Hand aufs Herz: Haben Sie es nicht auch satt, ständig negative Nachrichten zu lesen? Bei denen man denkt, es seien „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“? Was sie aber leider nicht sind – denn es sind reale Neuigkeiten aus Deutschland. Ich möchte Ihnen ein Kontrastprogramm bieten, aus meiner Zeit in Russland. Zum Entspannen und Schmunzeln. Voilà:

Ein Blick in die falsche Richtung, und schon ist es passiert: So wie dem Pawlowschen Hunde bei bestimmten äußeren Reizen das Wasser im Munde zusammenläuft (um eine feine Ausdrucksweise zu wählen), so kommt in mir regelmäßig Heimweh auf, wenn ich auf meine Vorratstruhe starre – in der noch wenige Wochen zuvor Leckereien aus Deutschland standen. Angesichts des dann einsetzenden Knurrens im Magen fällt es mir schwer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren – etwa das Schreiben von Alltagsgeschichten.

Sehnsucht nach Zuhause fühle ich manchmal auch, wenn ich, eingeklemmt wie ein Matrjoschka-Puppe in der Puppe, in der Metro stehe – und mich von der Richtigkeit der russischen Redensart überzeugen muss, dass nichts Männer und Frauen einander mehr annähert als der öffentliche Nahverkehr. Auch der russische Frost beschert mir immer wieder wehmütige Gedanken an Deutschland – das auch ich härtesten Winter nicht derart schockgefroren ist wie Moskau.

Bislang hielt ich solche Gefühle für etwas zutiefst menschliches – und war überzeugt, dass sie sich nicht weiter auf die Arbeitsleistung auswirken. Bis ich mich kürzlich in den russischen Nachrichten vom Gegenteil überzeugen musste. Auch Vierbeiner sind nicht vor Heimweh gefeit. Das jedenfalls mussten vor einiger Zeit Melkerinnen auf einem russischen Großbauernhof im Ural feststellen, an der Grenze zwischen Europa und Asien. Für rund 400.000 Euro hatte der Betrieb fast 200 Holstein-Rinder aus Deutschland importiert.

Die Schwarzbunten fremdelten

Doch während andere Exportgüter aus der Bundesrepublik sich in der Regel in Russland gut einfügen und allenfalls Limousinen made in Germany zuweilen leichte Probleme mit den ruppigen russischen Straßen haben, kamen die Schwarzbunten mit dem Umzug nicht zurecht: Sie fremdelten in der neuen Heimat. Der Stress blieb nicht ohne Folgen: Ihre Leistung ließ nach, die Milchmenge sank rapide.

Die Melkerinnen zerbrachen sich den Kopf, was die Ursache für den Warnstreik sein konnte. Anders als mir in der Metro fehlte es den Tieren ganz offensichtlich nicht am Platz. Auch die Temperaturen im Stall waren durchaus gemäßigt. Und kulinarisches Ungemach konnte auch nicht die Ursache sein, wurde das Futter doch nach westlichem Rezept zubereitet, ja sogar die Nahrungsergänzung aus der alten Heimat extra eingeflogen. Lag es daran, dass die Kühe statt wie Zuhause in Deutschland von Männern in Russland plötzlich von Frauen gemolken wurden? Konnte das so stark aufs tierische Gemüt abfärben?

Es fehlte die ‘Muttersprache’

Die Melkerinnen kamen zu dem Schluss, dass der Produktionsstau eine ganz andere Ursache haben musste: Den Tieren fehlte ihre „Muttersprache“, genauer gesagt ihre Melkersprache. Und so fanden sie einen ganz besonderen Weg, um das tierische Heimweh zu bekämpfen: Sie lernten Deutsch. Nicht allzu viel und nicht akzentfrei — doch mit Wörtern wie „Meddchen“, „Kom, kom“ und „Frau doitschen“ vermittelten sie den Tieren offenbar das nötige Heimatgefühl — und brachten sie bald wieder auf das gewohnt hohe Niveau von rund 8200 Liter Milch pro Jahr.

Natürlich stellte man sich angesichts solcher Erfolgsmeldungen sofort die Frage, welche Schlüsse man aus diesem tierischen Know-How auf die eigene Lebens- und Arbeitsweise ziehen kann. Könnte man fordern, dass einem Nahrungsergänzung aus der Heimat eingeflogen wird – etwa in Form von Marzipan oder Gummibärchen, sozusagen für eine artgerechte Haltung von Korrespondenten? Und wenn Heimweh selbst bei Kühen die Leistung fallen lässt – schreiben wir Auslandskorrespondenten dafür nicht noch erstaunlich viel? Gut, im Gegensatz zu den Vierbeinern kann unsereiner bei Sehnsucht nach der Muttersprache jederzeit zu einem Buch oder zum Telefon greifen. Aber es lernt auch niemand im Gastland wie die Melkerinnen aus dem Ural extra wegen uns unsere Muttersprache. Wenn man betrachtet, wie mühsam manche Fremdsprache zu erlernen ist – man wünschte sich, man würde – zumindest sprachlich – behandelt wie ein Rindvieh.

Nach dem wirklich unangenehmen „Job“ mit dem Lauterbach-Interview bin ich Ihnen für ein Schmerzensgeld besonders dankbar – und verspreche dafür, auch beim nächstem Mal wieder in den sauren Apfel zu beißen und wachsam an dem gefährlichen Minister dran zu bleiben! Aktuell ist (wieder) eine Unterstützung via Kreditkarte, Apple Pay etc. möglich – trotz der Paypal-Sperre: über diesen Link. Alternativ via Banküberweisung, IBAN: DE30 6805 1207 0000 3701 71. Diejenigen, die selbst wenig haben, bitte ich ausdrücklich darum, das Wenige zu behalten. Umso mehr freut mich Unterstützung von allen, denen sie nicht weh tut.

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Bild: Screenshot Youtube WELT

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Von Veritatis

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