Kirche Der Vatikan veröffentlicht eine Erklärung zu Genderfragen und Selbstbestimmung, „unendliche Würde“ verspricht er in seiner Grundsatzerklärung „Dignitas infinita“ – beleidigt darin aber queere Gläubige


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Ausgabe 18/2024

Das Kreuz mit dem Kreuz: Die Würde bleibt bei der neuesten Erklärung des Vatikans auf der Strecke

Das Kreuz mit dem Kreuz: Die Würde bleibt bei der neuesten Erklärung des Vatikans auf der Strecke

Foto: Louis De Belle/Connected Archives

Fünf Jahre sind vergangen, seit der Vatikan die Veröffentlichung seiner Grundsatzerklärung Dignitas infinita ankündigte. Nun ist das sehnsüchtig erwartete Dokument Anfang April erschienen. Erarbeitet wurde es von einer Kommission, die für „Förderung und Schutz des katholischen Glaubens“ zuständig ist und aus Bischöfen und Kardinälen besteht. Auch Experten seien in die Arbeit am Dokument einbezogen worden, heißt es.

Doch wer sich eine Kehrtwende in Positionen zu Gender-Themen und Selbstbestimmungsrechten von Frauen und trans Personen erhofft, wird enttäuscht. Kann die Kirche in dieser Form eine glaubwürdige Position als moralische Instanz einnehmen?

In der Erklärung wird ein buntes Potpourri an Themen behandelt.

dieser Form eine glaubwürdige Position als moralische Instanz einnehmen?In der Erklärung wird ein buntes Potpourri an Themen behandelt. Auf 40 Seiten wettert der Vatikan gegen Sterbehilfe, Abtreibungsrecht und Geschlechtsangleichungen. All diese Selbstbestimmungsrechte werden als existenzielle Bedrohung für die menschliche Würde betrachtet. Als Begründung muss immer wieder dieselbe Behauptung herhalten: Das Leben sei, in jeglicher Form, ein Geschenk Gottes.Hauptangriffspunkt der katholischen Kirche scheint dabei die „Gender-Theorie“ zu sein. Gegenüber dem Freitag sagte Miriam Duignan, Sprecherin des Wijngaards Institute, das zu Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche forscht: „Die katholische Kirche tritt mit der Erklärung nicht nur in den Kulturkampf des 21. Jahrhunderts ein. Sie versucht, eine führende Rolle darin einzunehmen.“War Jesus genderfluid?Beleidigende Formulierungen zu trans Rechten seien in der Erklärung zu lesen, so Duignan. So ist anstelle von Geschlechtsangleichung von „Geschlechtsumwandlungen“ die Rede, die Durchführung solcher wird als völlig würdelos beschrieben. Das Leid von Menschen mit Geschlechtsdysphorie bleibt dabei völlig unerwähnt.Auch OutInChurch – ein deutscher Verein, der sich mit Workshops und Informationsveranstaltungen für die Rechte queerer katholischer Menschen einsetzt – übt scharfe Kritik an der Erklärung: „Für queere Menschen und ihre Allies ist dieses Dokument ein weiterer Baustein von würdeverletztendem Verhalten seitens der katholischen Kirche“, heißt es in einer Pressemeldung von OutInChurch zu der Dignitas infinita.Das binäre und starre Verständnis von Geschlecht, das der Erklärung zugrunde zu liegen scheint, sei auch aus theologischer Sicht blanker Unsinn, sagt Miriam Duignan. So werde Gott in der Bibel sowohl mit männlich als auch mit weiblich konnotierten Adjektiven beschrieben. Auch Jesus nutze im Neuen Testament eine Sprache, die als Hinweis auf seine Genderfluidität interpretiert werden könne, so Duignan. Beispiele dafür sind zahlreich. So nimmt Jesus etwa an einer Stelle des Neuen Testaments Bezug auf sich als „Mutter Henne“, die ihre Küken sucht.Hier wird deutlich: Die wörtliche Interpretation der Bibel ist nicht ausschlaggebend für die Trans- und Homofeindlichkeit der Dignitas infinita.Patriarchale Strukturen erhaltenEs geht vielmehr um den Erhalt patriarchaler Strukturen innerhalb der katholischen Kirche. Dabei spielt vor allem die Erziehung eine entscheidende Rolle, wie Theologin Duignan im Gespräch mit dem Freitag betont. Die Theologin, die in einer streng katholischen Familie aufwuchs, erzählt: „Beispielsweise sind wir alle mit der Vorstellung aufgewachsen, dass Abtreibungen eine schlimme Sünde sind. So werden Einstellungen wie diese über Generationen weitergegeben.“ Ein weiterer Aspekt, der der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen in der katholischen Kirche dient, ist die unentlohnte Arbeit, die von Frauen in vielen Gemeinden geleistet wird. Ohne diese könnten viele Gemeinden kaum bestehen, berichtet Theologin Duignan. So kümmerten sich Nonnen etwa um Kinderbetreuung und die Vorbereitung von Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Anerkennung dafür erhielten sie meistens nicht – weder in finanzieller noch in sonstiger Form, so Duignan.Während der Vatikan nicht an Formulierungen spart, die Frauen, trans Personen und homosexuellen Menschen die Würde und das Recht auf Selbstbestimmung absprechen, mangelt es der Erklärung doch an einem: an Selbstkritik.So wird sexuellem Missbrauch eine Abhandlung über acht Zeilen gewidmet, zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche fehlt jegliche Aussage. Die fehlende Aufarbeitung dieser lässt sich nur schwer nachvollziehen. Denn schon lange ist bekannt, dass der unkritische Umgang mit den Strukturen, die sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche über Jahrzehnte ermöglicht haben, viele Gläubige zum Austritt aus der Kirche bewegte.„Die katholische Kirche handelt in keinster Weise nach ihren eigenen Grundsätzen“, sagt Luca Badini Confalonieri, der als Wissenschaftler am Wijngaards Institute tätig ist. In einer besonderen Weise stelle sich die Heuchelei der katholischen Kirche beim Thema der Geschlechtergerechtigkeit dar. So wird etwa gefordert, ein „gerechtes Vorankommen in der Berufslaufbahn“ für Mann und Frau zu gewährleisten. Doch kaum eine Institution steht so für die Diskriminierung von Frauen im Beruf wie die katholische Kirche. Dass Frauen Priesterinnen werden, wird vom Vatikan noch immer nicht gebilligt.Positionen aus dem MittelalterDoch wie kommt es zu diesem eklatanten Mangel an Selbstkritik? „Die Institution spricht mit sich selbst über sich selbst und hört nur sich selbst zu. Nicht eine einzige wissenschaftlich relevante Quelle ist in der Erklärung zu finden“, sagt der Theologe Badini Confalonieri, der zu Sexualethik und Menschenrechten in der katholischen Kirche forscht. So könne es, wie Badini Confalonieri betont, nicht zur Aufarbeitung von Verfehlungen kommen.Blickt man auf die aufgeführten Quellen der Erklärung, so wird klar, was Badini Confalonieri meint: Keine einzige Frau wird zitiert, vor allem Papst Franziskus und seine Vorgänger sowie Theologen, die während des Mittelalters lebten, dienen als Referenz. So erschließt sich, weshalb die vertretenen Positionen so klingen, als stammten sie aus dem Mittelalter: Weil sie es tatsächlich tun.Nur wenige Positionen der Erklärung werden von queeren katholischen Verbänden und den Wissenschaftler:innen des Wijngaards Institute gelobt.So werden in der Dignitas infinita etwa erzwungene Abtreibungen verurteilt. Kein Wort verschwendet das Dokument darauf, zu erwähnen, dass zahlreichen katholischen Priestern nachgewiesen wurde, dass sie Frauen, mit denen sie Geschlechtsverkehr hatten, Geld zahlten und zu Abtreibungen drängten, wie die Theologin Duignan berichtet.Dass Papst Franziskus trotz seines Rufes als progressiver Papst nicht gerade mit queerfreundlichen Positionen auffällt, ist nichts Neues. Doch die Qualität, mit der sich die katholische Kirche in der neuen Erklärung gegen sexuelle Selbstbestimmungsrechte wendet, beschreiben die Wissenschaftler:innen des Wijngaards Institute als „bemerkenswert und schockierend“.Wenn die katholische Kirche eine moralische Instanz bleiben wolle, brauche es radikale Schritte, sagt Badini Confalonieri. Dabei gelte es vor allem, Expert:innen und Betroffenen zuzuhören. „Die Kirche muss ihre Position als Sprecher verlassen und endlich zuhören“, so der Theologe.



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Von Veritatis

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