Kunst Pierre Huyghe stellt in Venedig ein Hybrid aus Mensch und Maschine aus. Die Künstliche Intelligenz in „Liminal“ soll ein eigenes Vokabular entwickeln – auf die Gefahr hin, dass auch einiges schief gehen kann


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Was das „Idiom“ in der Ausstellung wohl über uns lernen wird

Was das „Idiom“ in der Ausstellung wohl über uns lernen wird

Foto: Pierre Huyghe/Galerie Chantal Crousel, Marian Goodman Gallery, Hauser & Wirth, Esther Schipper, Taro Nasu by SIAE

Zwei schwarzgekleidete Personen knien auf dem Boden, so regungslos, dass sie Schmerzen haben müssen. Ob sie ihre Gesichter verziehen, lässt sich unmöglich erkennen, denn ihre Gesichtszüge sind durch übergroße Goldmasken verdeckt. Es sieht fast so aus, als steckten ihre Gesichter in einem halben Osterei.

Durch ihre Bewegungslosigkeit wirken sie ein wenig wie Skulpturen. Nur das leichte Auf und Ab ihres Brustkorbs verrät ihre Menschlichkeit. Doch wirklich menschlich sind die Figuren nicht. Jedenfalls nicht nur: Sie sind Hybride aus Mensch und Maschine, sogenannte Idiome“, geschaffen von dem französischen Künstler Pierre Huyghe. Dieser kreierte die Idiome“ für seine bisher größte Ausstellung, Liminal in der P

idete Personen knien auf dem Boden, so regungslos, dass sie Schmerzen haben müssen. Ob sie ihre Gesichter verziehen, lässt sich unmöglich erkennen, denn ihre Gesichtszüge sind durch übergroße Goldmasken verdeckt. Es sieht fast so aus, als steckten ihre Gesichter in einem halben Osterei.Durch ihre Bewegungslosigkeit wirken sie ein wenig wie Skulpturen. Nur das leichte Auf und Ab ihres Brustkorbs verrät ihre Menschlichkeit. Doch wirklich menschlich sind die Figuren nicht. Jedenfalls nicht nur: Sie sind Hybride aus Mensch und Maschine, sogenannte „Idiome“, geschaffen von dem französischen Künstler Pierre Huyghe. Dieser kreierte die „Idiome“ für seine bisher gröXX-replace-me-XXX223;te Ausstellung, Liminal in der Punta della Dogana in Venedig, die noch bis November läuft.Mithilfe von Sensoren, die an den Masken angebracht sind, scannen die „Idiome“ Räume und Besucher:innen, denen sie begegnen. Eine Künstliche Intelligenz verwandelt die gesammelten Informationen dann Stück für Stück in eine völlig neue Sprache. Die „Idiome“ lernen zunächst einfache Worte wie „Tür“, „Menschen“ oder „Schreiben“, bis sie schließlich in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren. Von Tag zu Tag erweitert sich das Wissen der „Idiome“. So fragt der Künstler Huyghe sich, was die „Idiome“ wohl in 20 Jahren alles gelernt haben werden.An einem klaren Märztag, kurz bevor die Ausstellung eröffnet, knien zwei „Idiome“ in einem abgedunkelten Raum. Gegenüber hängt eine große schwarze Box von der Decke. Dabei handelt es sich um ein „autonomes Instrument“, das mit Umgebungssensoren ausgestattet ist. Mithilfe dieser kann es Hintergrundmusik und Lichtkegel erzeugen. Als Reaktion auf das Kunstwerk, haben die beiden „Idiome“ scheinbar nur wenige Silben erzeugt, die sie immer wieder wiederholen, während die LED-Bildschirme, die sie auf der Stirn tragen, golden leuchten. Die Worte, die sie wispern, klingen wie „What’s this?“Das meiste passiert hinter den KulissenWas ist das? Eine berechtigte Frage. Denn ein Dilemma, vor das Künstler:innen in Zeiten von Künstlicher Intelligenz gestellt werden, ist, dass das meiste hinter den Kulissen stattfindet. Obwohl die Besucher:innen von Liminal einen blinkenden Server zu Gesicht bekommen, könnte es für die meisten schwierig sein zu verstehen, dass die Sprache, die aus den „Idiom“-Masken kommt, von einer Künstlichen Intelligenz generiert wurde. Huyghe selbst räumt ein: Einige Besucher:innen könnten glauben, die Menschen hinter den Masken würden flüstern.Seit ChatGPT alles von Hausaufgaben bis Journalismus revolutioniert hat, stehen auch Künstler:innen unter Druck, sich mit der Technologie auseinanderzusetzen. Einige haben in ihren Arbeiten bereits Gebrauch davon gemacht, etwa die deutsche Künstlerin Hito Steyerl oder die britische Konzeptkünstlerin Gillian Wearing. Im November wird Philippe Parreno im Haus der Kunst in München mit einer „vollkommen KI-gesteuerten“ multimedialen Ausstellung an den Start gehen.Ob Künstler:innen künstliche Intelligenz in einer innovativen Art und Weise nutzen oder eher Trittbrettfahrer:innen eines Trends sind, ist häufig nicht ganz klar zu unterscheiden. Blickt man etwa auf Parrenos‘ Ausstellung, lässt sich bisher nicht eindeutig feststellen, welche Elemente hier von künstlicher Intelligenz gesteuert werden sollen. KI-Kunst hat nicht immer eine tiefe BotschaftSchon jetzt ist künstliche Intelligenz allgegenwärtig. Sie kann unsere E-Mails vervollständigen, Serien auf Netflix vorschlagen oder den Wetterbericht mit der Stimme von Alexa vorlesen. In den letzten Jahren haben Chatbots das Schreiben revolutioniert: Sie können Anschreiben, Theaterstücke, Gedichte und Aufsätze verfassen. Gleichzeitig ermöglichen Bildprogramme wie DALL.E und Midjourney durch das Eintippen weniger Worte Kunst zu schaffen.Doch je mehr Künstliche Intelligenz Einzug in unseren Alltag erhält, desto mehr droht der Einsatzes von KI durch Künstler:innen trivial zu werden.Angeblich zogen die „Live-Gemälde“ des türkischen Künstlers Refik Anadol, die man sich derzeit in der Serpentine Gallery in London anschauen kann, Menschen für über eine Stunde in ihren Bann. Für die Ausstellung, die den Namen Echoes of the Earth: Living Archive trägt, wurde die KI mit Bildern von Regenwäldern und Korallenriffen gefüttert.Auch wenn die Besucher:innen begeistert sind, äußern Kritiker:innen, Anadols‘ frühere KI-generierte Arbeiten seien überbewertet. So schreibt etwa Jerry Saltz vom New York Magazine über Anadols Arbeit Unsupervised, das ganze sehe aus wie eine riesige Techno-Lavalampe. Der über sieben Meter große Bildschirm, der mit KI-generierten Bildern bespielt wurde, war zwischen 2022 und 2023 im Museum of Modern Art in London ausgestellt worden. Saltz fand das Werk sinnlos und mittelmäßig. So könne es die Betrachtenden zwar kurz unterhalten – aber letztendlich habe das Werk nicht wirklich etwas zu sagen.Saltz argumentiert: „Wenn KI bedeutungsvolle Kunst schaffen will, muss sie eine eigene Vision haben und eigenes Vokabular beitragen können.“ Im Wortsinne schafft Huyghe mit seinen „Idiomen” genau das. Ebenfalls interessant ist, dass die Besucher:innen nicht mit der KI im finalen Zustand konfrontiert werden, sondern mit einem fortlaufenden Prozess des Lernens.Spannend ist auch, dass Huyghe die Kontrolle aus der Hand gibt und sie der Künstlichen Intelligenz überträgt. Denn dass dabei etwas schiefgeht, ist nicht ausgeschlossen. So wäre es etwa denkbar, dass es den Idiomen nicht gelingt, Sprache zu produzieren, dass sie obszöne Wörter verwenden, von randalierenden Besucher:innen übermäßig provoziert werden, oder auf irgendeine andere Weise rebellieren.Sicher wäre es aufschlussreich, die Ausstellung jeden Tag zu besuchen und zu beobachten, wie die „Idiome“ auf die Kunst um sich herum reagieren. Wie von Huyghe beabsichtigt, werfen die „Idiome“ Fragen über die Beziehung von Mensch und Maschine auf. Auch wenn mein erster Gedanke eher war: Ihre Knie müssen sicher wehtun.Schon bald wird KI im Kunstbetrieb alltäglich seinEtwas weniger tiefgehend ist Huyghes Werk Camata. Zu sehen ist hier ein Film, in dem sich zwei Roboterarme in einem seltsamen Ritual um ein Skelett bewegen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um eine Liveübertragung, aber um einen Liveschnitt, durchgeführt durch Künstliche Intelligenz. Dabei nutzt die KI intelligente „Editoren“, die Daten von einem großen Sensor sammeln, der ein wenig aussieht wie ein Telefonmast. Die Daten, die in der Nähe der Ausstellung gesammelt werden, umfassen von der Anzahl der Gäste bis hin zum Wetter verschiedenste Informationen. Doch bei dem Echtzeitschnitt handele es sich um einen komplexen Prozess, der von Besucher:innen nur schwer nachvollziehbar sei, sagt Kuratorin Anne Stenne. So spiele die KI nicht bei jeder Dokumentation eines Besuchers die gleiche Filmsequenz ab. Das heiße zwar, dass das Zuschauen beim Schnittprozess nie langweilig werde – Besucher:innen könnten theoretisch stundenlang in der Ausstellung sitzen und würden nie zweimal die gleiche Aufnahme sehen – doch es stellt sich die Frage: Ist die KI hier ein notwendiges Element? Und wäre die Arbeit anders, wenn der Schnitt zufällig generiert wäre? Als gewöhnliche Betrachterin ist das schwer zu sagen.Placeholder image-1Wer diese Ausstellung besucht, muss einfach darauf vertrauen, dass etwas Spannendes hinter den Kulissen passiert. Obwohl die Sensoren überall in der Ausstellung zu sehen sind, will der Künstler keine Details über die Funktionsweise des Programms preisgeben. Ein Sprecher sagt: „Pierre möchte den Fokus weniger auf die technischen Parameter seines Werkes lenken, als auf das Erlebnis der Besucher:innen.“ In einer Welt, in der Unternehmen „Pseudo-KI“ nutzen, die eigentlich von Menschen gesteuert werden, könnte die fehlende Erklärung der Technologie bei den Besucher:innen zu Verunsicherung führen.Am besten funktioniert KI-Kunst, wenn sie etwas schafft, was Künstler:innen alleine nicht könnten. So ist es etwa bei Huyghes‘ „Idiomen“ der Fall. Alles andere kann bestenfalls als Spielerei, schlimmstenfalls als sinnlos, erscheinen. Der Trend zur Verwendung Künstlicher Intelligenz wird sich in Galerien fortsetzen und schon bald so alltäglich sein wie das Nutzen eines Kugelschreibers.So eroberte „Computer-Kunst“ in den 1960er Jahren den Globus und wurde von London, über Stuttgart und Zagreb bis nach Las Vegas überall ausgestellt. Ein Schriftsteller prophezeite damals, ein Computer werde vielleicht niemals in der Lage sein, selbst ein Gemälde zu produzieren. Mit Vorsicht bemerkte er aber, dass zumindest ein Experte der Überzeugung war Computer-Kunst stelle eine neue Kunstform dar. Eines Tages werden Diskussionen über den Platz von künstlicher Intelligenz in der Kunst ähnlich archaisch klingen.



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Von Veritatis

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