Literatur Science-Fiction-Star Lavie Tidhar hat seinen ersten realistischen Roman geschrieben: „Maror“ schildert 40 Jahre israelischer Geschichte aus Perspektive des organisierten Verbechens


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Ausgabe 15/2024

Beim Pessach erinnern „Maror“ – bittere Kräuter – an den Schmerz des jüdischen Exils

Beim Pessach erinnern „Maror“ – bittere Kräuter – an den Schmerz des jüdischen Exils

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Maror heißen die bitteren Kräuter (zumeist Meerrettich oder Chicorée), die beim Seder zu Pessach gegessen werden, um an den Schmerz des jüdischen Exils in Ägypten zu erinnern. Maror betitelt auch der hierzulande bisher wenig bekannte Schriftsteller Lavie Tidhar seinen gut 600 Seiten dicken Roman, der eine im wahrsten Sinn des Wortes bittere Geschichte seines Heimatlandes Israel erzählt. Denn Maror inszeniert vier Jahrzehnte israelischer Geschichte von den 1970ern bis in die Nullerjahre aus der Perspektive des organisierten Verbrechens und spürt der unbekannten, verdeckten und letztlich schmutzigen Seite der Landesgeschichte nach. Das macht Lavie Tidhar getreu einem legendären Zitat Ben Gurions, des ersten Premierministers Israels, das mehrfach im Buc

, das mehrfach im Buch angeführt wird: „Wir werden wissen, dass wir ein normales Land geworden sind, wenn jüdische Diebe und jüdische Prostituierte ihre Geschäfte auf Hebräisch abwickeln.“Wie diese Diebe und illegal agierenden Menschen selbst Geschichte mitgestalten, welche Rolle Bestechung, Mord, Schutzgeld, Armee, Geheimdienst, Polizei, Sexarbeit und Drogenhandel von Tel Aviv bis in die kalifornische Diaspora spielen, das packt Lavie Tidhar in einen furiosen Roman, der das Krimi-Genre wie auch gängige Geschichtsschreibung auf den Kopf stellt.Der 1976 geborene Tidhar, der in einem Kibbuz aufwuchs, lebt seit zehn Jahren in London, schreibt auf Englisch und ist ein Star der Science-Fiction-Literatur. Zu seinen zehn fantastischen Romanen gehören unter anderem Unholy Land, eine Parallelgeschichte, in der es nie einen Holocaust gab und ein jüdischer Staat in Ostafrika existiert. Und in dem ins Deutsche übersetzten Central Station (Heyne, 2018) geht es um einen interplanetaren Raumhafen in einem zukünftigen Tel Aviv. Israel und seine Geschichte sind von jeher zentrale Themen seines Schreibens, und ihnen widmet sich Tidhar in Maror, seinem ersten realistischen Roman, weniger verfremdet. Denn jede der etwa zehn kunstvoll ineinander drapierten Episoden dieses ausfransenden und durch die Zeit springenden Romangeschehens spielt vor dem Hintergrund eines wichtigen historischen Ereignisses. So geht es um den Beginn des Libanon-Krieges, die Ermordung Jitzchak Rabins, die Iran-Contra-Affäre oder das dramatische Unglück während eines Popfestivals in den 1990er Jahren in der israelischen Wüste, das fast an das Love-Parade-Unglück 2010 im Ruhrgebiet erinnert. Der Roman erzählt aber auch von realen Figuren der Zeitgeschichte, die zum Teil namentlich verpixelt, hierzulande aber nicht sehr bekannt sind. Das reicht vom rechten israelischen Politiker Rechaw’am Ze’ewi, der von Terroristen ermordet wurde, bis zum umstrittenen Geschäftsmann Shmuel Flatto-Sharon, der in Frankreich Millionen unterschlagen haben soll, nach Israel floh und dort Knesset-Abgeordneter wurde.Auch das linksradikale israelische Urgestein Uri Avnery, Träger des Aachener Friedenspreises, taucht in dem Roman auf, und zwar als Chefredakteur des Investigativ-Magazins haOlam haZeh, der die Recherche einer Journalistin zurückhält. Er gibt dem enormen politischen Druck nach und kassiert quasi im Hinterzimmer den skandalträchtigen Artikel einer Autorin, die in den 1970ern die illegalen Immobilien-Deals hochrangiger Militärs und Politiker im Westjordanland zu Beginn der Ära von Menachem Begin aufdeckt. Inwieweit diese Episode historisch belegt werden kann, bleibt völlig unklar. Maror spielt mit dem Grenzbereich zwischen Fiktion und realer Geschichte. Das verbindende Motiv der einzelnen Stränge ist der Polizist Cohen, der sich bestens mit der Mafia versteht, in diversen Geschäften im Lauf von Jahrzehnten seine Finger mit drin hat und fortwährend Bibel-Zitate von sich gibt. „Manches lässt sich unmöglich verhindern. Krieg. Drogen. Aber man kann sie verwalten. Und das machen wir. Wir halten die Stellung. Wir wahren den Frieden“, erklärt er einem Soldaten im Libanon-Krieg, den er für seine Geschäfte rekrutiert. Um Cohen herum baut Lavie Tidhar ein Panorama unterschiedlicher Akteure auf, wie die Reporterin Sylvie, die immer wieder von verschiedenen Ereignissen wie dem Mord an Rabin oder den tragischen Todesfällen bei einem Popkonzert berichtet.Dann sind da Lior und Avi, die sich seit der Kindheit kennen und später gemeinsam Verbrechen begehen: Lior als Nachwuchs-Capo der Mafia, Avi als Polizist, der seinem Vater, einem hochrangigen Beamten, im Beruf nachfolgt. Wo die Polizei aufhört und das organisierte Verbrechen beginnt, ist oft kaum zu unterscheiden. Unzählige Personen werden in diesem Roman hingerichtet, nicht selten von Polizeibeamten, die auch an internationalen Waffendeals in Kolumbien oder am Drogenhandel in den USA beteiligt sind. Lavie Tidhar schreibt aber kein Schwarzbuch der israelischen Geschichte. „,Maror‘ ist nicht so sehr ein Krimi als vielmehr ein Roman über Verbrechen, eine Art, die Geschichte und die Kultur Israels durch die Linse des normalisierten Verbrechens und der systemischen Korruption zu erzählen“, so Tidhar gegenüber dem Magazin Hadassah.Mit Gefühl und Empathie für sein Heimatland erzählt er vom Nachtleben in Tel Aviv, von Popkonzerten in der Wüste, es geht um Familiengeschichten, um Auswandererschicksale, um Karrieren und berufliches Scheitern, aber auch um Rassismus gegenüber arabischen Mitbürgern und um Antisemitismus, den Drogenhändler Benny aufs Bitterste als Gefangener in einem Kellerloch im Libanon erleiden muss. Diese eigenwillige Anti-Geschichte Israels erinnert ein wenig an die Harlem-Romane von Colson Whitehead (der Freitag 46/2023), der ebenfalls anhand der Gangster und ihrer Lebenswelten die soziale, kulturelle, ökonomische und auch politische Geschichte eines Stadtteils erzählt. Das macht auch Lavie Tidhar, der sich das gleich für ein ganzes Land traut und dabei verblüffend intime Einblicke zeigt in diesem historischen Kriminalroman, der sich wie ein Rausch liest.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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