Dubiose Angaben zu Studienleitungen und organisierten Fördergeldern, fehlende Buchveröffentlichungen, auffällig schmückende Federn in den Bewerbungen und ein gefälschter Lebenslauf bei der Vergabe einer Professur in Tübingen – Karl Lauterbach sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Wie lange ist der Gesundheitsminister noch haltbar für die Bundesregierung?

von Bernhard Loyen

Recherchen der Springer-Zeitung Welt hinterfragen hinsichtlich der Person Karl Lauterbach in ungewohnt scharfem Ton Teile des Lebenslaufs des Bundesgesundheitsministers. Die Vorwürfe sind nicht unerheblich, eindeutig mit Quellen belegt und führen bezüglich der Brisanz unter normalen Umständen zu unmittelbaren Konsequenzen für den Beschuldigten. Die Welt-Recherchen beginnen im Jahr 1995. Dabei geht es um die Bewerbung für eine Professur an der Universität Tübingen.

Lauterbach (SPD) wurde im Verlauf der Corona-Krise spätestens ab dem Jahr 2021 unter auffälliger Mithilfe der öffentlichen-rechtlichen Medien in das Amt des Bundesgesundheitsministers regelrecht hineinkatapultiert. Seit gut zwei Jahren durchleuchten nun kritische Journalisten aus der alternativen Medienszene die vermeintlich blütenweiße Approbationsweste Lauterbachs auf Auffälligkeiten und Fehler.

Bisher mit erstaunlichen und nachvollziehbaren Ergebnissen, aber diesbezüglich nur sehr bedingter Wahrnehmung in der Gesellschaft. Der Mann galt bislang politisch-medial als schützenswert, annähernd unantastbar ausgehend von seiner leitenden Rolle des Dauermahners in Talkshows und Nachrichtensendungen vor dem Regierungswechsel im Jahr 2021, dann gesamtverantwortlich in der Rolle des Bundesgesundheitsministers in der Regierung Scholz.

Es dauerte bis zum 12. März 2023, dass unisono die Welt aus dem Springer-Verlag und der Münchner Merkur aus dem Ippen-Verlag in einer anscheinend nervösen Reaktion Lauterbachs und des BMG-Presseteams die Bürger über die nun offiziell bestätigten Ungereimtheiten im Lebenslauf des Bundesgesundheitsministers informierten. Die Schlagzeilen vom Wochenende lauten:

  • Welt: „Karriere als Wissenschaftler – Der dunkle Fleck in Lauterbachs Vergangenheit (Bezahlschranke)
  • Merkur: „Exklusiv: Lebenslauf gefälscht? Lauterbach reagiert auf die schweren Vorwürfe“

Weitere Reaktionen bezüglich der Recherche der Welt:

  • Bild: „Brisante Recherche zu seiner Uni-Bewerbung – Was ist da los mit Lauterbachs Lebenslauf?
  • Focus: „Nach Lebenslauf-Vorwürfen – Lauterbach: ‚Den konkreten Fall kann ich nicht mehr rekonstruieren’“
  • Pro Sieben-Media: „Brisante Recherche: Hat Lauterbach seinen Lebenslauf gefälscht?“

Einleitend erläutert der Welt-Artikel die recherchierten Ungereimtheiten:

„Die Akten des Berufungsverfahrens (im Jahr 1995) sind bis heute im Universitätsarchiv einsehbar – und könnten für den Bundesgesundheitsminister nun zum Problem werden. Denn auch seine Bewerbung lagert hier, und die lässt sich mit seiner tatsächlichen Laufbahn nicht in Einklang bringen.“

Lauterbach soll in dem Bewerbungstext die Berufungskommission bezugnehmend auf seine vermeintlich förderliche Rolle in „laufenden Forschungsprojekten“ und dafür dringend benötigte „Drittmittelförderung“ getäuscht haben, unter anderem für eine mit zwei Millionen Euro „durch das Bundesgesundheitsministerium geförderte Qualitätssicherung in der Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms durch das Tumorzentrum Aachen“. Lauterbach verkaufte sich laut den Unterlagen dabei als der benötigte Macher und Geldbesorger. Er habe dies mündlich sogar nachdrücklich bestätigt. Die Welt schreibt zu der Recherche:

„Bei einer persönlichen Vorsprache soll Lauterbach nachgelegt haben. In einem Protokoll heißt es, der Bewerber habe angegeben, ‚einen beträchtlichen Teil‘ seiner eingeworbenen Drittmittel nach Tübingen transferieren zu können – ein dickes Plus für Lauterbach im Bewerbungsverfahren, denn die finanzielle Lage der Uni war prekär.“

Fast dreißig Jahre später holt Lauterbach diese vollmundige Ansage nun ein. Ausgerechnet das Bundesgesundheitsministerium musste den Welt-Autoren demnach „in der vergangenen Woche mitteilen, ein Projekt mit diesem Namen sei nicht bekannt. Auch im Bundesarchiv gibt es keine Dokumentation dazu“. Das Brisante dabei: Leiterin des Tumorzentrums Aachen im Jahr 1995 war Lauterbachs Exfrau Angela Spelsberg, mittlerweile vernehmbare Kritikerin des Medien-Darlings Lauterbach. Der Welt-Artikel informiert:

„Angela Spelsberg, damals mit Lauterbach verheiratet, erklärte gegenüber dieser Zeitung allerdings, zu einem Projekt mit dieser Beschreibung lägen keine Unterlagen vor. Sie verwies stattdessen auf eine 2002 erschienene, vom Gesundheitsministerium geförderte Brustkrebs-Studie zu Krebsdaten in Aachen. Als Autoren werden sechs Personen aufgeführt – Karl Lauterbach ist nicht darunter.“

Es folgt die nächste beeindruckende Information: Das Welt-Team kontaktierte den in der von Spelsberg erwähnten Studie aus dem Jahr 2002 wirklich beteiligten Christian Mittermayer, Direktor des Instituts für Pathologie der RWTH Aachen. Dieser ließ am Telefon wissen, er erinnere sich an Lauterbachs Rolle jener Zeit, „in Bezug auf dessen Bewerbung in Tübingen möchte er allerdings Stillschweigen bewahren. Dazu habe man ihm geraten“. Die Welt-Autoren erhielten dafür Einsicht in einen Brief Mittermayers, dem zufolge Lauterbach im Jahr 1995 „am Institut für Pathologie eine halbe Assistentenstelle innegehabt hatte“, also weit entfernt von einer leitenden Position.

Die Antwort von Lauterbachs Pressechef und Medienberater Hanno Kautz bezugnehmend auf die Fragen: „Um welche Studie geht es? Wer waren die Co-Autoren? Von wem und wann wurde ein Antrag auf Förderung gestellt? Wann wurde der Förderung stattgegeben? Wann floss das Geld?“ ist entlarvend bis vernichtend:

„Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass nach mehr als einem Vierteljahrhundert die Details zu den von Ihnen erwähnten Studien nicht rekonstruiert werden können.“

Die Nerven im BMG müssen blank liegen, zumindest wird sich Nervosität im Ministerium breitmachen. Kann Karl Lauterbach weiter als Minister geschützt und gehalten werden? Regelmäßige Widersprüchlichkeiten in seinen Aussagen, floppende millionenschweren Impfkampagnen, völlige Fokussierung auf Corona. Nun die Vorwürfe zu Details in seiner Biografie. Die Pressestelle reagierte noch am Wochenende und autorisierte die offizielle Beantwortung von Fragen des Münchner Merkur. Diesbezüglich würden sich „die Vorwürfe der Welt derzeit (sic!) nicht unabhängig überprüfen lassen“. Weiter heißt es wörtlich von Lauterbach:

„Für eine Berufung sind nicht Drittmittel entscheidend, sondern die Qualifikationen. Nicht jedes geplante Drittmittelprojekt wird auch umgesetzt. Vier Professuren sind mir angeboten worden. Den Ruf nach Köln habe ich angenommen. Den konkreten Fall kann ich nicht mehr rekonstruieren.“

Lauterbach wurde Ende der 1990er Jahre in Tübingen nicht berücksichtigt, dafür kurze Zeit später in Köln als „C4-Professor für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie“. Auffällig hierbei: Die Universität zeigt sich aktuell wenig kooperativ hinsichtlich der Bitte um klärende Unterlagen. Die Uni-Leitung antwortete, es sei „obligatorisch, dass alle Bewerber einer „Wahrheitspflicht“ unterliegen, von deren Einhaltung ausgegangen werden dürfe.

Laut dem Welt-Artikel wird „auch eine zweite Behauptung zu Drittmitteln in der Bewerbung offenbar nicht stimmen“. Ein beteiligter US-Studienleiter teilte der Welt mit: „Karl war nicht an der Beschaffung der Förderung beteiligt.“ Er habe bloß bei der Konzeption und der Analyse der frühen Projektphasen „geholfen“. Der dritte irritierende Punkt im Welt-Artikel beschäftigt sich mit einer vermeintlich „zugesagten Förderung für ein Buchprojekt“. Auf Anfrage teilte die beteiligte Robert Bosch Stiftung den Welt-Autoren mit, man habe „Lauterbach die Förderung zwar zugesagt, das Geld sei aber am Ende doch nicht geflossen. Der Grund: Das Buch wurde nicht fertiggestellt“.

Noch am 12. März präsentierte die Welt unmittelbar einen Folgeartikel. Er trägt den eindeutig diskreditierenden Titel: „Gefälschter Lebenslauf – Lauterbach hat seit Beginn seiner Karriere ein Problem mit der Aufrichtigkeit“. Der Artikel endet in der Gesamtbewertung für den Minister vernichtend mit der Feststellung:

„Wenn das Kapital eines Wissenschaftlers und Politikers die Glaubwürdigkeit ist, dann ist dieser Gesundheitsminister, wie sich jetzt herausstellt, von Anfang an ein Irrtum gewesen.“

Die kommenden Tage und Wochen werden nun zeigen, ob ein Karl Lauterbach für die amtierende Ampel-Koalition noch zu tragen ist. Der ein oder andere BMG-Ministeriumsangestellte oder Regierungsabgeordnete wird sich sehr genau erinnern, mit welcher Arroganz und Überheblichkeit Lauterbach zurückliegend agierte. Man darf daher gespannt sein, ob sich Lauterbach in einem seiner bevorzugten Talkformate bei ARD und ZDF kritischen Fragen stellen wird. Die Redaktion von Maischberger & Co. wird sich schon genüsslich die Hände reiben hinsichtlich der öffentlichen Vorführung. Dass Eimer mit Teer und Federn hinter den Kulissen bereits schon vorbereitet wurden, gilt dabei als reines Gerücht.

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Von Veritatis

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