Sexismus Als erfolgreicher deutschsprachiger Rapper kann Yung Hurn eine steile Karriere vorweisen. Seine Konzerte sind nicht nur in Österreich oft ausverkauft – trotz frauenfeindlicher Texte und Missbrauch-Gerüchten


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Ausgabe 15/2024

Übergriffig? Yung Hurn und seine Fans auf einem Konzert im Juli 2018 im österreichischen St. Pölten

Übergriffig? Yung Hurn und seine Fans auf einem Konzert im Juli 2018 im österreichischen St. Pölten

Foto: Herbert P. Oczeret/apa/dpa

Die vier Zahlen 1220 – die Postleitzahl des Wiener Gemeindebezirks Donaustadt – prangen über seinem Bauchnabel. Der Bezirk liegt am Wiener Stadtrand und abseits des innerstädtischen Trubels. Dort ist Yung Hurn, mit bürgerlichem Namen Julian Sellmeister, aufgewachsen, hat als Jugendlicher im Bezirksverein SV Hirschstetten gespielt und die Schule abgebrochen. 2014, mit 19 Jahren, beginnt er zu rappen, seine Karriere nimmt schnell an Fahrt auf. 2016 folgt der erste Hit Bianco, den er zusammen mit dem Rapper RIN aufgenommen hat.

Im Dezember desselben Jahres erscheint die Kompilation In Memory of Yung Hurn. Classic Compilation bereits mit seinem typischen Stil: Die Texte sind lethargisch, repetitiv und sein Gesang wirkt berauscht bis lallend. „Perlen aus Kommunik

. „Perlen aus Kommunikationsmüll“ nennt die Süddeutsche Zeitung seine Zeilen, die eingängig sind und sich in gewohnter Rapper-Manier um Drogen, Sex und Alkohol drehen. Allerdings weicht der Wiener Singsang die Wörter auf und nimmt dem Inhalt ein wenig die Härte.Eingebettet sind die Verse in melodische und langsame Sounds, manchmal kommt ein Beat durch – mehr Schmuse- als Gangstarap. 2016 folgt die EP Love Hotel, vielleicht die weichste und einfühlsamste Musiksammlung des Rappers: Die Beats werden noch langsamer, die Texte emotionaler. Statt stumpfen Gegröles sind die Texte eingängiger.Yung Hurn rappt immer wieder über KokainAuch Yung Hurns Alter Ego, K. Ronaldo, das ebenfalls Musik macht und der mysteriöse Bruder des Rappers aus Los Angeles sein soll, ist noch einigen aus dieser Zeit bekannt. Stilistisch geht Sellmeister in K. Ronaldo weiter – die Musik wird immer weniger kommerziell, gleichzeitig behandelt er das Thema Drogen, vor allem Koks, noch offener. 2019 kündigte der Rapper beim Wiener Donauinselfest, einem der wichtigsten Festivals Österreichs, sein zweites Album Y an. Schon die erste Single sorgt für Aufregung und repräsentiert eine oft geäußerte Kritik an Yung Hurn: In Pony hört man den Rapper singen „Sie hat Wichse auf ihrem G’sicht, sie braucht Zewa. Wisch weg, weil da klebt was“. Das Image des dominierenden heterosexuellen Mannes wird aufrechterhalten und gepflegt, frauenfeindliche Texte werden von seinen Fans und der Musikkritik weiterhin durchgewinkt.In dieser Frage zerbröselt auch die Fassade des bloßen Image-Raps. Immer wieder machen Gerüchte über sexuellen Missbrauch durch den Rapper die Runde, natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Allerdings lieferte 2015 der Fall einer Autorin des Rap-Magazins Noisey Einblicke in das Frauenbild im deutschsprachigen Rap. Die geleakten Chats von Yung Hurn und dem Rap-Kollektiv Bergmoney Gang, in denen die 18-Jährige beleidigt und Ziel von Gruppenvergewaltigungswitzen wurde, wurden 2015 in Österreich medial breit aufgegriffen. Dazu geäußert hat sich Yung Hurn nur indirekt, indem er die Rapper der Bergmoney Gang später als „pubertäre Jungs, die jeden Respekt verloren haben“, bezeichnete. Aber die Kritik am Künstler kommt immer wieder auf, wie etwa im Zuge der Festwocheneröffnung 2022 durch Yung Hurn in Wien, als ein Chor den gemeinsamen Auftritt mit dem Rapper öffentlich absagte, unter anderem wegen seiner sexistischen Texte.Die Kritik ebbt nicht ab: Im September 2023 fragte die Wiener Rapperin Kitana in einem Song: „Warum reimt sich Sellmeister auf entgleister Sexgeiler?“, und erhob den Vorwurf, dass betäubte Mädchen zu seinen Konzertanforderungen gehörten. Ein Statement dazu vonseiten des Rappers gibt es bisher nicht. Kurz vor den Vorwürfen der jungen Rapperin wurde der Instagramaccount @gegenhurn gestartet, der laut eigenen Angaben in Kooperation mit mehreren Journalist*innen Vorwürfe zu sexuellem Missbrauch in der deutschen Musikszene, auch zu Yung Hurn, sammelt. Was sich an Yung Hurn abzeichnet und in K. Ronaldo gipfelt, ist Sellmeisters Lust, mit der Verwirrung der Fans zu spielen. Man kann sich nie sicher sein, was echt und was Inszenierung ist. Das spiegeln auch die vom Sender als „verstörend“ betitelten frühen Interviews des Rappers beim Festival Frauenfeld mit dem Schweizer Rundfunk (SRF) von 2017 und 2018 wider.Künstlerische NeuorientierungDort wirkt der Rapper aufgedreht und redet über seine Zeit in Zürich, wo er kurzzeitig wohnte. Auf die Frage, was er von einer Beziehung erwarte, antwortet er: „Sex und Knutschen ist schon zu viel“, ein Kuss auf die Wange reiche. Die Situation ist befreit von jeder Ernsthaftigkeit, Sellmeister wirkt abwesend, seine Sprache ist stockend und seine Aufmerksamkeitsspanne kurz. Ist das Ironie oder nur eine Performance? Im Folgejahr dann das zweite Interview mit dem SRF. Der Moderator erzählt, dass das letzte Interview Millionen von Aufrufen gehabt hätte. Unbeeindruckt wirkt Sellmeister, seinen Kopf in die rechte Hand gestützt. Die folgenden Szenen sind skurril, teilweise nur schwer anzusehen. Sellmeister beantwortet kaum Fragen, stellt dem Reporter Gegenfragen zu seinem Privatleben und versucht so, ihn aus der Fassung zu bringen. Das Spektakel endet in einer innigen Umarmung, die den Reporter verwirrt zurücklässt.Dem Zuschauer wird eine überaus beklemmende Situation geboten, fast kommt Fremdscham auf. Eher unwahrscheinlich, dass es sich um eine Inszenierung handelt. Denn der Rapper erweckt den Anschein, dass er es in diesem Moment nicht besser kann. Wer in allem eine Performance sieht, läuft Gefahr, dem Künstler mehr Vertrauen zu schenken, als angebracht ist. Als er im Frühling 2018 sein erstes Studioalbumveröffentlicht, ist die Platte im deutschsprachigen Raum schnell in den Charts. Schon seine frühen Texte wirken, als pralle jegliche Kritik an ihm ab. „Sie sagt, sie hassen mich. Ich sag’, das macht nichts“, singt er auf 1220. Wer hier mit doppelter Ironie und seinem Rapper-Image argumentiert, hat einen schwachen Punkt. Durch die andauernde Präsenz des Themas Kokain in den Songs wird auch dieses Vorurteil kräftig bedient. Während Bianco als große Ballade an die Droge interpretiert werden kann, folgen auch auf 1220 immer wieder Anspielungen auf das weiße Pulver. Manche sehen darin eine Art Image-Politur, die Kunstfigur divergiere sich vom realen Leben des Rappers – andere spekulieren über den Drogenkonsum Yung Hurns. Gerüchte dazu findet man schnell, Äußerungen dazu seinerseits wenige. Schweigen als Imagepflege.Zumindest künstlerisch scheint er sich neu zu orientieren. Seine Veröffentlichungen der letzten Zeit sind immer stärker von elektronischen Musikelementen geprägt, die Songs werden schneller und höher, teilweise klingen sie mehr nach Indie als Rap. Yung Hurn polarisiert. Doch wem könnte man es aber mit erhobenem Zeigefinger verübeln, wenn man sich immer wieder selbst dabei ertappt, Love Hotel zu hören und sich in die weichen Beats zu legen? Es bleibt, nicht nur für die Fans seiner Musik, verwirrend.2023 spielte er auch in Deutschland stets in ausverkauften Hallen, auch vor vielen weiblichen Fans. Dass die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs ihm und seiner Karriere als Rapper langfristig schaden werden, ist in Anbetracht der letzten Monate unwahrscheinlicher geworden. Bis jetzt konnten kein Gerücht und kein sexistischer Text die Fans von ihm abbringen.Eingebetteter Medieninhalt



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Von Veritatis

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