Kino Die polnische Regie-Altmeisterin Agnieszka Holland wurde für ihren Film „Green Border“ über die Lage an der polnisch-belarussischen Grenze von der eigenen Regierung diffamiert


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Ausgabe 05/2024

Für Wasserflaschen verlangen Soldaten im Grenzgebiet von Flüchtlingen 50 Euro

Für Wasserflaschen verlangen Soldaten im Grenzgebiet von Flüchtlingen 50 Euro

Foto: Agata Kubis/Piffl Medien

Nur einige Sekunden sind es, in denen die Kamera über endlose grüne Wälder schwebt, dann entzieht es der Leinwand alle Farbe, die Bäume und der Himmel erscheinen nun in Schattierungen von Schwarz und Weiß und den Grautönen dazwischen. Nur der Filmtitel, eben noch weiß, leuchtet kurz giftig grün, bevor er verschwindet: Green Border.

Mit diesen Bildern beginnt der neue Film der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland, in dem sie auf sehr vielschichtige Weise die existenzielle Not an der polnisch-belarussischen Grenze schildert, einer der Grenzen, an denen sich die Europäische Union vom Rest der Welt abschirmt, von all den Flüchtenden aus Syrien, Afghanistan und von anderswo, die auf ein besseres Leben in Europa hoffen. Holland erzählt in

and erzählt in ihrem Film aber nicht nur von den Flüchtenden, sondern auch von den oft in menschenverachtender Weise handelnden Soldaten auf beiden Seiten der Grenze und auch von den Aktivisten, die den Heimatlosen wiederum zu helfen versuchen.Angelockt von dubiosen Versprechungen des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko landet im Oktober 2021 ein Flugzeug in Minsk, mit Passagieren aus dem Nahen und Mittleren Osten, darunter die afghanische Englischlehrerin Leila und eine junge syrische Familie, die zu ihren Verwandten nach Schweden will. Von Schleppern lassen sie sich für viel Geld an die Grenze zu Polen bringen. Der Übertritt gelingt zunächst, doch die polnischen Grenzkräfte drängen sie bald wieder zurück auf belarussisches Gebiet. So werden sie zwischen den Stacheldrahtzäunen hin- und hergeschoben wie Vieh, stranden ohne Nahrung und ärztliche Versorgung im Niemandsland, drangsaliert von zynischen Soldaten, die ihnen Wasserflaschen für 50 Euro verkaufen. Lukaschenko spielt sie unterdessen als Druckmittel gegen die EU aus. Aber es regen sich in der polnischen Bevölkerung auch Zweifel und Widerstand. Einige Menschen beginnen, sich einzusetzen gegen diese Gräuel, sie wollen zivilen Ungehorsam leisten und organisieren heimliche Hilfe für die Geflüchteten.Wie kam die 75-jährige Regieveteranin darauf, einen Film über die Grenze drehen zu wollen? „In Polen begann die Flüchtlingskrise in einem kleinen Dorf namens Usnarz Górny, das bald zu einem symbolischen Ort wurde“, erzählt Agnieszka Holland im Interview. „Dort saß eine Gruppe von afghanischen Flüchtlingen fest, zwischen weißrussischen Soldaten auf der einen und polnischen auf der anderen Seite. Sie konnten weder vor noch zurück. Als die Öffentlichkeit davon erfuhr, kamen Aktivisten, Ärzte und Oppositionspolitiker dorthin. Zunächst ließen es die Grenzpolizisten noch zu, dass den Geflüchteten Essen und medizinische Hilfe gebracht wurden. Doch nach ein paar Tagen war damit Schluss, niemand durfte sich ihnen nähern. Befehl von oben. Eine unverständliche und grausame Situation, die für viele Menschen zum Wendepunkt wurde.“Holland wollte zunächst einen Film über diesen spezifischen Ort, Usnarz Górny, machen. Aber als die Gesamtlage weiter eskalierte, sah sie sich gezwungen, einen Ansatz finden, der die volle Komplexität der Situation zeigen und die Entscheidungen aller Beteiligten nachvollziehbar machen könnte, der Geflüchteten ebenso wie der Helfer. Als die polnische Regierung beschloss, eine Sperrzone rund um das Grenzgebiet einzurichten, und den Zugang für Medien, medizinisches Personal und humanitäre Organisationen verbot, drangen nur noch wenige Informationen nach außen. Ihnen sei klar geworden, dass sie allein mit dokumentarischen Mitteln nicht weiterkommen. So entschieden sie sich für den Spielfilm. „Eine Fiktion, erzählt aus verschiedenen Blickwinkeln, aber basierend auf den dort gesammelten Fakten.“Holland verbindet im Film die migrantische Perspektive mit der von diversen Helfer*innen und Aktivist*innen und mit der eines polnischen Grenzsoldaten, dem vom Vorgesetzten eingebläut wird, die Geflüchteten seien keine Menschen, sondern von Belarus strategisch eingesetzte Waffen. Sie inszeniert das hautnah mittendrin und aufrüttelnd, der Macht der Bilder vertrauend. Für die nüchterne Schwarz-Weiß-Ästhetik entschied sie sich, „weil ich dachte, dem Film dadurch einen gewissen dokumentarischen Charakter verleihen zu können und zugleich eine metaphorische Dimension, ein Gefühl der Zeitlosigkeit“.Manche Szenen des Films sind in ihrer Drastik nur schwer erträglich, Grenzschützer prügeln unerbittlich auf Menschen ein, eine schwangere Frau wird brutal aus einem Transporter geworfen, auf der Flucht durch ein Sumpfgebiet ertrinkt ein Kind. Nicht nur deshalb wirkt Hollands Drama sehr authentisch, die Besetzung mit Laiendarstellern trägt ebenfalls dazu bei. „Die Menschen, die Flüchtlinge spielen, sind selbst Geflüchtete“, erklärt die Regisseurin. „Sie haben das Leid erlebt, das wir zu vermitteln versuchen.“ Und Maja Ostaszewska, die im Film eine polnische Psychotherapeutin spielt, die sich einer Aktivistengruppe anschließt, setze sich selbst „an vorderster Front für Flüchtlinge ein. Die persönlichen Erfahrungen aller Schauspieler sind ein zentraler Aspekt des Films.“Massive DrohungenIn Polen war das Thema lange ein Tabu. Entstanden sei der Film zwar „nicht im Geheimen, aber sehr diskret“, sagt Holland. „Eine Genehmigung am Ort des Geschehens hätten wir nicht bekommen. Wir haben die Grenze in einem Waldstück bei Warschau nachgestellt, das in Privatbesitz ist. Das war unsere einzige Möglichkeit, zu drehen, ohne Probleme mit Behörden und der Polizei zu bekommen.“ Angegriffen und diffamiert wurde die Regisseurin trotzdem, und das noch bevor das Flüchtlingsdrama vergangenen September beim Filmfest von Venedig uraufgeführt wurde. Zbigniew Ziobro etwa, Justizminister der inzwischen abgewählten rechtsnationalen PiS-Regierung, verglich den Film mit Nazi-Propaganda, ohne ihn gesehen zu haben.„Auf eine Reaktion war ich gefasst“, sagt Holland, „aber nicht darauf, dass sie so extrem sein würde. Ich hatte damit gerechnet, dass Teile der staatsgelenkten Medien mich angreifen würden, aber niemals der Premierminister oder andere führende Politiker. So etwas hat es noch nie gegeben. Aber sie haben auch dazu beigetragen, den Film bekannt zu machen. Fast 800.000 Menschen haben ihn in Polen gesehen.“In Venedig wurde Green Border mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In ihrer Heimat erhielt Holland teils massive Drohungen, vor allem in den sozialen Medien. „Man weiß nie, ob nicht irgendein Fanatiker Worten Taten folgen lässt. Zum Kinostart habe ich mich in meinem Haus eingeschlossen und Leibwächter engagiert“, erzählt sie und fügt dann in ihrer typischen trockenen Art hinzu: „Das war eine interessante Erfahrung.“Aber Green Border habe auf diese Weise dafür gesorgt, dass über die Situation der Geflüchteten gesprochen wird. „Das Thema ist lange von der offiziellen Propaganda vernachlässigt oder manipuliert worden.“ Bei den Parlamentswahlen im Oktober hat die bisherige Opposition eine überraschende Mehrheit erreicht, inzwischen hat Donald Tusk die Regierung übernommen. Die Regisseurin bleibt aber skeptisch, ob nun tatsächlich ein Umdenken einsetzt. „Ich mache mir keine Illusionen, dass sich durch den Regierungswechsel grundlegend etwas ändern wird, nur weil statt Rechtsnationalen jetzt Liberalkonservative an der Macht sind. Die Politiker führen durch Angst, und die Menschen reagieren darauf, sie haben das Gefühl, an einem sehr gefährlichen Ort zu leben. Die Frage ist, was dabei die Rolle der Kunst und des Kinos sein kann. Werke zu schaffen, die kritisieren, was vor sich geht? Das ist nicht genug.“Auch wenn Holland sich in ihrem Film auf die Situation in Polen fokussiert, prangert sie doch die Politik in ganz Europa an. Die EU werde keine Sanktionen ergreifen, ist sie sich sicher, „weil auf europäischer Ebene genau gleich gehandelt wird, nur eben mit weißeren Handschuhen. Es wird von Menschenrechten gesprochen, aber Polen wird erlaubt, zu tun, was es tut. Ebenso im Mittelmeer. Die Situation wird verdrängt, und die Grausamkeit wird weiter wachsen. Die meisten können sich gar nicht vorstellen, was an den Grenzen passiert. Auch deswegen haben wir den Film gemacht.“Ans Ende ihres Films stellt Holland die Ignoranz der Bevölkerung angesichts Geflüchteter aus Syrien und Afghanistan der Willkommenskultur für Menschen aus der Ukraine gegenüber, was vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Davon abgesehen ist Green Border ein humanistisches und politisch relevantes Plädoyer, das uns alle angeht.Eingebetteter MedieninhaltPlaceholder infobox-1



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Von Veritatis

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