Alina Saha ist Redakteurin des Freitag. Sie schreibt abwechselnd mit Dorian Baganz, Özge İnan, Elsa Koester und Tadzio Müller die Kolumne „Super Safe Space“.

Wer heute Weisheit sucht, findet sie auf Tiktok. Zumindest die Weisheit, die sich selbst für Weisheit hält. Lifestyle-Tipps, Ernährungsberatung, Beziehungstherapie oder Dating-Ratschläge. Bei den Finanztipps hat sich für Frauen jetzt eine neue Kategorie in den sozialen Medien eröffnet: „sprinkle sprinkle“.

Das ist die Catchphrase der selbst ernannten Finanzberaterin und Youtuberin SheraSeven, die eigentlich Leticia Padua heißt und deren Videos in Best-offs ihre Runden auf Tiktok drehen. Immer mehr Nachahmerinnen und Fans schießen aus dem Boden. Kein Wunder, Shera verspricht ein Leben in Luxus, ohne arbeiten zu müssen. Die Methode: Such dir einen reichen Mann, sorge dafür, dass er dir zu Füßen liegt. Dann nimm ihn aus, lass ihn alles zahlen. Du selber tust: nichts. Zahlt er nicht mehr, suchst du dir einen neuen. Dazu gibt es noch eine Anleitung darüber, wo du so einen Mann findest, wie du ihn emotional manipulierst und wie du anschließend das „soft life“, mit den Hauptbestandteilen Freizeit und Spa, genießen kannst.

Die Idee ist so toxisch, dass Accounts wie der von Shera auch als „weiblicher Andrew Tate“ bezeichnet werden. Wer ihn nicht kennt: Tate ist ein frauenfeindlicher, chauvinistischer Influencer. Beide propagieren eine Beziehung, in der ein „Alpha-Mann“ das Geld ranschafft, während die Frau zu Hause sitzt und nur dafür da ist, schön auszusehen. Mit dem feinen Unterschied, dass Shera noch nicht empfohlen hat, einem Mann, der sich weigert zu zahlen, ein paar Ohrfeigen zu verpassen, um ihn an seinen Platz zurückzuverweisen.

Bei Tate geht es um Macht, bei SheraSeven ums Geschäft, denn nichts anderes ist für sie und ihre Followerinnen eine Beziehung. Deshalb ist sie Finanzberaterin, nicht Dating-Coach.

Shera: „Männer enttäuschen dich sowieso“

Ihre Inhalte produziert sie bereits seit etwa acht Jahren. Den plötzlichen Erfolg auf Tiktok feiert sie, weil ihre Videos inhaltlich an Dating-Ratschläge für junge heterosexuelle Frauen anknüpfen. Gerade beim Dating zeigt sich, dass es eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen von Männern und Frauen an eine Partnerschaft gibt. Während sich Frauen finanziell unabhängig gemacht haben, gleichberechtigte Partnerschaften nicht nur wollen, sondern diese auch einfordern, weigern sich viele Männer, ihren Anteil zu einer Beziehung beizusteuern. Das frustriert ungemein, aber glücklicherweise müssen Frauen sich damit nicht mehr zufriedengeben, sondern können einfach gehen. „Heute ist ein guter Tag, ihn sitzen zu lassen“, ist ein beliebter Ratschlag auf Tiktok, oder: „Männer enttäuschen dich sowieso, also sieh zu, dass du wenigstens etwas davon hast“. Wer „etwas davon haben“ durch „Geld dafür bekommen“ ersetzt, landet schnell bei Sheras toxischen Beziehungsmustern.

Einen entscheidenden Punkt lässt die Finanzberaterin aber aus: Nie macht sie klar, wie prekär die Situation von Frauen ist, die sich finanziell von einem Mann abhängig machen. Kein Wort darüber, was es bedeutet, falls der Mann sich trennt, weil er unter einer Beziehung etwas anderes versteht, als ein Portemonnaie auf zwei Beinen zu sein. Denn die Macht in dieser Beziehung hat am Ende immer noch derjenige, der das Geld in der Hand hat.

Natürlich hat es kein Mann verdient, nur danach bewertet zu werden, was er verdient. Aber schuld an dieser Bewertung ist nicht SheraSeven, sondern das Patriarchat. Euch darüber beschweren, liebe Männer, dürft ihr also nur, wenn ihr euren Teil der Care-Arbeit leistet.



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Von Veritatis

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