Eine andere Tradition in Vietnam ist Hong Tran zufolge der Kauf von lebenden Goldfischen, die aber nicht verspeist, sondern in Flüssen und Seen in die Freiheit entlassen werden. Sie begleiten die Heiligen wie Ong Tao zu Gott und berichten ihm vom irdischen Leben. Mit kleinen Briefumschlägen und etwas Geld darin als Glücksbringer werden blühende Pfirsich- oder Aprikosenbäume dekoriert. Was hierzulande der Stollen, ist in Vietnam der Chung-Kuchen. “Das ist ein Klebereis mit grünen Bohnen, Schweinefleisch und Gewürzen, der in Bananenblättern mindestens 14 Stunden gekocht wird”, erklärt Hong Tran. Nur für das Têt-Fest werde der Chung-Kuchen zubereitet.

In Deutschland wird Têt der Umstände halber etwas anders gefeiert. Da Eltern oder Großeltern und auch Geschwister in der Regel in Vietnam sind, würden hier an deren Stelle die Nachbarn besucht. Das Prozedere scheint aber etwas kompliziert, weil gerade am Neujahrstag nicht jeder als Besucher erwünscht ist. “Der Mann muss zur Familie passen und Glück bringen.” Ist dieser erste Besucher bereits erschienen, hält die Vietnamesinnen und Vietnamesen dann nichts mehr davon ab, Nachbarn zu besuchen und ihnen Glück und Gesundheit für das neue Jahr zu wünschen. Bewirtet werden die Gäste mit Speisen – und mit Reisschnaps. Eine Ablehnung gilt als unhöflich, weshalb am Neujahrstag nicht selten auch mal etwas zu viel getrunken werde.

Viele Vietnamesen sind 2023 nach den Jahren der Pandemie erstmals wieder in die Heimat geflogen, weshalb es bei Hong Tran bereits vergangenes Wochenende ein großes Neujahrsfest mit etwa 200 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die in Chemnitz zu Hause sind, gegeben hat. Der Gastronom allerdings bleibt der Arbeit und seiner Kleinfamilie wegen – er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat neben zwei erwachsenen Kindern auch einen kleinen Sohn, der hier in die Schule muss: Têt-Ferien gibt es nicht. In den 42 Jahren, die Tran jetzt in Deutschland ist, sei er nur drei Mal zum Têt-Fest nach Vietnam in den Urlaub gefahren. In seiner Heimat lebt sein alter Vater, den er gut versorgt weiß und mit dem er sich regelmäßig via Videotelefonie austauscht.

Doch was heißt schon Heimat: “Ich lebe mittlerweile viel länger in Deutschland als in Vietnam.” Er habe persönlich in all den Jahren keine Fremdenfeindlichkeit in Chemnitz erlebt. Seine erwachsene Tochter studiert in Leipzig, sein großer Sohn ist Breakdancer und will Tanzlehrer werden. In freien Stunden spielt der sportliche 63-Jährige Golf und ist Mitglied im Chemnitzer Golfclub. Und so ist er nicht nur deutscher Staatsbürger, sondern fühlt sich auch als Deutscher, der neben Neujahrsfest ebenso Weihnachten feiert.
Als junger Mann kam er in die DDR, war zunächst Lehrling in einem Schwarzenberger Betrieb, um dann in Karl-Marx-Stadt zu studieren. Berufsschullehrer sollte er werden. “Doch dann kam die Wende”, sagt Hong Tran mit einem Lächeln: Menschen, die wie er im Tierkreis der Katze geboren sind, wird hohe Flexibilität und schnelle Anpassungsfähigkeit nachgesagt. Möglicherweise trifft diese Zuschreibung aus dem Mondkalender auf ihn in besonderem Maße zu. Er wechselte in die Selbstständigkeit, verkaufte Anfang der 90er Textilien und Geschenkartikel. War später mal als Gastronom, mal im Obst- und Gemüsehandel tätig. “Uns war es wichtig”, und da spricht er wohl für sehr viele der schätzungsweise 190.000 in Deutschland lebenden Vietnamesinnen und Vietnamesen, “dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen und unser eigenes Geld zu verdienen.”

Er ging so manches geschäftliche Risiko ein, zuletzt verlegte er seinen Standort vom Neefepark in eine unscheinbare Seitenstraße nahe des Uni-Campus. “Meine Frau hatte große Befürchtungen, dass uns hier die Kundschaft nicht findet.” Doch Hong Tran glaubte zu Recht an die Qualität seiner Speisen. “Vietnamspezi” hat einen sehr guten Ruf in der Stadt – selbst bei Liebhabern der nicht-asiatischen Küche: “Meine Currywurst mit Pommes ist ein Verkaufshit!”



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Von Veritatis

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