Reportage Der Hof der Familie Choragwicki im äußersten Südwesten hat ein Auf und Ab erlebt, ohne in existenzielle Schwierigkeiten zu geraten. Derzeit stören sie die Ökoregeln der EU und die ukrainischen Agrareinfuhren


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Ausgabe 14/2024

Die Familie Choragwicki 2007, Ewa und ihr Sohn Bartek (rechts)

Die Familie Choragwicki 2007, Ewa und ihr Sohn Bartek (rechts)

Polen ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Es gehörte zu den ersten Ländern, die einen Antrag auf Aufnahme stellten und damit die „Osterweiterung“ anschieben halfen. 1998 begannen die Beitrittsverhandlungen, sechs Jahre später, als es so weit war, schwankte die Stimmung der polnischen Landwirte zwischen „Das kriegen wir schon hin“ bis zum sorgenvollen „Alles wird teurer, zugleich werden wir für unsere Produkte weniger bekommen!“ Die deutschen Bauern hatten ebenfalls bestimmte Erwartungen: „Die machen uns platt mit ihren niedrigen Preisen!“

Aber im kalten Frühjahr 2004 – Beitrittsdatum war der 1. Mai – wurde erst einmal gefeiert. In Bogatynia, einer Stadt im äußersten Südwesten

2;dwesten und im Dreiländereck mit Deutschland und Tschechien, war in einen gut geheizten und festlich geschmückten Saal geladen. Das Fernsehen berichtete, der Bürgermeister hielt eine EU-freundliche Rede, es gab Beifall und skeptische Blicke. Polnische, tschechische und deutsche Landfrauen tischten auf: Bigos, Fleisch, Torten, Schnaps, Wein und Bier. In der entspannten Stimmung lud mich der Bauer Zbigniew Choragwicki auf seinen Hof: „Kommen Sie und sehen Sie sich an, wie wir leben!“Drei-Generationen-HofSein Betrieb lag im Ort Bialopole direkt neben dem Braunkohletagebau Turów und nur wenige Kilometer von der deutschen Grenzstadt Zittau entfernt. Zbigniew Choragwicki und seine Frau Ewa hatten 2001 die Wirtschaft von den Eltern übernommen. Sie hatten zwei Kinder, Marta und Bartek, es lebten drei Generationen auf dem Hof zusammen. Nachdem er den Betrieb an seinen Sohn abgegeben hatte, arbeitete der Senior Stanislaw Choragwicki noch einige Jahre mit. Er baute Kartoffeln an, half beim Heuwenden, zog Zäune für die Schafe – es gab immer etwas zu tun. Er erhielt diesen Hof mit viel Energie, nachdem er einen großen Milchviehbetrieb an den Braunkohleabbau verloren hatte.Im Herbst 2004 allerdings, als ich die Familie erneut besuchte, musste der Seniorchef entbehrt werden. Er hatte eine schwere Magenoperation überstanden und war zur Kur. Zbigniew Choragwicki stand neben einem Traktor und zeigte über seinen Acker, auf dem er gerade Weizen säte. „30 Hektar fehlen noch“, meinte er lakonisch und füllte Saatgut in die Sämaschine. Wie häufig in dieser Gegend fegte ein scharfer Wind über die Flächen, er nahm Anlauf über der Kohlengrube und raste Richtung Tschechien, das am Horizont hinter einigen krummen Apfelbäumen beginnt. „Da kann ich jetzt ohne Probleme Äpfel sammeln“, sagte Ewa, „im vergangenen Jahr wollten mich die tschechischen Grenzposten noch festnehmen, weil sie dachten, ich hätte Schmuggelware in meiner Tasche.“Das Ehepaar erzählte von der guten Ernte. Die Getreidelager seien so voll wie nie. Es hatte zwar viel geregnet, aber das wirkte sich positiv aus, weil der Tagebau den Grundwasserspiegel absenkte und die Felder deshalb oft zu trocken waren. Das feuchte Korn konnte dank der neuen leuchtend roten Getreidetrocknung lagerfähig gemacht werden. Die kostete umgerechnet knapp 22.000 Euro und wurde mithilfe des EU-Programms „Sapard“ gekauft, das einen Zuschuss von 10.300 Euro ermöglichte.Später am gemütlichen Küchentisch zog Zbigniew eine Bilanz der ersten Monate in der EU. Vor einiger Zeit habe er noch gesagt: „Ich mache das nur gezwungenermaßen mit!“ Und jetzt? „Das kann ich noch nicht beurteilen, aber der polnische Staat steht nun mehr unter Kontrolle der EU, sodass hoffentlich nicht so viel Geld irgendwo versickert.“ Man bemerkte den Wandel in der Umgebung. Das Land wurde bearbeitet, es gab kaum noch Brachflächen. Die Rindfleischpreise waren um bis zu hundert Prozent höher als im Jahr zuvor. „Rinder brauchen viel Zeit“, wandte Ewa Choragwicka ein, „Ich arbeite neun Stunden am Tag im Kohlekraftwerk Turów. Mir gefällt die Arbeit dort, auch verdiene ich viel mehr, als wenn ich diese Zeit in der Landwirtschaft zubringen würde“. Ewa war außerdem für die Buchhaltung des Hofes zuständig und zeigte ihr neues Programm, in das sie sich gerade einarbeitete. Einen Internetanschluss hatte der Hof seinerzeit nicht. Die Leitungen gaben das nicht her. „Was ist euer nächstes Ziel?“, fragte ich. Es sollte ein Mähdrescher erworben werden, ein neues Investitionsprogramm der EU, das ähnlich wie „Sapard“ funktionierte, würde dabei helfen. „Wir werden im Winter den Antrag stellen.“Wieder ein Jahr später hatte sich die Stimmung verschlechtert. Die Getreidepreise waren zu niedrig, das Korn lag noch in der Scheune, und es gab kein neues Land zu kaufen, denn das hatten finanzkräftige Landwirte aus Deutschland ersteigert. Die polnischen Bauern in der Umgebung waren empört und organisierten ein Treffen auf dem Hof der Choragwickis. Man wollte sich zusammenschließen und erwartete Hilfe vom polnischen Staat.Die nächsten Jahre dann verliefen im typischen Auf und Ab eines Agrarbetriebes. Wieder wurden neue Maschinen angeschafft, die jeweils mehrere 10.000 Euro kosteten, auch diesmal kamen Zuschüsse aus Brüssel. Ein neuer Mähdrescher komplettierte den Maschinenpark und war zuverlässiger als der alte polnische vom Typ „Bison“. Aber die Zeit war nicht leicht, es gab Krankheiten in der Familie, Überschwemmungen und einen Hagelsturm, der 80 Prozent der Ernte vernichtete. Trotzdem antwortete Ewa Choragwicka auf meine Frage: „Wie geht es?“ – „Dobrze, gut geht es.“ Das Saatgut konnte, ohne sich zu verschulden, gekauft werden. Nur ein Problem ließ sich nicht lösen, der Braunkohletagebau fraß ihren Boden und hatte sich schon elf Hektar genommen. Sobald es in der Nähe neues Land zu pachten gab, bemühte sich die Familie darum und konnte eine Fläche von immerhin 160 Hektar erhalten, auch wenn die ihr nicht reichten.Mal verboten, mal erlaubtInzwischen sind die polnischen Bauern fast 20 Jahre in der EU, wie geht es dem Betrieb der Familie Choragwicki heute? Als weithin sichtbares Zeichen des Fortschritts ragen neben der Hofeinfahrt vier neue, silbern blitzende Getreidesilos hoch. Doch ist das eher Nebensache, wenn sich Ärger und viele Sorgen bemerkbar machen. Die Begeisterung der Anfangsjahre in der EU, der Stolz auf Erreichtes, scheint verschwunden.Ich treffe die Frauen der Familie: Ewa Choragwicka, mittlerweile 60, und ihre Schwiegermutter Katarzyna Choragwicka. Stanislaw Choragwicki, der Senior, ist schwer erkrankt, liegt im Bett und möchte nicht am Gespräch teilnehmen. Zbigniew Choragwicki, ebenfalls 60, und sein Sohn Bartek, 33, zwischenzeitlich auch Landwirt, sind nicht da. Sie haben dringende, zuvor nicht absehbare Termine.Ewa und Katarzyna erzählen, wie es mit dem Hof in den vergangenen Jahren weiterging: Das größte Problem bleibe die Landknappheit, doch ergaben sich Möglichkeiten durch einen Todesfall in der Nachbarschaft. Sohn Bartek konnte dadurch nach dem Ende seines Studiums im Fach Landmaschinenbau etwa 70 Hektar übernehmen und gründete einen eigenen Ackerbaubetrieb. Mithilfe der Junglandwirte-Förderung verfügt er nunmehr über 150 Hektar Boden – teils als Käufer, teils als Pächter – und gehört damit nach polnischen Maßstäben zu den Großagrariern. Er kümmert sich zugleich um die Buchführung für den 160-Hektar-Betrieb seines Vaters und übernahm auch dessen Schafherde. Eine solche Tierhaltung sichert eine finanzielle Förderung der dafür genutzten Weideflächen. Für Katarzyna, die Schwiegermutter, wäre es kein Leben ohne Schafe und Geflügel: keine Tiere, kein Schlachten, kein eigenes Fleisch, das will sie sich gar nicht erst vorstellen. Sie macht ein ärgerliches Gesicht, wenn sie darüber spricht, dass die EU ihren Arm bis in ihre Kochtöpfe ausstrecke. Das Schlachten war in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten mal erlaubt, dann verboten, dann wieder erlaubt.An Blockaden beteiligtDa Bartek Choragwicki inzwischen verheiratet ist und einen Sohn hat, leben im Augenblick vier Generationen als große Wohngemeinschaft zusammen. Nur Tochter Marta ist ausgezogen, hat studiert und eine eigene Familie gegründet. Als Bartek von seinem Termin nach Hause zurückkehrt, stellt er sich mitten ins Wohnzimmer, seinen zweijährigen Sohn auf dem Arm, und ist zum Sitzen zu wütend. Er legt los: „Sie wollen etwas über die Vor- und die Nachteile unseres Daseins in der EU wissen? Die mischen sich zu sehr ein. Wir müssen jetzt Punkte sammeln! Mit dem Handy! Der Tiermist muss innerhalb von zwölf Stunden untergepflügt sein, ich muss dauernd vom Traktor aus fotografieren, damit die kontrollieren können, was ich tue. Mein Vater weigert sich, der verzichtet lieber auf die Punkte und das zusätzliche Geld aus den Ökoprogrammen, manchmal übernehme ich das dann für ihn. Für die Stilllegungsflächen zahlen wir Steuern und Pacht, obwohl wir damit nichts erwirtschaften. Und dann belasten uns die Einfuhren aus der Ukraine, wodurch die Preise noch weiter sinken. In der Ukraine haben sie riesige Betriebe, aber keine EU-Auflagen – wie sollen wir da noch mithalten?“Das ist keine Unterhaltung mehr, das ist eine Wutrede. Das Gesicht des Junglandwirts hellt sich erst auf, als er erwähnt, dass es mit dem Verkauf des Getreides seit Jahren keine Probleme gebe. Zu einer deutschen Firma würden stabile Geschäftsbeziehungen unterhalten. Tatsächlich gibt es auf dem Hof unterdessen eine Waage für Lastkraftwagen, wenn der Kunde selbst vorfährt und das Getreide abholt.Schließlich kommt auch der jetzige Seniorbauer Zbigniew Choragwicki nach Hause. Als er keinerlei Interesse zeigt, sich an unserem Gespräch zu beteiligen, wird es seiner Frau Ewa zu viel. Sie schlägt einen Hofrundgang vor. Während wir losgehen, erklärt sie: „Alle unsere Maschinen sind überwiegend erneuert. Als Nächstes wird es eine bessere Getreidetrocknung geben.“Ewa Choragwicka führt zu den neu gebauten Silos für die Getreidelagerung, öffnet die Tore zur Scheune und gibt den Blick frei auf Getreide-, Raps- und Maisberge. „Gute Qualität“, lobt sie. Ist er an dieser Stelle doch zu bemerken – der Stolz auf das Erreichte? Ewa fügt noch an, dass ihr Mann und der Sohn sehr aktiv an den aktuellen Bauernblockaden teilnehmen.Es wird dunkel. Aus einem neuen Besuchs- und Interviewtermin in drei Monaten wird vorerst nichts. „Vielleicht wenn die Proteste beendet sind“, so die Auskunft von Ewa Choragwicka, die noch eine Aufforderung in Richtung Brüssel formuliert: „Wir wollen Änderungen bei den EU-Regeln, die neuen Ökoregeln passen uns nicht. Wir wollen Gerechtigkeit zwischen den EU-Landwirten, und wir wollen keine ungesteuerte und ungebremste Einfuhr ukrainischer Produkte.“Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis