Der Kurator des Skupturenpfadprojekts zum Kulturhauptstadtjahr 2025 verbindet seine Leidenschaft für Kunst mit Expertise. Doch was hat den Franken dazu bewegt, dieses einzigartige Projekt zu leiten? Eine Annäherung.

Kulturhauptstadt Chemnitz 2025.

Wir treffen uns in einem Chemnitzer Bistro. Alexander Ochs kommt gerade von einem Termin mit dem Künstler Osmar Osten auf dem Schillerplatz, wo im Rahmen des Purple Path eine Arbeit von Osten Platz finden soll. Der “lila Pfad”, ein Skulpturenweg, verbindet 38 Orte der Region mit der künftigen Kulturhauptstadt Chemnitz. Auch deshalb ist Alexander Ochs immer unterwegs, die Gedanken sprudeln nur so aus ihm heraus. Es gibt kein Vorspiel, keine Einstimmung, er fällt mit der Kunst ins Haus, spricht mit wenigen Unterbrechungen in seinem – trotz vieler Jahre in Berlin, vielen Besuchen in China – noch immer deutlichen fränkischen Dialekt. Der klingt ein wenig hart und schroff. Und wenn der Kurator, wie am vergangenen Samstag bei der Einweihung der neunten Skulptur am Purple Path in Gahlenz, die Fotografen zurechtweist, sie mögen doch erst einmal die Eröffnung abwarten, bevor sie Menschen um das “Polygonale Pferd II” von Gregor Gaida gruppieren, dann wünscht man sich etwas mehr Freundlichkeit in der Stimme, auch wenn er in der Sache Recht hat.

Schulversager, Rebell, “Kulturindianer”

Doch Alexander Ochs ist ein Überzeugungstäter. Es geht ihm um die Kunst. Er liebt die Kunst, und er ist begeistert von “dieser universellen Liebe, die Menschen zu Künstlern und deren Spiritualität zu Kunst werden lässt”, wie er im Text zu einer seiner schönsten, wie er selbst sagt, Ausstellungen – “Du sollst dir (k)ein Bild machen” 2015 im Berliner Dom – schrieb. Ganz ähnlich ist er auch selbst zur Kunst gekommen. Er entstammt einem musischen Elternhaus. Der Vater war Jazzmusiker, der Großvater Graveur. Nur die Schule mochte Alexander Ochs nicht: “Ich habe nicht studiert. Ich bin 1954 geboren, war selbstständiger Buchhändler, hatte das, was man eine alternative Buchhandlung nannte. Ich bin – heute kann ich ja offen darüber sprechen – Schulversager, hatte da große Probleme, auch weil ich rebelliert habe. Bin rausgeflogen, habe dann eine Lehre als Schriftsetzer gemacht, Buchbinder und Drucker gelernt. So entwickelte sich die Liebe zum Buch. Und dann war ich in meiner Heimatstadt Bamberg sozusagen der ‚Kulturindianer‘, habe früh angefangen Konzerte zu veranstalten. Auch im Zusammenhang mit der Altstadtsanierung, habe ein bisschen mitgeholfen, das ins Weltkulturerbe zu führen.”

“Im Endeffekt machen Sie so einen Job, weil Sie sich selbst retten wollen.”

Aber, fügt er nach einer kurzen Pause an: “Im Endeffekt machen Sie so einen Job, weil Sie sich selbst retten wollen. Ein Künstler kommt zur Kunst, weil er Kunst machen muss. Und es gibt auch Kuratoren, die kommen zur Kunst, weil sie da eine Möglichkeit sehen, etwas auszudrücken, nicht nur auf einer spirituellen Ebene, sondern auch auf einer politischen Ebene, wo mir die Worte fehlen und ich das besser ausdrücken kann durch Kunst.”

Hatte Alexander Ochs selbst mal künstlerische Ambitionen? Als Kind habe er zwar gemalt, aber jetzt sei “die Arbeit, die ich mache, eine weitestgehend künstlerische Arbeit und nicht diese normale kuratorische Arbeit. Von daher ist die Frage, haben Sie schon mal Kunst gemacht, beantwortet.”

Womit er ganz schnell zum Chemnitzer Projekt überleitet. Für das habe er sich gar nicht beworben, sondern wurde von Ulf Kallscheidt, damals für den Kunstverein Oscar im Kulturzentrum Weltecho tätig, angesprochen. Mit ihm stand Ochs nach einer Ausstellung mit einer chinesischen Künstlerin in Verbindung. Ochs’ Erfahrungen mit Ausstellungen in Kirchen hätten wohl eine Rolle gespielt und seine Begeisterung für die Region im Südwesten Sachsens, über deren Eigenheiten er schnell und gründlich recherchierte. Ochs hatte zuvor einige Jahre chinesische Kunst in Deutschland bekanntgemacht und, gemeinsam mit seiner Frau, eine Galerie in Berlin betrieben.

“Es gibt Tabuthemen, und die müssen an die frische Luft.”

Nun also Chemnitz und das Erzgebirge. Schnell sind ihm einige Eigenheiten der Stadt aufgefallen: Als er das erste Mal im Museum Gunzenhauser gewesen sei, “da fallen mir doch die Augen aus. Da ist ein Stück besser als das andere.” Aber: “Warum kann man hier eine ordentliche bis fantastische Arbeit machen, aber es wird nicht akzeptiert in dieser Stadt? Nur wo die Leute stolz sind auf das Eigene, bringen sie auch die Tante aus Amerika oder aus Bochum mit”, wie er es etwa in der Weltkulturerbe-Region Erzgebirge beobachtet hat. “Ich denke, man muss helfen, in dieser Stadt ein Bewusstsein zu schaffen für das, was da ist, aber auch für die Situation, in der etwas kaputtgegangen ist. Ich höre hier immer nur ‚das Ende des Krieges‘, ich höre nie ‚das Ende des Faschismus‘. Das ist nicht aufgearbeitet. Es gibt Tabuthemen, und die müssen an die frische Luft und behandelt werden, um eben diese Brüche sichtbar zu machen und dann auszuheilen. Dazu gehört die Idee einer neuen Identität, weg von dieser Schmerzens-DNA. Die ist das Problem hier, und sie nützt den Rechten.”

Die Kunst tue sich in Chemnitz auch schwer, “weil es in der Stadt hier keine Grundspiritualität gibt wie bei den Menschen auf dem Land”. Die seien viel näher dran an der Kunst, “über die Kirchen, diese Schönheit, die sie umgibt und die sie jeden Tag in ihrer Art und Weise irgendwo nutzen und an ihr partizipieren”.

Vielleicht ist von allen Kulturhauptstadt-Projekten der Purple Path bisher am sichtbarsten, weil Alexander Ochs den Kontakt zu den Menschen in der Region sucht, findet und sie begeistern kann. Jörg Seifert, Künstler und Kunstorganisator in Annaberg-Buchholz: “Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge. Im Umfeld gab es zunächst Skepsis, aber alle waren beeindruckt, wie sich Alexander Ochs in die Region eingearbeitet hat. Er sprüht vor Ideen, manchmal ohne Rückendeckung, und permanent ändert sich etwas, aber es funktioniert.”

“Du kannst ja hier nur alles falsch machen.”

Ochs kennt die Diskussionen um den Purple Path, die Auswahl der Standorte, der Kunstwerke. “Ich hab mich in dieser Stadt ja quasi nicht mehr aus dem Haus getraut. Du kannst ja hier nur alles falsch machen.” Aber er geht Konflikten nicht aus dem Weg, sucht auf seine manchmal etwas spröde Art auch Kompromisse. Demnächst soll die gesamte Liste der Künstlerinnen und Künstler für den Kunstweg veröffentlicht werden, unter anderem “Pioniere, die hier im Osten leider in Teilen untergegangen sind”, so Ochs. Auf der Liste stehen berühmte Namen wie Rebecca Horn, Alice Aycock, William Tucker und James Turrell. Aus Chemnitz sollen Michael Morgner, “wenn er denn mitmacht”, Jan Kummer und eben Osmar Osten vertreten sein. Inzwischen seien die meisten Arbeiten finanziert, für einige wenige stehe die Finanzierung noch aus, weil manche Kommunen später dazu kamen.

Und immer gelte: “Für das, was jetzt hier passiert, ist die Kontextualisierung wichtig. Aber man muss auch aufpassen, dass die Kontextualisierung nicht in den Vordergrund tritt.” Der gesamte Purple Path sei “bestimmten historischen Ereignissen zugeordnet, Träumen, Erfahrungsräumen, einer gewissen Sozialgeschichte”. Manchmal, sagt Ochs, habe er das Gefühl, “einfach zu viele lose Enden in der Hand zu halten, die ich immer wieder zusammenbinden muss”. Und doch gehöre der Purple Path “zum Schönsten, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe”. Sagt Alexander Ochs und eilt weiter.

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Von Veritatis