, die die Theaterregisseurin stellt. Die Antworten der auf der Bühne liegenden SchauspielerInnen geben einen Vorgeschmack auf das Kommende: Krieg, Wut, Ausweglosigkeit.Trauer und Ohnmacht treten bei den Proben zutage, immer wieder platzen alte Narben auf. Als Slawik eine Situation beschreiben will, bei der es für ihn um Leben und Tod ging, bricht er ab und verschwindet im Dunkel des Theaterraums. Später ist er als Soldat auf Archivaufnahmen in Gefangenschaft zu sehen und wir erfahren, dass er mit einer Waffe am Kopf dazu genötigt wurde, einen Kameraden zu erschießen. Er hat sich geweigert. Katya erzählt davon, wie sie und ihr damaliger Kommandant mit den Separatisten die Freigabe von Leichen verhandelten. Sie habe, erzählt sie der Gruppe, immer eine Granate bei sich getragen: als letzten Ausweg, weil sie als Frau nicht in Gefangenschaft geraten wollte.Die Mutter denunzierte ihnNeben den Aufnahmen im Theater folgt die Kamera den Protagonisten auch ins Private. Wenn Katya durch eine von zerstörten Gebäuden mit Einschusslöchern gesäumte Straße läuft, spricht alleine das Bände. Roman schildert seiner Therapeutin eine Situation, in der der Gasgeruch eines Minibusses in Lwiw ihn zurückversetzt an die Front, in sein Krankenfahrzeug, das so roch. Rodion trifft sich mit seiner Mutter, die ihn vor Jahren wegen seiner sexuellen Identität bei der Polizei denunzierte. Die beiden sitzen auf einer Parkbank, er sagt ihr, dass sie damals homophob gewesen sei, versucht zu verstehen und zu schlichten. Die Mama erinnert sich an das deutsch-französische Filmdrama Und der Regen verwischt jede Spur aus dem Jahr 1972 und wünscht sich, der Titel könne Realität werden. Rodion widerspricht.Eingebetteter MedieninhaltDie Spuren lassen sich nicht nur nicht verwischen, das Erinnern mit allem, dem Guten wie dem Schlechten, ist wichtig. „Feuer mit Feuer bekämpfen“, sagt Katya und beschreibt das Theater als Therapiemaßnahme gegen die Wunden des Kriegs. Es war, das ist eine bittere Erkenntnis dieses emotional aufwühlenden Films, eine Therapie für den Moment. Denn nachdem das Quintett sich seinem Innersten gestellt und das Stück in Lwiw auf die Bühne gebracht hat, kämpfen aktuell wieder drei von ihnen in den Reihen der ukrainischen Armee.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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