Die internationale Reisebranche trifft sich ab Sonntag in der künftigen Kulturhauptstadt, die sich dabei gut verkaufen will. Auf was Chemnitz als Reiseziel achten sollte, verrät Petra Hedorfer, Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus. Ein Tipp: Herzlichkeit, Servicebereitschaft und Mehrsprachigkeit!

Kulturhauptstadt.

200 Akteure der internationalen Reiseindustrie und 100 Medienvertreter aus 40 Ländern werden ab Sonntag in Chemnitz erwartet. Bis 23. April findet hier die 50. Germany Travel MartTM (GTM) der Deutschen Zentrale für Tourismus statt. Auf dem “Deutschen Reisemarkt”, wie sich die Bezeichnung übersetzen lässt, können sich Fachbesucher der Tourismusbranche über touristische Entwicklungen in Deutschland und über Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025 informieren. Ob die Stadt in ihrer Werbung um Touristen auf einem guten Weg ist, wollte “Freie Presse” vorab von Petra Hedorfer, Chefin der Deutschen Zentrale für Tourismus, wissen. 

Freie Presse: Was muss heute eine Stadt leisten, um auf dem Reisemarkt zu bestehen – was sind die drei wichtigsten Punkte?

Petra Hedorfer: Der Wettbewerb unter den Reisezielen – Länder, Regionen und Städte – nimmt zu, denn Tourismus bringt erhebliche wirtschaftliche Wertschöpfung für Hotellerie, Gastronomie und Einzelhandel. Die damit verbundenen Investitionen kommen auch der einheimischen Bevölkerung zugute. Um in diesem Wettbewerbsumfeld zu punkten, braucht man ein klares und möglichst unverwechselbares Profil. Zweitens muss die Infrastruktur stetig entsprechend den Kundenbedürfnissen weiterentwickelt werden – von der Verkehrsanbindung bis zu Übernachtungsmöglichkeiten. Der dritte Komplex sind die Soft Skills, die auf dem Reisemarkt so wichtig sind: Herzlichkeit, Servicebereitschaft und eine Willkommenskultur, beispielsweise durch mehrsprachige Angebote.

FP: Die letzte deutsche Kulturhauptstadt Essen/Ruhr spricht von stetig wachsenden Touristenzahlen – ist der Kulturhauptstadttitel ein Selbstläufer für den Tourismus?

Hedorfer: Der Titel Kulturhauptstadt Europas kann ein sehr wichtiger und guter Impuls sein. Gerade das Beispiel Essen zeigt das sehr deutlich. Die Kulturhauptstadt war kein Einzelereignis, sondern eingebettet in eine langfristige Entwicklung mit vielen wirtschaftlichen und kulturellen Impulsen: das Ruhrgebiet als Standort der Montanindustrie, Essen als Heimat von Folkwang-Museum und Folkwang-Schule, die Transformation von Stahl- und Kohleindustrie hin zu einem modernen Dienstleistungsstandort, die Zeche Zollverein als Unesco-Welterbe und als Designzentrum. Da lassen sich durchaus auch Parallelen zu Chemnitz entdecken.

FP: Chemnitz ist bisher kein Hot-Spot im Tourismus und entfaltet als Stadt ihren Charme erst auf den zweiten Blick – auf was sollte eine Stadt wie Chemnitz achten, um Touristen anzuziehen und nicht zu enttäuschen?

Hedorfer: Gerade bei internationalen Touristen, um die wir als Deutsche Zentrale für Tourismus weltweit werben, bietet Chemnitz noch viel Potenzial. Ich denke da etwa an die Architektur von der Gründerzeit über Henry van de Veldes Villa Esche bis zu den Beispielen moderner Industriekultur, an die Museen wie die Kunstsammlungen und das Staatliche Archäologie-Museum, die Schlösser im Umland. Orgelbau in Deutschland gehört zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe und einige Werke von einem der größten Orgelbauer, Gottfried Silbermann, können Gäste hier in der Region live erleben. Nicht zu vergessen die Chemnitzer Theater mit Opernhaus und Robert-Schumann-Philharmonie, die auch überregional immer wieder mit hochklassigen Aufführungen wahrgenommen werden. Für die Chemnitzer ist das alles selbstverständlich. Nun gilt es, Aufmerksamkeit bei potenziellen Gästen zu schaffen. Dafür ist Onlinemarketing wichtig, aber auch, dass touristisch relevante Daten – von Öffnungszeiten der Museen bis zu Hotelkapazitäten und Fahrplänen – aktuell digital verfügbar sind. Die Landestourismusorganisation von Sachsen ist in dieser Hinsicht bereits sehr aktiv. Der anstehende Germany Travel MartTM, das größte Vertriebsevent zur Förderung des internationalen Tourismus nach Deutschland, ist ein weiterer sehr guter Baustein, weil sich Stadt und Region hier vor vielen Einkäufern der internationalen Reiseindustrie – vor allem Reiseveranstalter, Online-Reiseportale oder Reisebürokooperationen – präsentieren können. Damit ist der GTM auch eine bedeutende Vermarktungsplattform für die Kulturhauptstadt. Und dann geht es natürlich darum, den Gast vor Ort zu begeistern. Das mündet dann schließlich in eine hohe Weiterempfehlung – das beste und glaubwürdigste Marketing, das man machen kann.

FP: Ist Chemnitz bei der Sichtbarmachung seiner touristischen Sehenswürdigkeiten – auch im Kulturhauptstadtprozess – Ihrer Einschätzung nach auf einem guten Weg?

Hedorfer: Chemnitz ist mit seiner Wirtschaftsförderung und Tourismusvermarktung schon auf einem guten Weg. Hervorheben würde ich zum einen den engen Schulterschluss mit Partnern in der Region, wie der Tourismus-Marketing-Gesellschaft Sachsen und dem neuformierten Tourismusverband “Chemnitz.Zwickau.Region.” als gemeinsame touristische Plattform mit dem Umland. Und zum anderen hat Chemnitz gerade mit Blick auf die Kulturhauptstadt von Anfang an eng mit der Deutschen Zentrale für Tourismus zusammengearbeitet, um das Thema auch international zu vermarkten. So werden wir Ende Oktober, Anfang November gemeinsam auf einer Roadshow durch vier Länder – Tschechien, Polen, der Schweiz und Österreich – die Region und das Programm zum Kulturhauptstadtjahr bei den Reiseveranstaltern dieser wichtigen Quellmärkte präsentieren.

FP: Wie kann eine Stadt steigende Tourismuszahlen auch nach einem Event wie einem Kulturhauptstadtjahr verstetigen?

Hedorfer: Das Nächstliegende ist das Kulturhauptstadtjahr selbst. Gäste, die zum ersten Mal in die Stadt und die Region kommen, so zu begeistern, dass sie die Stadt weiterempfehlen und selbst auch wiederkommen wollen. Dann kommt es darauf an, immer wieder neue Impulse zu setzen, beispielsweise mit Events und innovativen Angeboten.

FP: Wie wichtig ist für den Städtetourismus das ländliche Umfeld – machen Stadttouristen prinzipiell gern einen Abstecher ins Ländliche?

Hedorfer: Wir haben dazu eine umfangreiche Studie beim Sinus-Institut in Auftrag gegeben und in 19 Ländern die wertebasierten Lebenswelten im Kontext von Nachhaltigkeit und Kultur analysiert. 20 Prozent der an Deutschlandreisen Interessierten würden sich demnach für eine reine Städtereise interessieren, 38 Prozent würden eine Städtereise mit einem Aufenthalt in Natur und Landschaft kombinieren, 27 Prozent würden beim Urlaub auf dem Land auch Ausflüge in die Stadt machen, und 15 Prozent entscheiden sich für Urlaub auf dem Land. Das zeigt: Gerade die Montanregion Erzgebirge mit dem Unesco-Titel kann als zusätzlicher Magnet wirken ebenso wie das Weihnachtsland Erzgebirge.

Freie Presse: Es gibt mit dem Purple Path einen Skulpturenweg mit Kunst nationaler und internationaler Künstler, der Chemnitz mit fast 40 Kommunen verbindet – kann Ihrer Erfahrung nach ein derartiges Kunstprojekt Touristen in relevanter Zahl anziehen?

Hedorfer: Der Purple Path ist ein ausgezeichnetes Beispiel, weil es gerade diese beiden wichtigen Aspekte bedient: einerseits die Verbindung von Natur- und Kulturerlebnis und andererseits das Thema Internationalität und Weltoffenheit. Mehrere solcher Projekte können das Profil der Region prägen und ihre touristische Attraktivität nachhaltig steigern. Das Programm zur Kulturhauptstadt nimmt diese Thematik sehr prononciert auf und stellt aus meiner Sicht die Weichen für eine erfolgreiche Entwicklung des internationalen Tourismus für Chemnitz und die Region. 

 

Petra Hedorfer

Vorsitzende des Vorstandes der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) ist Petra Hedorfer seit 2003. Hedorfer studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg. Nach verschiedenen Stationen verantwortete sie als Marketingleiterin seit 1998 die internationalen Aktivitäten der DZT.

Deutsche Zentrale für Tourismus

Die Deutsche Zentrale für Tourismus vertritt das Reiseland Deutschland im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz. In Zusammenarbeit mit Partnern entwickelt die DZT Strategien, um den Tourismus nach Deutschland zu fördern. Die DZT hat 25 Ländervertretungen, die Zentrale befindet sich in Frankfurt am Main.

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Von Veritatis

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