Es klingt wie ein Szenario aus einem Indiana-Jones-Film: Eine ganz spezielle Opfergabe soll nach dem Willen ultraorthodoxer Juden wie auch christlicher Zionisten dem Bau des dritten Jerusalemer Tempels vorangehen, der an der Stelle der Al-Aksa-Moschee sowie des Felsendoms errichtet werden soll.

von Sven Reuth

Seit dem iranischen Angriff auf Israel ist die ohnehin schon zum Zerreißen angespannte weltpolitische Lage nochmals fragiler als zuvor. Die Gefahr ist groß, dass nun gleichermaßen ultrazionistische wie auch ultraorthodoxe Kräfte in Israel den Zeitpunkt gekommen sehen, ihre Pläne für ein Armageddon-Szenario umzusetzen, das dem Erscheinen des Messias vorhergehen soll.

Erst der Tempel, dann der Messias

Es geht dabei in erster Linie um den Plan, einen dritten Jüdischen Tempel in Jerusalem zu errichten. Der erste Jerusalemer Tempel, der sogenannte Salomonische Tempel, wurde 587/586 vor Christus bei der Eroberung Jerusalems durch die Neubabylonier zerstört. Der zweite Jerusalemer Tempel, der Herodianische Tempel, wurde 70 nach Christus bei der Eroberung Jerusalems durch römische Truppen zerstört.

Der Wiederaufbau des Tempels ist eine Vorbedingung für das Erscheinen des Messias. Dazu müssten allerdings sowohl die Al-Aksa-Moschee wie auch der Felsendom zerstört oder versetzt werden, da diese derzeit auf dem Areal des Tempelbergs stehen.

Gerade eine Zerstörung der Al-Aksa-Moschee zum Zwecke des Baus eines dritten Jerusalemer Tempels würde allerdings unweigerlich zum Aufstand von Hunderten von Millionen Muslimen auf der ganzen Welt führen – dann wäre die Endzeit im Sinne eines apokalyptisch anmutenden Krieges endgültig Realität.

Um das antike jüdische Priestertum und den Tempelkult wiederzubeleben, muss eine makellose rote Kuh, eine „rote Färse“, wie es in der Überlieferung heißt, geopfert werden. Sie darf keine zwei andersfarbigen Haare in ihrem Fell aufweisen. Nur mit der Asche eines solchen Opfertiers können die Priester zeremoniell gereinigt und geweiht werden, die dann im dritten Jerusalemer Tempel ihren Dienst versehen.

„Rote Kuh dank moderner Biologie“

Das Opfer der roten Koh geht dabei auf das Buch Numeri (4.Mose 19,19) zurück:

„Der Herr sprach zu Mose und Aaron: (…) Sag den Israeliten, sie sollen dir eine fehlerlose, einwandfreie rote Kuh bringen, die noch nie ein Joch getragen hat. (…) Dann soll man sie vor das Lager hinausführen und sie vor seinen Augen schlachten.“

In den Augen vieler sich aufgeklärt wähnender Westler mag ein solches Festhalten an uralten, obskuren religiösen Vorschriften Spinnerei sein, in den Augen vieler ultraorthodoxer Juden ist es das aber nicht. So scheut das Jerusalemer Tempelinstitut keine Kosten und Mühen, um alle Bedingungen haargenau zu erfüllen, die für die Wiedererrichtung des dritten Jüdischen Tempels notwendig sind. Darüber berichtete die Welt in einem Artikel von Gil Yaron, der am 5. August 2015 veröffentlicht wurde. Hier heißt es:

„Experten der NASA halfen einen neuen siebenarmigen Leuchter aus Gold anzufertigen, indem sie ,die Gewichtsverteilung genau ausrechnetenʽ. Geologen und Gemmologen berieten bei der Herstellung der Brustplatte des Hohepriesters. (…) Für die Geburt einer roten Kuh soll nun die moderne Biologie Pate stehen. Das Tempelinstitut hat in den USA eingefrorene Embryos von Red Angus-Kühen erstanden, die nun in israelische Kühe implantiert wurden.“

Starker Tobak, aber es kommt noch besser. Boneh Israel, laut eigenen Angaben eine „gemeinnützige Organisation, die sich auf den Aufbau und die Wiederbelebung wichtiger biblischer Stätten konzentriert und die Erlösung aktiv vorantreibt“, meldete dieses Jahr auf der eigenen Webseite:

„Dies ist das erste Mal seit fast 2000 Jahren, dass eine erfolgreiche rote Färse entstanden ist. Wir gehen immer noch davon aus, dass die erste erfolgreiche Opferung roter Kühe im Frühjahr 2024, etwa zwischen Pessach und Pfingsten, stattfinden wird.“

Pessach beginnt am Abend des 22. April und endet am Abend des 30. April. Pfingsten feiern Christen dieses Jahr am 19. Mai. Man wird nun sehen müssen, ob die Eiferer von Boneh Israel ihre Ankündigungen tatsächlich umsetzen.

Israelischer Angriff scheint festzustehen

Und noch etwas anderes lässt aufhorchen. Laut der Jerusalem Post war die Angst vor einer bevorstehenden Zerstörung der Al-Aksa-Moschee einer der Treiber für den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Jerusalem Post berichtet, dass  der Sprecher der palästinensischen Qassam-Brigaden, Abu Obeida, anlässlich des 100. Tages des Krieges im Heiligen Land betonte, dass der „Grund für die Eröffnung des Krieges durch die Hamas darin besteht, dass das jüdische Volk sich darauf vorbereitet, die Rote Kuh zu bringen“.

Und auch diese Äußerung zeigt, dass es sehr fahrlässig sein kann, Tausende Jahre alte religiöse Überlieferungen nicht Ernst zu nehmen. Sie bestimmen bis heute das Handeln der politischen Akteure und sowohl ultrazionistische wie auch ultraorthodoxe Kräfte geben mittlerweile in der Regierung Netanjahu den Ton an.

Der stellvertretende Bild-Chefredakteur Paul Ronzheimer hat in einem heutigen Bericht aus Tel Aviv schon betont, dass ein Gegenangriff Israels auf den Iran „in Teilen“ schon feststehe. Ein Dritter Weltkrieg scheint Konturen anzunehmen – und wenn er eintreten sollte, dann hätten apokalyptische und messianische Endzeit-Visionen bei seiner Entstehung eine große Rolle gespielt.

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Von Veritatis

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