Eine deutsche Illustrierte zeigt dieser Tage Mitgefühl – und zwar mit einem superreichen Firmenlenker aus den USA. Ihre empathische Schlagzeile lautet „Harte Zeiten für Tesla – Musk muss sich von mehr als zehn Prozent aller Mitarbeiter trennen“ – weltweit. In weiteren Medien wird angekündigt, dass folglich auch die Belegschaft des deutschen Werkes in Grünheide nahe Berlin mit Massenentlassungen rechnen muss. Die Begeisterung für den tatendurstigen, (seine) Freiheit über alles liebenden Amerikaner, der bislang von der deutschen Politik auf Händen getragen wird, könnte damit wohl in der brandenburgischen Region nach anfänglicher Begeisterung gen Nullpunkt sinken. Doch was nützt das Klagen? Der Geist ist aus der Flasche, die Dampfwalzenmentalität vor Ort samt amerikanischer Unternehmensphilosophie hat Vorfahrt. Auch die Renditen in Deutschland sind auf Rekordhoch, meldet der Deutschlandfunk (DLF). Ein Kommentar von Frank Blenz.

Erst Heuern, dann Feuern – so sieht also Perspektive aus

Das Treiben und die Scheinheiligkeit des rücksichtslosen Wirtschaftsgiganten fühlen sich an wie der Zynismus im allseits bekannten wie höhnischen Spruch „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“. Mit dem als alternativlose Notwendigkeit verkauften Einschränken ist nicht etwa das von Elon Musk gemeint, der immerhin zu den reichsten Menschen der Erde zählt. Mit harten Zeiten für Tesla wird nicht Musk gemeint sein. Betroffen ist das Fußvolk, die Arbeitnehmerschaft. Sie hat von Musk Arbeit genommen, ja, er hat sie ihr gegeben, so das Klischee. Richtig ist indes, die Arbeiter geben ihre Arbeitskraft – und sie zahlen einen hohen Preis. Wo man bei Musk hinschaut: Der Boss behandelt seine Leute wie Dreck.

Elon Musk, Eigentümer des US-Elektroautobauers Tesla, denkt sehr groß – für sich. Dort, wo der eloquente, milliardenschwere Geschäftsmann auftaucht, wird offenbar, wie man es anstellt, reich zu werden und zu bleiben. So ist auch in Deutschland (Grünheide bei Berlin) nunmehr in Phase 2 zu erleben, wie ein Amerikaner, also unser Freund und Verbündeter, mit Einfluss und Ego auftritt. Zunächst mit Phase 1: Heuern, große Versprechen. Das Blaue vom Himmel ist nicht so blau wie Musks Hochglanzvisionen. Sein „Wir“ ist aber, was „Ich, ich, ich“ meint. Für die arrogante Expansion des Werkes, welches „Gigafactory“ heißt, hat Musk sich über viele Bedenken hinweggesetzt, alles brav unterstützt von der Politik, die ihre Gefolgschaft wie so oft und phrasendrescherisch mit „Arbeitsplätze“ begründete. Und nun?

Nun ist die Party vorbei, es geht in die Phase 2: Von 12.500 Mitarbeitern im Werk in Grünheide, welches nach wie vor noch weiter ausgebaut wird – was enorme Flächen und Ressourcen verschlingt –, werden etwa 3.000 gehen müssen, heißt es kalt. Laut Handelsblatt habe Firmenchef Musk in einer Mail schonungslos und zynisch dazu geschrieben:

Es gibt nichts, was ich mehr hasse, aber es muss getan werden. Dies wird uns ermöglichen, schlank, innovativ und hungrig auf den nächsten Wachstumszyklus zu sein.“

So, so. Der Boss hasst es, den Rotstift anzusetzen, und verrät sich sogleich: Er ist ein hungriger, gieriger Unternehmer, der kurzfristig, schnell und gnadenlos Kasse macht. Sein Handeln ist asozial. Asozial zu handeln ist aber gerade sehr angesagt und überaus ertragreich, wir leben schließlich in einer freien Marktwirtschaft. Elon Musk liebt die Freiheit. Seine.

Hungrig auf den nächsten Wachstumszyklus

Kennen Sie den zur Tesla-Gier sicher gut passenden Witz? Ein Mitarbeiter schaut sich den funkelnagelneuen Sportwagen des Chefs an, der im Hof des Betriebs steht. Der Chef läuft an ihm vorbei. Der Mitarbeiter: „Chef, sieht gut aus.“ Der Chef: „Stimmt, wenn Sie weiter so fleißig sind, kaufe ich mir demnächst noch so einen Flitzer.“

Die Zwischentöne des kleinen Chefs in seiner jovialen Art verraten ihn, er verachtet seine Untergebenen. In der Wirklichkeit müssen gerade Musks Mitarbeiter erleben, wie das „Hire and Fire“ praktiziert wird. Sprachlos macht es, liest man von den Geschäftsgebaren gegenüber den jetzt Entlassenen in den USA. Verantwortung als Unternehmer zu übernehmen, sieht anders aus.

Tesla hat in der Nacht zum Sonntag über zehn Prozent seiner Belegschaft entlassen.

Einige Werksmitarbeiter bemerkten erst, dass sie entlassen worden waren, als ihre Ausweise nicht mehr funktionierten, so Quellen gegenüber Business Insider.

In der Fabrik in Nevada kam es zu einem zweistündigen Rückstau, weil die entlassenen Mitarbeiter in der Schlange vor dem Eingang aussortiert werden mussten, so eine Quelle.

(Quelle: Business Insider)

Feiges, hinterhältiges Aussortieren

US-Mitarbeiter von Tesla erlebten zu Wochenanfang demnach eine Demütigung ganz besonderer Art. Offenbar wird in dem folgend Beschriebenen, dass Betriebsausweise nicht mehr funktionieren, und auch, dass selbst in dieser entwürdigenden Situation Angst herrscht und Menschen sich lediglich anonym äußern, weil sie nicht „befugt“ seien, über die dreckigen Machenschaften des Unternehmens zu sprechen.

Die Kürzungen betrafen sowohl Ingenieure als auch Produktionsmitarbeiter. In der Tesla-Fabrik in Sparks/Nevada standen die Mitarbeiter am Montagmorgen wegen der Ausweiskontrollen etwa zwei Stunden an, um in die Anlage zu gelangen.

In der Fabrik überprüfte das Sicherheitsteam die Ausweise der Mitarbeiter, die aus den Shuttles kamen. Normalerweise kontrolliert das Sicherheitspersonal die Ausweise der Arbeiter auf dem Gelände, scannt sie aber nicht direkt. Das verrieten zwei derzeitige Tesla-Mitarbeiter. Sie baten um Anonymität, da sie nicht befugt waren, über die Angelegenheit zu sprechen. Die Shuttles befördern die Leute zwischen der Fabrik und den nahe gelegenen Parkplätzen. Am Montagmorgen wählten die Beamten die entlassenen Mitarbeiter aus und schickten sie in separaten Transportern zurück.

Drei weitere ehemalige Tesla-Mitarbeiter sagten, dass den Beschäftigten in der Fabrik in Fremont vom Sicherheitspersonal gesagt wurde, dass sie nicht länger beschäftigt seien, wenn ihre Ausweise nicht funktionierten.

Wann funktionieren in Grünheide Betriebsausweise nicht mehr?

Zweifelsohne wird Musk nicht vom Fahrerstand seiner Dampfwalze herunterklettern. Knallhart wird gerechnet und festgestellt, dass es beim „Kostenfaktor“ Mensch viel „Einsparpotenzial“ gibt. Das Wort „Sparen“ ist bei den gigantischen Erlösen, die Musk erzielt, gegenüber seiner Mitarbeiterschaft – ich wiederhole – asozial. 140.473 Menschen stehen in Lohn und Brot (Firmen-Info 31. Dezember 2023). Zehn Prozent werden gefeuert, damit der Profit nicht weniger werde. In Grünheide geht die Sorge um, wer wann gehen muss. Ob dieses „Feuern“ ebenso hinterhältig abgewickelt wird wie in Nevada? Der eisige amerikanische Wind der neoliberalen Geschäftsgebaren weht über das Naturschutzgebiet nahe der deutschen Hauptstadt.

Freiheit und Dividende, schöne Worte – für reiche Menschen

Am vergangenen Wochenende konnte die Welt von sich selbst geschossene Fotos zweier mächtiger Männer bestaunen und über eine seltsame Nähe derselben staunen. Elon Musk traf den argentinischen Präsidenten Javier Milei. Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, gestanden beide. Sie waren sich ob ihrer Begeisterung für die hemmungslose Freiheit, für das „Libertäre“ in der Gesellschaft, im Unternehmertum einig. Sie verkauften diese ihre Freiheit als hehre Eigenschaft, als edel, als gut. Bei dem ganzen Schmierentheater spielte gern auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland mit und jubelte über viele Gemeinsamkeiten.

Argentiniens ultraliberaler Präsident Javier Milei hat sich auf seiner US-Reise mit dem Tech-Milliardär Elon Musk getroffen. Beide hätten darin übereingestimmt, dass die Märkte weiter geöffnet und die Ideen der Freiheit verteidigt werden müssten, teilte das Präsidialamt nach dem Treffen im Tesla-Werk in Austin am Freitag mit. „Auf eine aufregende und inspirierende Zukunft“, schrieb Musk auf seiner Nachrichtenplattform X, ehemals Twitter. Aus der argentinischen Delegation wurde die Hoffnung geäußert, dass der Unternehmer künftig in dem südamerikanischen Land investiert. Argentinien verfügt über große Vorkommen an Lithium, das unter anderem in den Batterien von Elektroautos zum Einsatz kommt.

(Quelle: RND)

Mir kam naiverweise der an sich schöne Leitspruch der Französischen Revolution in den Sinn, der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit vereint und sicher zeitlos gültig damit meint, alle Menschen einzubeziehen, Harmonie, Wohlergehen und Solidarität zu erstreiten und zu bewahren. Dass wir, also wir Bürger, ob in Argentinien, in den USA oder hierzulande, politische und wirtschaftliche Führungskräfte wie das Duo Musk/Milei ertragen müssen, ist unerträglich. Musk, gerade mit dem Feuern von zahlreichen Mitarbeitern beschäftigt, schwadroniert ungeniert von einer inspirierenden Zukunft.

Während also ein US-Amerikaner die Freiheit für sich in allen Lebenslagen in Anspruch nimmt, gibt es auch hierzulande Grund zum Feiern, vernahm ich beim Deutschlandfunk. Der DLF berichtete in seiner Sendung „Aus Wirtschaft und Gesellschaft“, dass Deutschlands börsennotierte Unternehmen, 160 an der Zahl, 62,5 Milliarden Euro an Dividenden an die Anteilseigner auszahlen. Laut DLF sei das der dritte Rekord bei solchen Ausschüttungen in jüngster Vergangenheit (trotz all der Krisen). Hauptgewinner seien der Finanzbereich sowie die Autobauer (!). Mit Autos werde sehr viel Geld verdient. Man muss schon sagen, das Gürtel-enger-Schnallen lohnt sich…

(Quelle: Deutschlandfunk)

Titelbild: Frederic Legrand – COMEO/shutterstock.com



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Von Veritatis

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