Über 180 Künstler treten von Freitag bis Montag beim Wave Gotik Treffen in Leipzig auf. Wir haben die besten Geheimtipps sowie einige zwingende Konzerte herausgefiltert.

Szene in der Sackgasse? Von wegen: Das 31. Wave-Gotik-Treffen bietet ein ungewohnt vielfältiges Düsterprogramm, das die kulturellen Grenzen der “Schwarzen Szene” weitet wie nie zuvor. Bemerkenswert dabei ist der große künstlerische Gehalt der vielen Neuzugänge, die oft komplett ohne Goth-Gene auskommen, die düstere und melancholischen Seiten ihrer Hörer aber betörend zum Schwingen bringen: War vor einigen Jahren noch eine rapide Banalisierung zu beobachten, so wird die Musik wieder mehr und mehr zum Hauptthema des größten europäischen Grufti-Treffens. (Ja, so nennen wir das im Osten!) Zwar ist, das bleibt bei den über 180 Bands und Solisten nicht aus, auch die eine oder andere Notlösung am Start. (Ich nenne lieber keine Namen!) Das fällt aber nicht ins Gewicht angesichts eines sehr gut gewichteten Mixes aus besagten Weitblicken über den Tellerrand  – und honorigen Szene-Urgesteinen, die 2024 auch ausgesprochen feinsinnig kuratiert sind. 

Da fällt die Auswahl naturgemäß schwer. Diese zehn+ Künstler sollte man aber auf keinen Fall verpassen:

GVLLOW

Im Vorfeld des WGT sorgte zwar der Exklusiv-Auftritt der doch leicht überhypten, aber wenig gehaltvollen Prayers für viel Wirbel – die eigentliche Sensation ist aber das Gastspiel des Californiers Gvllow. Seit seinem nur auf Tape erschienenen Debüt “Waste Away” geistert der schwer tätowierte Sänger als neue Goth-Ikone durchs Netz, obwohl man de facto nichts über ihn weiß. Kürzlich erschien (leider nur digital!) plötzlich das neue Album “Twin Flames”, auf dem der Sänger Synth-Wave und Goth Rock mit großartigem Popschmelz in die Grenzbereiche zu den Charts treibt und mit seiner Punk-Attitüde mit herbem Kellerduft versieht. Das Album ist schlicht großartig – bei der Frage, wer die neue amerikanische Coldwave-Bewegung um Bands wie Drab Majesty, Twin Tribes, Actors, Choir Boy oder Cold Cave am besten repräsentiert, dürfte dieser Neben-der-Spur-Star ein gehöriges Wörtchen mitreden!

 

EDITORS

Die Indie-Sensation aus Birmingham ist einer der größten Namen in Leipzig, wobei es natürlich am aktuellen Mainstream-Formtief liegen dürfte, dass Tom Smith und Co das WGT überhaupt in Erwägung gezogen haben. Aber: Die Postpunk- und Wave-Anleihen auf frühen Düsterperlen wie “The Back Room” (2005), “An End Has A Start” (2007) oder “In This Light And On This Evening” (2009) haben viele Szenefreunde bereits früh nach den Editors schielen lassen. Zudem sind viele neuere Werk der Band in ihrer fein gearbeiteten Melancholie oft unterschätzt, vor allem “In Dream” (2015) und “Violence” (2018)!

 

DIVA DESTRUCTION

Die Industrial-Goth-Band aus Los Angeles um die beeindruckende Frontfrau Debra Fogarty galt in den Nullern als eine der größten Hoffnungen der Szene: Auf drei starken Alben (“Passion’s Price”, “Exposing The Sickness” und “Cold Run”) verband die Gruppe traditionellen Gruftrock á la Sisters mit dezenten Manson-Vibes, ohne sich dabei in die entsprechenden Klischees zu verstricken. Hier blühte eine dunkle Kreativität. Kein Wunder, dass Fogarty in dieser Zeit auf vielen Magazincovern zu sehen war. Leider verschwand die Band danach in der Versenkung – dass sie nun wieder am Start ist, dürfte, auch wenn solche Rückkehr-Shows ja immer mit einem gewissen Risiko behaftet sind, für viele ältere Fans zu den heimlichen Höhepunkten des WGT zählen.

 

KLEZ.E

sind die beste heimliche Gruftband Deutschlands. Die ersten Alben in den Nullern bewegten sich trotz viele melancholischer Anknüpfungspunkte zwar arg im Fahrwasser von damals wichtigen Indie-Bands wie Virginia Jetzt! Oder Juli – doch 2016 kehrte Frontmann Tobias Siebert zu seinen WGT-Wurzeln zurück und veröffentlichte mit “Desintegration” (2016) und “Erregung” (2024) zwei Alben, die das immer noch ausbleibende neue The-Cure-Werk auf Augenhöhe substituieren. Das hier ist betörender Düsterwave voller zerbrochener Schönheit mit einer schmerzlichen Stimme, wie geschaffen fürs WGT!

 

SLOW SHOW

Die Band aus Manchester ist stilistisch wohl am weitesten weg vom UR-WGT-Ansatz. Doch ihr betörend trauriger Soft-Indie-Poprock um die ultratiefe Gänsehautstimme von Rob Goodwin kriecht so nebelig unter die Haut, dass offenporige Goth-Hörer hier einen zweiten Herbst erleben dürften: Die Alben dieser handwerklich nebenbei vorzüglichen Truppe sind Seelentauchgänge der Sonderklasse!

 

ESPLENDOR GEOMÉTRICO

Die spanische Gruppe, mittlerweile zum Duo geschrumpft, ist seit 40 Jahren aktiv und gehört zu den Wegbereitern des modernen Industrial. Hier wird bizarre, aber stets wunderschöne Lärmarchitektur an der Grenze von Geräusch und Musik geboten, die zu den Grundfesten der Schwarzen Szene gehört und vor allem ihre elektronischen Seitenarme massiv beeinflusst hat.

 

NILS KEPPEL / SKUPPIN

The next Generation! Der Leipziger und der Chemnitzer gehören zu den größten Talenten der Neuen Neuen Deutschen Welle – einer frischen neuen Schar von Wave-Liebhabern, die sich aus den Zutaten der 80er einen ganz eigenen Tanztee kochen und in der Lage sein dürften, das alternde WGT auch für die nächste Generation aufzuschließen. Nils Keppel hat zwar erst ein paar Singles veröffentlicht – die zeigen jedoch in ihrer kühlen Schönheit bereits ein riesiges Potenzial. Und Skuppin balanciert auf seinem eben veröffentlichen Debüt “Reliquien” irgendwo zwischen Hubert Kah, Kraftwerk und Betterov über ein sanftes graues Meer des Synthpop, das einen direkt zu verschlingen droht.

 

DORSETSHIRE / PLACEBO EFFEKT

Wie gewichtig 1994 der Impact dieser ganz frühen Electro-Band mit ihrem Album “Das letzte Gefecht” war, zeigt sich schon an der Tatsache, dass Bruno Kramm von Das Ich in der neu gegründeten Zweitauflage von Dorsetshire an den Keyboards steht: Nachdem die Band 1998 zerbrochen war, reformierte Frontmann Monaco X sie 2017 neu. Dorsetshire haben einige der frühesten Klubhits der Schwarzen Szene fabriziert, etwa “Herzschlag” oder “Straße der Verdammnis”. Der Auftritt ist daher eine tiefe Verneigung vor den Wurzeln des Treffens. Ähnlich verhält es sich mit Placebo Effekt, deren erstes Tape “Gargoyles” ..

 

THIS MORN‘ OMNIA

Die belgische Band war in den Nullern eine der ersten, die den dunkeln EBM geschickt mit Ritual- und Techno aufbohrten. Das eröffnete damals eine neue Welt in der elektronischen Szene-Tanzmusik und macht die Gruppe wunderbar resistent gegen den Zahn der Zeit. Dass This Morn‘ Omnia immer noch leicht unter dem Radar fliegt, ist ein Szeneversäumnis. Vor allem live diese Band immer ein außerordentliches Erlebnis!

 

PLAYFELLOW

Die Ausnahme-Band aus Chemnitz zelebriert bittergoldenen Post-Indie-Rock einer ganz eigenen Liga: Auf den Alben “”Penumbra” (2008), “Carnival Off” (2012) und vor allem “Ephraim‘s House” (2015) gießt man spärlichen Flackerlicht-Pop in karge Tränenlandschaften zwischen die Klippen einer enttäuschenden Menschheit. Wenn man schon seit Jahren auf das neue Album warten muss, ist es doch ein regelrechtes Geschenk, die Gruppe um den betörenden Ausnahme-Sänger Toni Niemeier bei ihrer WGT-Premiere erleben zu können.

Das komplette Programm samt Künstler-Suchfunktion gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

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Von Veritatis

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